Lina Moser ist Bloggerin aus Grüsch und porträtiert in unregelmässigen Abständen «Lüt vu Graubünda». Dabei berichtet sie über einen Aspekt aus dem Leben von «normalen» BündnerInnen. Der Blog ist lose angelehnt an die populäre Webseite «Humans of New York».

Karin und Patrik Huber, Huber Gartenbau, Maienfeld

«Tiere sind kein Ferienmitbringsel»

Es begann, wie so oft, zufällig, als mein Mann, der sich seit jeher für artgerechte Tierhaltung einsetzt, bei einem Kunden den Garten umgestalten sollte. Da ist ihm gleich ganz hinten unter den Bäumen eine Holzkiste aufgefallen. Als er die Kiste geöffnet hat, war er ziemlich erstaunt: Es war das Zuhause einer Schildkröte, die bislang mit Nudeln gefüttert wurde. Nun, man muss jetzt nicht unbedingt ein Biologe sein um zu wissen, dass wohl Nudeln und Holzkisten in der Natur der Schildkröten eher weniger vorkommen. Als der Arbeitstag zu Ende ging, sagte mein Mann zu dem Kunden, er wolle, dass das Tier, wenn er nächstes mal wiederkomme, entweder artgerecht gehalten werde oder er werde es dem Tieramt melden. Als er wieder da war um die Arbeit zu beenden, wurde ihm diese Schildkröte quasi in die Hand gedrückt – mach Du.

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Das ist jetzt ungefähr zehn Jahre her. Mittlerweile sind wir die inoffizielle Schildkröten-Auffangstation in Graubünden. Momentan leben bei uns 51 Wasser- und 42 Landschildkröten. Unser Platz ist leider beschränkt, die Wasserschildkröten leben deshalb in verschiedenen Aquarien bei uns im Haus. Die Tiere werden uns in Kartons vor die Türe gestellt, die Polizei bringt uns Findeltiere oder auch das Tierheim Chur hat uns bis vor kurzem die Tiere gebracht, da man bis anhin für Schildkröten nicht ausgerüstet war. Als inoffizielle Auffangstation bezeichnen wir uns, weil wir bis jetzt noch von keiner offiziellen Stelle finanzielle Unterstützung erhalten haben. Immerhin kostet uns das alles etwa 20’000 Franken jährlich. Es gibt aber gottseidank vereinzelte Leute, die sehen, was wir für die Tiere tun, uns durch private Spenden unterstützen wo sie nur können und so machen wir weiter, bis zum Umfallen – denn – das Problem wird grösser und grösser. Nicht umsonst rüstet sich die mit Platz für 800 Tiere in der Schweiz grösste Auffangstation in Chavornay auf, um künftig bis zu 3000 Tieren Unterschlupf gewähren zu können.

Man darf hier nicht ausser Acht lassen, dass Schildkröten Ur-Tiere sind, die seit 220 MILLIONEN Jahren auf unserer Erde leben. Das ist eindrücklich! Aber bringt uns zum nächsten Problem: Schildkröten sind enorm robust und leben sehr lange. Mit 50 Jahren und mehr muss man rechnen. Landschildkröten werden auch gerne mal über 100 Jahre alt. Es sind Tiere, die in der Schweiz nicht von Natur aus ansässig sind. Viele Schildkröten werden als fünflibergrosses Baby von ausländischen Märkten aus den Sommerferien mitgebracht. Sobald dann festgestellt wird, dass die ja eigentlich saulange leben, grösser werden und halt doch auch etwas Arbeit machen, werden die ausgesetzt oder eben vor unsere Türe gestellt. Durch ihre Robustheit überleben viele ausgesetzte Tiere und bringen so die einheimische Fauna in Gefahr. Dies ist mit ein Grund, weshalb mittlerweile einzelne Arten verboten sind in der Schweiz.

Es kommt aber Bewegung in die Geschichte und das ist gut so! Das Tierheim rüstet seit letztem Jahr in diesem Bereich auf, Lehrlinge des Tierheims kommen zum Kurzpraktikum zu uns und letztes Jahr wurden wir an die HIGA eigeladen, die ja unter dem Thema Tierschutz stattfand. Wir bemühen uns auch anderweitig um Aufklärung der Öffentlichkeit. So kommen zum Beispiel nächste Woche Schulklassen zu uns um sich anzusehen wie Schildkröten artgerecht gehalten werden und was alles dazugehört. Und hoffentlich werden zumindest diese Kinder aus ihrem diesjährigen Urlaub keine Tiere zum Spass mitbringen.

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