Ein Kommentar zur Wahl von Marco Tscholl zum Kandidaten der bürgerlichen Parteien für den letzten Stadtratssitz.

 

Sie wollen es also tatsächlich wissen. Die Kandidaten Hanspeter Hunger (SVP) und Peter Portmann (CVP) ziehen sich aus dem Rennen um den dritten Stadtratssitz zurück und rücken Marco Tscholl (BDP) ins Scheinwerferlicht. Der Kommunikationsfachmann soll’s richten und die fehlenden 1344 Stimmen gegenüber SP-Kandidat Patrik Degiacomi aufholen. Wobei es mehr sein werden, die Tscholl braucht. Die Churer SP betreibt seit letztem November Wahlkampf, um ihren Sitz im Stadtrat zu verteidigen. Der erste Schritt, dem bis zum Kampagnenstart weitgehend unbekannten Patrik Degiacomi ein Gesicht in der Öffentlichkeit zu geben, gelang zwar. Allerdings wussten die SP-Macher, dass die Rahmenbedingungen auf die Sitzverteidigung im ersten Wahlgang am besten sind. Im zweiten drohte das wenig wahrscheinliche Worst-case-Szenario, der bürgerliche Schulterschluss. Der bereits jetzt Tatsache geworden ist. Die SP Chur hätte es in der Hand gehabt, den Sitz zu holen. Rund 300 Stimmen fehlten am Ende zum Triumph der Linken.

Seit gestern werden die Karten neu gemischt. Nicht einmal 24 Stunden nach dem ersten Wahlgang haben die bürgerlichen Parteien ihr parteipolitisches Kettenrasseln beendet und sich auf Marco Tscholl als gemeinsamen Kandidaten der BDP, SVP, CVP und FDP Chur geeinigt.

Von Vorteil war, dass die FDP Chur mit Stadtpräsident Urs Marti ihren Spitzenmann am Sonntag locker durchgebracht hatte, nicht zuletzt auch dank vieler Stimmen aus allen politischen Lagern. Sie sorgte gestern als unbelastetes Mitglied der bürgerlichen Gruppe als eine Art Puffer für die BDP, SVP und CVP, die am Sonntagabend alle noch auf ihren Kandidaten hofften. Am wenigsten Chancen wurde CVP-Mann Peter Portmann eingeräumt, so dass sich das «Duell» an der gestrigen Sitzung schnell auf BDP-Vertreter Marco Tscholl und SVP-Kandidat Hanspeter Hunger konzentrierte.

Beiden Kandidaten wurde die Aufgabe im Stadtrat zugetraut. Beide hatten Argumente, warum sie zum Handkuss kommen sollten. Tscholl verfügte (knapp) über das beste Resultat der Drei im ersten Wahlgang, Hunger über die breiteste Parteibasis. Wie stark die Aversionen einiger Wählerkreise gegen einen SVP-Vertreter – und die damit verbundene Beschränkung des Wählerpotenzials – eine Rolle spielte, ist Makulatur. Das entscheidende Kriterium, warum Marco Tscholl der richtige Kandidat für die Bürgerlichen ist, ist ein anderes: Hanspeter Hunger verzichtete freiwillig auf eine Kandidatur und machte so den Weg für Marco Tscholl frei.

Für Hunger ist der Entscheid zukunftsweisend. Der Churer wurde am Sonntag nicht nur in den Gemeinderat gewählt, er erzielte auch das beste Ergebnis aller Kandidaten. Anstatt sich in einem schwierigen zweiten Wahlkampf mit ungewissem Ausgang aufzureiben – ob gegen Degiacomi oder noch schlimmer gegen Degiacomi und Tscholl und dann dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass die Bürgerlichen wieder einen SP-Stadtrat «gekürt» hätten -, macht der Churer einen noblen Zug, gibt als SVP-Vertreter einem BDP-Kandidaten den Vorzug und bringt die Bürgerlichen zumindest in Chur näher zusammen. Ein bescheidener Gewinner: Das ist der Boden, auf dem in Zukunft neue politische Möglichkeiten für Hanspeter Hunger wachsen werden. Letzten Endes war es eine Entscheidung der Vernunft. Wenn der letzte «Drive» fehlt, ist es falsch, alles in die Waagschale zu werfen.

Diese angesprochene Energie bringt Marco Tscholl zweifellos mit. Sein Wählerpotenzial wird im zweiten Wahlkampf stark nach oben schiessen, derweil SP-Mann Patrik Degiacomi in den nächsten Wochen um jede Stimme kämpfen muss. Auch wenn man es angesichts des Vorsprunges des SP-Vertreters im ersten Wahlgang fast nicht glauben kann: Bei vollem Mobilisierungsgrad beider Lager hat Marco Tscholl die Wahl im Sack – und Chur wieder einen bürgerlichen Stadtrat.

Aber bis zum 26. Juni fliesst noch viel Wasser die Plessur runter. Und wenn sich Links mit Rechts prügelt, dann wird bekanntlich noch viel Dreck geworfen.

 

(Bild: zVg.)