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RobinPortraetRobin Haas ist langjähriger Spieler und Coach auf der nationalen und internationalen Football-Bühne, Swiss-Bowl-MVP 2003 und profunder Kenner der Szene. Der gebürtige Churer, zurzeit bei den Basel Gladiators tätig, schreibt eine regelmässige Kolumne auf GR Heute.

Es ist gut zu sehen, wie positiv sich Football in den letzten paar Jahren in der Schweiz entwickelt hat, die Juniorenabteilungen arbeiten gut. Die jungen Spieler werden meist in allen Vereinen sehr gut ausgebildet, es gibt in unseren Ligen einige grossen Talente. Jedoch habe ich gemerkt, dass sich ein Trend entwickelt, dass wir alle ein bisschen zu überheblich werden und anfangen unrealistisch zu werden. Jeder zweiter Spieler will ein Highlight-Tape von sich und viel zu viele spieler haben die Illusion, sie könnten eines Tages College Football spielen.

 

Dieser Trend gefällt mir nicht und die Coaches müssen ihren Spielern ganz klar sagen, dass es für die Mehrheit ein unrealistisches Unterfangen ist. Den Spielern falsche Hoffnung zu geben, finde ich dem Spieler gegenüber nicht fair. Jeder Coach hat die Verpflichtung, ehrlich zu seinen Spielern zu sein und den Spielern realistische Ziele übermitteln.

Für  Schweizer Amateur-Footballer sollte das Ziel sein, bei ihrem Verein Leistung bringen und sein Land zu repräsentieren. Da einige Deutsche, Schweden und Finnen zuletzt Stipendien erhielten, um Football und schulische Ausbilding an grossen Colleges in Amerika zu absolvieren, hat sich seit einiger Zeit nun auch in der Schweiz diese Vorstellung breit gemacht. Für mich ist es eine Illusion und meist unrealistisch, wenn ich  von etlichen Spielern höre «ich will ans College gehen, um Football zu spielen». Leider kann ich auch nur schmunzeln, wenn mir andere von ihren 1-2 Junioren erzählen, die bald an eine 2- oder 4-Jahres-Schule in die USA wechseln, weil sie so gut sind.

Hier mal ein paar Fakten: Fangen wir nicht mal bei College an, sondern in der Higschool (14-17-Jährige). Es gibt etliche Leistungsträger von Schweizer Junioren-Teams, die ein Austauschjahr in Amerika machten und ausser im Training bei keinem einzigen Spiel jemals auf dem Feld standen. Wenn man Glück hat und die Austauschfamilie irgendwo im tiefsten Loch in Idaho oder North Dakota wohnt und das Football-Team gerade mal 22 Spieler umfasst, dann kommen auch die Schweizer zu Playingtime. Die Erfahrung, ein Austauschjahr an einer Higschool zu absolvieren, kann ich jedoch jedem jungen Football-Spieler nur empfehlen, egal ob er nur mitrainiert oder zu Playingtime kommt.

Zurück zur Illusion College Football. Mitte der neunziger Jahre ging als erster Schweizer der Berner Alexander Rouge an das College (3. Liga) in Menlo, Californien. Alexander war über mehrere Jahre der dominierende Oliner der Schweiz, und als wir an einem Camp in Orlando waren, kamen Coaches zu ihm und ermutigten ihn, er soll es mal versuchen. Als er dann genug Geld zusammen hatte, um Div3-Football zu spielen, beendete er zwar die Saison, brach das Abenteuer aber ziemlich schnell wieder ab. Aus 4 Jahren College wurden 5 Monate. Profitiert hat er jedoch sicherlich und die Erfahrung hat ihn noch besser gemacht als er schon war. Ohne Stipendium kann man die College-Erfahrung aber fast nicht finanzieren.

Der Basler Roman Stark war der erste Schweizer, der an ein Div1-College ging, mehrheitlich um zu studieren und als „Walk on“ versuchte, das Team der Southern Methodist University beizutreten. Er durfte mitrainieren für ein Weilchen, er brach das Football-Experiment wieder ab und blieb am College, um weiter zu studieren.

Dann gibts auch diejenigen, die einfach mal das College-Feeling erleben möchten und sich für eine Saison oder ein Schuljahr bei einem Programm einschreiben und sich diesen Spass einiges kosten lassen. Die Erfahrung ist jedoch «priceless» und man macht es aus Freude und ist Realist, dass man nur mittrainieren darf und nicht spielen wird. Leute wie Beat Wyss und der Churer Marco Mahrer gehören zu solchen Beispielen, die sich ihren College-Football-Traum so erfüllten. 

Bis zum jetzigen Zeitpunkt hat noch nie ein Schweizer auf direktem Weg ein Football-Stipendium erhalten. Daniel Glauser, der einzige, der jemals in einem Div1-Team stand, musste auch den Umweg über ein Junior College nehmen. Glauser, der zwei überragende Spielzeiten bei der New Mexico Military Institution absolvierte, entschied sich, ein Stipendium an der rennomierten Florida State University anzunehmen. Obwohl er in dem einen Jahr, als er spielberechtigt war, kaum spielte, kann er als bisher einziger Schweizer sagen, dass er zu einem Div1-Programm gehörte und das alles kostenlos. Glauser blieb das vierte Jahr noch in der Schule, ohne Football zu spielen und hat mittlerweile einen Collegeabschluss vorzuweisen.

Kommen wir zur Gegenwart: Während Österreich und Deutschland Dutzende College-Spieler haben, sieht es bei uns Schweizer eher düster aus. 2 sind an ein Junior Colleges gegangen, der eine aus Bern war 3 Wochen später wieder zuhause. Der andere, Dea Baumann aus Chur, ist immer noch am Fullerton College, jedoch hat er Position gewechselt und muss sich nun zuerst beweisen und einen Spot im Team ergattern. Im ersten Spiel spielte er Special Teams und verbuchte auch schon ein erstes Solo Tackle.*

Der Basler Yannick Haller ist als Kicker zur Penn State Universität gegangen und war im Frühling noch auf der 120-Mann-Kaderliste. Als nach den Sommerferien das Kader für die Saisonvorbereitung erschien, war er nicht mehr drauf.

Ich rate allen Spielern und Coaches im Schweizer Football, nicht irgendwelche Illusionen zu haben, sondern realistisch zu bleiben. Zuviel wird von den Coaches in der Schweiz versprochen, den Spielern Hoffnung eingespritzt, wo es gar keine gibt. Zu mir kamen etliche Spielern mit der Frage: Coach, kannst du mich mit deinen Connections an ein College bringen? Meine Antwort: Ja, aber um zu studieren, nein, um Football zu spielen und ein Stipendium wirst du nirgends bekommen. Die Wahrheit ist besser als falsche Hoffnung zu verbreiten.

Der Weg ist lange und hart. Finanziell, organisatorisch (Visum, Toefl-Test…) – die Hindernisse, um an ein College zu kommen, sind gross. Für Skill-Positionen wie Quarterbacks, Receiver, Runningbacks und Defense Backs ist es fast eine unmögliches Unterfangen. Oliner haben noch die besten Chancen. Grosse starke Leute mit guten Füssen werden immer gebraucht. So sind die Schweden, Österreicher und Deutsche, die Stipendien haben, allesamt Lineman.

Also wie man so schön sagt, den Ball flach halten. Ziele sollte jeder Spieler haben, jedoch sollten sie auch realistisch bleiben.

 

 

 

* Dea Baumann wird für GR Heute in einem Blog über sein Football-Jahr beim Fullerton College berichten.

 

(Bild: Pixabay.com)