Stress im Alltag, Versagensängste und der Druck der schnelllebigen Gesellschaft verlangen von unserem Nachwuchs Höchstleistungen. Der übertriebene Ehrgeiz der Eltern und der Wunsch nach Perfektion und Erfolg setzt die heutige Generation hohen Belastungen aus. Auch in Graubünden macht sich dieser Trend sichtlich bemerkbar.

Leistungsdruck in der Schule, Konkurrenzkampf unter Freunden und Gleichaltrigen und Terminstress zwischen Schule, Hausaufgaben, Musikunterricht und Sport-Training. Kinder werden bereits in der Primarschule getrimmt, sich auf ihre berufliche Zukunft zu fokussieren und sich selbst unter Druck zu setzten, indem sie Bestleistungen erbringen sollen, müssen oder wollen. Scheitern scheint ein absolutes No-Go zu sein. Ein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Teufelskreis, bei dem schlussendlich unsere Kinder die Leidtragenden sind.

«Wen wundert’s, dass Burnout bei Lehrern und Schülern immer häufiger auftritt?»

«Das Leistungsniveau hat sich im Laufe der Zeit wesentlich verändert. Die moderne Schule ist bestimmt vielfältiger, abwechslungsreicher und interessanter geworden. Doch die vielen äusseren Einflüsse, die Erwartungshaltung der Eltern, die verplante Freizeit und die immer häufiger werdenden Ablenkungen durch den einfacheren Zugang zu den unterschiedlichsten Medien führen dazu, dass viele Schüler immer mehr Schwierigkeiten haben, sich auf ihren «Job» zu konzentrieren. Und wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, dann ist es für alle Beteiligten schwierig. Auch bei uns gibt es sie, die gefürchteten Helikoptereltern», so eine Lehrperson, einer Churer Primarschule.

Doch nicht nur Schüler müssen sich grossen Herausforderungen im Alltag stellen, auch die Lehrerschaft spürt den Druck der heutigen Zeit: «Die Herausforderungen sind mannigfaltig. Denn die Erwartungen der Eltern einerseits, als auch der Behörden andererseits, bekommt die Lehrkraft zu spüren. Dazu kommt die weitverbreitete «Reformitis»; oft bleibt kein Stein auf dem anderen. Integration, immer wieder andere Lehrmittel, neuer Lehrplan, zwei Fremdsprachen, viele ausländische Schüler und neue Verordnungen der Behörden.»

Inland - Sportunterricht

Nachwuchs fördern statt fordern!

Ganz klar: der Wettbewerb in der Leistungsgesellschaft wird immer stärker. Immer mehr Bündner Schüler ziehen heute die Mittelschule einer klassischen Berufslehre vor und streben einen Universitätsabschluss an. Doch wie kommt es? Ist die heutige Generation besser, klüger und intelligenter? Hat die Digitalisierung und Schnelllebigkeit einen Einfluss darauf, dass Kinder heute unter Stress und Leistungsdruck leiden oder ist die vorsorgliche Überbehütung der Eltern verantwortlich dafür, dass die ständig wachsenden Anforderungen unserer Gesellschaft bei Kindern und Jugendlichen offensichtliche Spuren hinterlassen?

GRHeute hat sich mit einem Churer Schulleiter darüber unterhalten.

Wie hat sich die Leistung der Schüler in den vergangenen Jahren verändert?

Ich glaube nicht, dass sich die Leistung der Kinder wesentlich verändert hat. Die Anforderungen verändern sich im Laufe der Zeit. Beispielsweise halten die Kinder viel mehr Vorträge als noch vor 20 Jahren. Dass dabei andere Kompetenzen geschult werden, als wenn man wöchentlich zwei Diktate schreibt, versteht sich von selbst. Anschliessend über Defizite in der Rechtschreibung zu klagen, verstehe ich nicht. Es gäbe auch die Möglichkeit, sich über eine differenzierte Rhetorik zu freuen.

Ist die heutige Digitalisierung und Schnelllebigkeit schuld daran, dass Schüler unter Stress und Leistungsdruck leiden?

Ich stelle eine Tendenz fest, dass sich die Schüler rascher ablenken lassen möchten. Oder anders gesagt: Dass sie weniger lange an einer Sache bleiben können. Wenn man einen Kinofilm aus den 80er-Jahren schaut, schläft man fast ein, weil es «zu wenige» Schnitte gibt. Dieser viel höhere Puls, den wir heute als normal betrachten, wirkt nicht nur auf die Erwachsenen, sondern bestimmt auch auf die Kinder.

Welchen Einfluss haben dabei die Eltern?

Wenn sich Eltern bemühen, nicht zu viele Schnitte vorzuleben, indem sie nicht alle zwei Minuten einem neuen Furz nachrennen, sondern ein wenig fokussierter durchs Leben gehen, kann dies langfristig den Kindern aufzeigen, dass Genuss auch dadurch entsteht, indem man länger dranbleibt.

Welchen Herausforderungen müssen sich dabei die Lehrer heutzutage stellen?

Es stellt sich oft die Frage, ob man dem Trend nachgeben will, um die Kinder überhaupt zu erreichen? Oder ob man bewusst entgegensteuern möchte, um ihnen einen anderen «Lebensentwurf» aufzuzeigen. Ich bin der Ansicht, dass es die Mischung aus den beiden Haltungen ausmacht. Das eine tun, und das andere nicht lassen.

 

(Bilder: EQImages: Andreas Meier/Peter Mosimann)