Letztlich war es eine klare Sache: Patrik Degiacomi sicherte der SP Chur gestern im zweiten Wahlgang den Platz im Stadtrat und sorgt dafür, dass die Bündner Haupstadt weiterhin «links» regiert wird. Dabei hatten die Bürgerlichen noch vor drei Wochen an einem einzigen Vormittag alle Massnahmen getroffen, um einen ihrer Kandidaten durchzubringen, um die Stadtregierung wieder in bürgerliche Hände zu bekommen. CVP-Kandidat Peter Portmann und SVP-Kandidat Hanspeter Hunger hatten sich zurückgezogen, um BDP-Mann Marco Tscholl als gemeinsamen Kandidaten zu portieren, flankiert von der FDP mit dem gerade mit einem Glanzresultat gewählten Stadtpräsidenten Urs Marti. Was nicht möglich schien, hatten die Bürgerlichen nach Jahren der Uneinigkeit in wenigen Stunden geschafft: Die Reihen zu kitten, die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund zu rücken.

Die Hoffnung währte nicht lange. Schon 24 Stunden später war Tscholls Kandidatur für den zweiten Wahlgang von unliebsamen Themen überschattet. Bereits am Abend der Nominierung liess SP-Wahlkampfleiter Lukas Horrer im Radio nebenbei die Bemerkung fallen, er könne sich nicht vorstellen, dass Chur zwei Cousins im dreiköpfigen Stadtrat wolle. Das Argument war zwar schon bekannt, wurde aber am Tag nach der Nomination von der Südostschweiz zur grossen Titelstory gemacht – und schon war der bürgerliche Vertreter im Duell mit Patrik Degiacomi in der Defensive.

Dazu kam der fast zeitgleiche Entscheid der Churer SVP, Hanspeter Hunger doch wählen zu wollen, auch wenn dieser eine weitere Fortsetzung des Wahlkampfes explizit ausschloss. Ein Eigentor der bedenklichen Sorte, spielten bei diesem Entscheid doch immer noch alte Antipathien das Zünglein an der Waage. Einen BDP-Vertreter wählen, dazu können sich auch heute noch einige SVPler nicht überwinden, obwohl sie ihren Rivalen im letzten Herbst doch vernichtend an allen Fronten – Wahlsieg, EWS-Rücktritt, zwei SVP-Bundesräte – geschlagen hatte. Statt zurückzustehen und sich in eine gute bürgerliche Position für folgende Wahlen zu bringen, brachte die Churer SVP die Koalition, die tags zuvor noch so vielversprechend aussah, zum Bröckeln.

Die Südostschweiz ihrerseits schlachtete die Cousin-Story auch am zweiten Tag nach der Nomination von Tscholl aus und liess einen auswärtigen Experten zu Wort kommen, der den bürgerlichen Kandidaten aus einer scheinbar neutralen Ferne weiter destabilisierte. (Irgendwie erinnerte das an den «Experten» aus Berlin, der anno dazumal das Bündner Olympiaprojekt in der Südostschweiz zerfleddern durfte.) Das bürgerliche Feuer vom Montag war jedenfalls schon am Mittwoch als Strohfeuer entlarvt, statt gemeinsamer Kraft hatten sich die bürgerlichen wieder in ihre eigenen Parteigefilde zurückgezogen. Dann kam die EM, die Hooligans, der Brexit – und irgendwie war die Lust im bürgerlichen Lager am 2. Wahlgang so rasch verflogen, wie sie zwei Tage zuvor entfacht war.

Ein Blick auf die Resultate zeigt, dass Degiacomi im Vergleich zum ersten Wahlgang gestern nochmal deutlich von 3483 auf 4212 Stimmen zulegen konnte, wohl nicht zuletzt dank den Wählern der Freien Liste, die bei nicht wenigen Themen mit Tom Leibundgut nun weiterhin den Stichentscheid im Stadtrat haben dürften. Marco Tscholl hingegen legte mit 2702 Stimmen gegenüber dem ersten Wahlgang (2139) nur um 563 Stimmen zu. Die SVP Chur kann immerhin behaupten, dass die 400-Trotz-Stimmen für SVP-Nichtkandidat Hanspeter Hunger keine Rolle spielten. Weder der grosse Rest der SVP, noch die CVP oder die FDP hatten Lust, an die Urne zu gehen. Im Vergleich zum ersten Wahlgang ging die Wahlbeteiligung um fast 10% zurück. Der bürgerliche Schulterschluss war nur ein Papiertiger, was aus bürgerlicher Sicht wenig Gutes hinsichtlich der Regierungsratswahlen 2018 erahnen lässt.

Der SP hingegen ist zu gratulieren. Sie hat den besten Wahlkampf aller Parteien gemacht. Sie hat schon im Herbst 2015 erkannt, dass sie ihren Kandidaten bekannter machen muss, was ihr mit einer unendlich lang scheinenden Plakat-Kampagne auch gelang. Was einige Bürgerliche letzten Herbst noch belächelten, wurde ihnen spätestens nach dem ersten Wahlgang schlagartig klar: Degiacomi bringt nicht nur den fachlichen Background für das Amt des Stadtrats mit, er war auch als Name und als Gesicht bekannt geworden, zumindest im linken Lager. Die SP mobilisierte und zog ihre Linie bis zum gestrigen Schlussstrich durch. Zusammen mit dem Sololauf der Parteien im ersten Wahlgang und dem erneuten Fiasko der Bürgerlichen im zweiten reichte dies locker, um den Sitz im Stadtrat zu verteidigen.

 

(Bild: zVg.)

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