GRHeute-Journalist Jürg Kurath besuchte am Samstagabend das verrückte Bündner 1. Liga-Derby EHC Arosa – EHC Chur. Eigentlich wollte er «nur» ein Interview…

Eigentlich wollte ich mit Herbert Schädler, dem Trainer des EHC Chur ein Interview führen. Nachdem dieser aber im ersten Drittel nach dem dem vierten Tor des EHC Arosa wütend seine Magnettafel auf der Spielerbank zertrümmert hatte, zog ich es vor, dies doch nicht zu tun.

Zum Glück hatte ich vor Matchbeginn mit Adrian Fetscherin, dem Geschäftsführer des EHC Arosa, vereinbart, nach dem Spiel ein paar Worte zu wechseln. Ich war bis ins letzte Drittel guter Dinge. Nach Spielschluss hat er sich dann aber, aufgrund des irren Matchverlaufs verständlicherweise bitter enttäuscht, umgehend in die Katakomben der Eishalle Obersee zurückzogen – und weg war er.

Irgendwie muss ich diese Entwicklung vorausgeahnt haben. Denn in der zweiten Drittelspause habe ich zufälligerweise Lutta Waidacher, den Präsidenten des EHC Arosa, getroffen. Dieser hat mir sodann auf meine Anfrage hin ein Interview gewährt.

 

Lutta Waidacher, worauf führt Ihr die derzeitigen sportlichen Probleme des EHC Arosa zurück?

Es ist auch für uns nicht einfach, dies zu erklären. Nach dem Sieg im letzten Spiel der Qualifikation und der Festtagspause starteten wir zuversichtlich, scheinbar ausgeruht und mit drei Heimspielen in die Masterround. Doch bereits der Start mit dem 1:2 gegen Frauenfeld ging in die Hosen, gefolgt von den klaren Niederlagen gegen Wetzikon, Biasca und Dübendorf. Wir haben ein junges Team,  das vielleicht nicht so gut ist, wie es anfangs Saison ausgesehen hat. Damals ist aber auch alles für uns gelaufen. Anderseits sind wir heute wahrscheinlich auch nicht ganz so schlecht, wie es in den letzten Partien ausgesehen hat. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte.

Grosses Verbesserungspotential hat die Mannschaft sicher in taktischer Hinsicht. Die Nachwuchsspieler sind sich nicht gewohnt, zu den Basics zurückzukehren und an die Defensive zu denken, wenn es einmal nicht so gut läuft, sondern suchen ihr Heil immer in der Offensive. Ein Sieg im Derby gegen Chur wäre nun natürlich ein Befreiungsschlag und gut für das Selbstvertrauen, das den meisten Spielern abhanden gekommen ist. Unter dem Strich müssen wir aber mit der Qualifikaton für die Masterround und die Playoffs zufrieden sein.

Sind die Spieler übertrainiert und deshalb müde und ausgelaugt?

Viel trainieren ein wichtiger Teil unseres Konzepts. Wir wollen junge Spieler engagieren, die in einem ersten Anlauf den Schritt in die Nationalliga nicht geschafft haben. Wir können aufgrund der Verhältnisse in Arosa vielleicht mehr Trainings anbieten als anderswo. Irgendwann muss sich das harte Training dann aber auch resultatsmässig positiv auswirken, spätestens in den Playoffs. Die Müdigkeit kann sicher mit ein Grund sein für unsere gegenwärtige sportliche Baisse.

Welches Ziel habt ihr Euch für die Masterround gesteckt?

Schön wäre ein Platz unter den ersten vier mit Heimrecht in den Viertelsfinals der Playoffs. Der Traumgegner wäre dann sicher der EHC Chur. Denn diesen haben wir in der Qualifikation zweimal besiegt und auch für die Zuschauer wäre ein allfälliges Kantonsrivalenderby sehr interessant.

Ist beziehungsweise war ein Aufstieg des EHC Arosa in die NLB realistisch?

Allerdings. Die Verantwortlichen des HC Davos sind auf uns zugekommen und im Herbst schien es, als wären wir in Zukunft das in der NLB spielende Farmteam der Davoser. Für unsere Vision einer Bündner Lösung wäre ein starker und qualitativ guter Klub wie der HCD im Hintergrund ideal gewesen.

Die Zusammenarbeit ist nun aber leider nicht zustande gekommen und ich begreife den HCD auch, denn mit der Aktienmehrheit hätten die Davoser, die finanziell bekanntlich auch nicht auf Rosen gebettet sind, das ganze finanzielle Risiko tragen müssen. Für mich bleibt es aber eine Vision, eine Bündner Lösung zu realisieren. Wir in Arosa werden jedenfalls so weiterarbeiten wie bisher und unsere Vorzüge in die Waagschale werfen. Sportlicher Erfolg ist zwar nicht planbar, aber wir werden unser Projekt mindestens noch zwei Jahre weiterführen und dann sehen, wo wir stehen.

Arbeitet Ihr im Nachwuchsbereich auch mit dem HC Davos zusammen und funktioniert die Zusammenarbeit? 

Die Zusammenarbeit ist nicht so intensiv wie zwischen dem HCD und dem EHC Chur. Dieser kann seinem Partner mit seinem sehr guten Nachwuchs viel mehr bieten. Wir in Arosa haben zwar auch guten Nachwuchs, können aber nur bis zu den Minis eigene Mannschaften stellen. In den letzten zwei Jahren hat sich einiges gebessert und momentan klappt die Zusammenarbeit.

Wie seid Ihr zufrieden mit dem Zuschaueraufmarsch in dieser Saison?

Wir sind sehr zufrieden mit den Zuschauerzahlen, denn sie haben sich gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Auch im November waren wir zuschauermässig dank den guten Leistungen des Teams durchaus im Soll. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem der grosse Einsatz von Adrian Fetscherin, der sich als Geschäftsführer unter anderem nicht nur um den Internetbereich, sondern sehr intensiv auch um den Fansektor kümmert. Das hat uns sehr viel gebracht.

Was sagst Du zum heutigen Derby?

Im ersten Drittel ist alles für uns gelaufen und wir hatten auch etwas Glück. Im zweiten Abschnitt ist Chur deutlich stärker geworden, während die Aroser nachgelassen haben. Das Spiel (zu dem Zeitpunkt stand es noch 5:3 für die Einheimischen) ist aber noch lange nicht gegessen!

 

Damit wendeten wir uns wieder dem Spielgeschehen zu. Und Lutta Waidacher sollte sich als guter Prophet erweisen, denn die an Spannung kaum zu überbietende Partie endete bekanntlich nach 60 Minuten normaler Spielzeit, fünf Minuten Verlängerung und dem Penaltyschiessen trotz einer zwischenzeitlichen 5:0-Führung des EHC Arosa mit 6:5 Toren für den EHC Chur. Wahnsinn!

 

(Bild: hopparosa.blogspot.com)

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Walter Schlegel Lightbox März_Mai 2018