Der Grosse Rat hat die Initiative «Nur eine Fremdsprache in der Primarschule» im letzten Jahr mit grossem Mehr für ungültig erklärt. Das Verwaltungsgericht hat diesen Entscheid gestern aufgehoben und damit die dagegen erhobene Beschwerde der Initianten gutgeheissen. Er sait – si sait sehen das Ganze aus verschiedenen Perspektiven.

 

Kinder von heute sind Hochleistungssportler. Ihr Verein heisst FC Schweizer Wirtschaft. Bis sie im Erwachsenenalter ins Fanionteam eintreten, folgen sie einem «Blueprint», den die meisten Eltern mehr oder weniger geduldig weitergeben und nach Schulung mit Überzeugung von ihren Kids einfordern. Im Fachjargon «Erziehung» genannt. Dazu gehört heute das planwirtschaftliche, nachhaltige, pädagogisch wertvolle Füllen aller Zeitfenster eines Tages.

Das Kind soll sich (zumindest im öffentlichen Raum) zu benehmen wissen. Tagsüber wird in der Schule gepusht. Stärkt den Geist und macht Hirnmuskeln. Nach der Schule Hausaufgaben und ab ins Fussballtraining. Das ist gut, weil dadurch Gesundheitsbewusstein, Teamgeist und Durchsetzungsvermögen geschult wird. Dasselbe am nächsten Abend, diesmal darf’s ein bisschen Kultur sein. Das fördert musische Begabung, Sinnlichkeit und neue Fertigkeiten. Kann im späteren Leben auch nicht schaden. Am nächsten Abend planen verantwortungsbewusste Eltern bewusst einen freien Abend ein, der die Gemüter mit einem Familienspiel (gut) oder Fernsehschauen (schlecht) runterfahren soll. Donnerstag: Schule, Hausaufgaben, dann wieder Sport, dazu der Mittagstisch, weil die Eltern unterwegs sind. Das macht auch nichts, das fördert die Selbstständigkeit und die soziale Integration. Aber bitte nicht fünfmal pro Woche, das wäre schädlich, dann nämlich käme das besonders positiv konnotierte «Miteinander in der Familie essen» zu kurz. Am Freitagabend dürfen sich die Kids dann «frei» ein paar Stunden im Quartier bewegen, ehe am Wochenende ein Marathon an organisierten Eventbesuchen ansteht. Und dann gehts wieder von vorne los, zehn Jahre lang, bis aus den Kindern junge Erwachsene geworden sind, die diesen Lebensstil verinnerlicht haben. Und leistungsmässig fit sind, ein Stammspieler im FC Schweizer Wirtschaft zu werden. Wir Eltern schauen dann stolz von der Tribüne aus zu, als Rekrutierer und «Defender of the Crown».

Das Spiel der Erwachsenen sieht anders aus. Da kommt eine Gruppe, die meint, die Kids seien doch immer noch Kinder – und der Satz «das Wichtigste ist, dass sie in diesem Alter noch Spass haben, der Stress kommt später schon noch» mehr als eine leere Floskel. Diese Gruppe sagt, nehmen wir den Kids doch in der Schule etwas Druck weg. Zwei Sprachen zu lernen statt drei im Primarschulalter ist doch genug. Im Gegenteil: Weniger ist letztlich mehr. Lieber zwei gut als drei schlecht.

Einer anderen Gruppe gefällt dies aber gar nicht. Nicht einmal wegen der Forderung, aber der Kleine nervt halt einfach. «Der tut immer so blöd». Er macht ihm die Spielsachen kaputt und mischt sich überall ein. Bei Kindern können solche Streitereien auch mal eskalieren. Sie kratzen, boxen, beissen ihre Geschwister – natürlich sehr zum Missfallen der Eltern. Das macht man nicht. Gewalt ist schlecht. Deshalb leben sie sie auch nicht vor. Die Erwachsenen machen das ganz anders, auch in der Bündner Politik: Da nimmt der Grosse dem Kleinen einfach überlegen lachend den Schnuller weg und grinst ihn provozierend an, bis dieser schreiend zu Mami rennt, um zu petzen.

Das Problem ist nur, dass Mami alles gesehen hat und weiss, dass der Kleine recht hat. «Gib den Schnuller her! So was macht man nicht. Man kann darüber reden, wem der Nuggi gehört. Aber ihn einfach wegnehmen, nur weil man grösser ist, das geht gar nicht», rügt sie die Grossen vom Rat (so leise und überlegt, wie es wohl viele richtige Mamis in dieser Situation gern tun würden). Schmollend gibt der Grosse den Nuggi her – und der Kleine triumphiert. Bis zum nächsten Kratzen, Boxen, Beissen.

Und jetzt bitte alle ins Bett!

 

(Bild: Pixabay)