Die 22-jährige Thusnerin Sonja Gambon studiert in Luzern Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften. In sechsten Teil der Blog-Serie «Bündner im Exil»  schreibt sie, warum Weihnachtszeit auch noch stressig sein kann.

 

Es ist soweit. Ich kann nun an einer Hand abzählen, wie viele Tage es zu den Abschlussprüfungen noch dauert. Es sind noch zwei bzw. fünf. Fühlt sich komisch an, so surreal, so nah, so fern, so realitätsfremd, so hä.

Ja, bald bin ich fertig mit dem Studium, bin eine Bachelorette, hab abgeschlossen, bin nicht mehr Studentin. Das verwirrt. Ist dann noch Zeit, sich mit Visionen herumzuschlagen? Jeden Tag neue Pläne zu schmieden, sich neu zu erfinden, sich mit Wissen zu überhäufen, sich über riesige, komplizierte Texte aufzuregen und gleichzeitig diese voller Neugier zu verschlingen?

Nun, diese Fragen dürften sich jetzt noch nicht stellen. Ich hab ja genug zu tun. Vier Monate sass ich – nein, eigentlich waren es mindestens sechs – an dieser gottverdammten (exgüsi) Bachelorarbeit, fiel nach der Abgabe in eine tiefe Sinnkrise, kroch heraus und begann, für die Abschlussprüfungen Buch um Buch zu lesen. Und zu schreiben. Und zu lesen. Und zu schreiben: Bei verschiedenen Engagements als Journalistin, eine willkommene Abwechslung, da ist man freier im Stil, das mag ich (sonst würde ich in diesem Moment auch etwas anderes machen), und an meiner letzten Seminararbeit. Ja, ich durfte nach der Bachelorarbeit nochmals eine Arbeit schreiben, juhui. Da habe ich das Thema auch zweimal gewechselt, schlussendlich kam’s ganz gut. Heute ist sie fertig geworden, neben dem Lesen von dicken Schinken, Bourdieu ist mein bester Freund geworden. Ich kann nun alle internationalen Probleme analysieren und mit Feminismus muss mir niemand mehr kommen. Habitus und Isomorphismus gehören zu dem Genre an Begriffen, von denen ich es kaum erwarten kann, sie aus meinem Vokabular zu verbannen, zumindest auf Zeit.

Sieben Semester hab ich mich herumgeschlagen, getüftelt, geschrieben, gelernt, Texte gelesen, Texte geschrieben, mich mit Klischees über Sozialwissenschaftler herumgeschlagen, meine Umwelt in Prüfungsphasen verrückt gemacht, neue Freunde gefunden, meine Interessen verfolgt, in verschiedenen Vereinen mitgewirkt, in verschiedenen WG’s gelebt, einen Auslandaufenthalt absolviert und kämpfe ich mich ein letztes Mal durch die Vorweihnachtszeit.

Wer jetzt Adventskränze kauft und Plätzchen backt, ist bestimmt kein Student. Wer schon vor Dezember Geschenkideen hat und diese umsetzt, genau weiss, wann er in den Feiertagen wo ist, das Weihnachtsmenü schon ausgesucht, der entspannt Silvester verplant hat, der hat keine nett geplanten Prüfungen in den letzten Dezemberwochen. Und zusätzlich in der ersten Januarwoche, und dann noch Essays und Semesterarbeiten abzugeben.

Bereits zum vierten Mal durchlebe ich diese Phase, und so schlimm es auch ist, ein bisschen melancholisch bin ich schon. Auch wenn ich die Bibliothek nicht mehr sehen kann und gewisse Fachbegriffe (siehe oben) mich in den Wahnsinn treiben, so weiss ich auch, dass ich sie bald vermissen werde. So wie vieles anderes auch, denn studieren ist wunderbar. Glücklicherweise ist es nur eine Trennung auf Zeit: Der Master und ein neues Stresslevel warten schon auf mich.

 

(Symbolbild: Pixabay)