Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie. Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um Aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben.

Diese Perlen dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

Es war ein schwüler Samstagabend in Chur. Wir hatten gerade vor einer Woche mit Ach und Krach in Zürich die Bock uf Rap Tour begonnen und gastierten nun in der Roots Bar Chur. Ich hatte vor kurzem mit dem Rauchen aufgehört, inzwischen rauche ich wieder wie ein Schlot, und kämpfte damals noch mit ersten Entzugserscheinungen. Also rauchte ich dort vor der Roots Bar auf der Strasse mit CeReal, dem Backup von Rones eine heimliche Zigarette. Während wir so auf die anderen Jungs warteten, brauste plötzlich Claudio Pagelli mit seinem Damenrad heran.

Claudio Pagelli hat mich als Persönlichkeit immer wahnsinnig fasziniert. Er, der legendäre Gitarrenbauer aus Scharans, den ich zufällig durch meinen Freund Tama Carigiet kennenlernen durfte. Noch beeindruckender war es für mich, als ich ihn bei Aeschbacher sah, wie er über seine Krankheit plauderte und sich von Nichts und Niemandem runterziehen liess. Eine Frohnatur mit einer ruhigen und doch positiven Art. Zugleich ist Musik seine grosse Leidenschaft, ähnlich intensiv wie bei mir. Ein einziges Mal hatte ich eine Gitarre aus seinem Hause in der Hand. Das war ein unvergessliches Erlebnis, wenn doch auch ein einschneidendes. Denn das Baby klang so komplett anders als jede andere Gitarre, die ich bisher in der Hand hatte. Sie klang so natürlich, laut und doch sensationell sanft. Als ich sie spielte, wurde ich mir bewusst, dass ich niemals gut genug Gitarre spielen würde, um einer solchen Gitarre gerecht zu werden. Also, überliess ich dieses Feld von diesem Moment an den Anderen.

So stand ich dort vor der Rootsbar völlig ehrfürchtig und wusste nicht, ob Pagelli sich überhaupt noch an mich erinnern konnte und grüsste ihn mal schüchtern. Doch Claudio nahm mir meine Zweifel und begrüsste mich freundlich mit Namen. Er hatte den Artikel über die Roots Bar gelesen und fragte interessiert, ob das nun hier wäre. Wir kamen ins Gespräch und sprachen über seine Band Gringobeat. Ich erwähnte, dass ich schon länger auf der Suche nach der CD wäre, sie aber bis jetzt noch in keinem Laden finden konnte. Er lachte und sagte, ich solle ihm doch meine Adresse zu kommen lassen und er würde mir dann gleich eine senden. Ich sagte ihm, er solle gleich noch einen Einzahlungsschein beilegen, was er entschieden zurückwies. Ich sei ja ein Musikliebhaber, gleich wie er. Dieser kleine Satz hat mich in diesem Moment wahnsinnig positiv gestimmt und so schrieb ich ihm dann meine Adresse auf Facebook, woraufhin bald die CD in meinem Briefkasten landete.

Nun höre ich die Songs des Werks seiner Band Gringobeat aus dem Jahre 2015 und es flasht mich bei jedem Track ein bisschen mehr. Doch kein Wunder: Pagelli vereint um sich die Crème de la Crème der Bündner Musikszene. Bei Gringobeat spielt Dario Sisera Schlagzeug, Luca Sisera zupft den Bass und an der anderen Gitarre greift Sam Senn in die Saiten. Wem bei diesen Namen kein Lämpchen aufgeht, der soll doch mal bitte in den Booklets von Bündner Produktionen nachschauen. Der Sound der Band klingt international ohne sich anbiedern zu müssen. Ein bisschen Wilder Westen, ein bisschen Fernweh und schon steht man mitten in der Prärie und wartet auf das Duell zweier Cowboys.

Pagelli und seine Crew malen Soundcollagen, wie sie ein Tarantino nicht besser malen hätte können. Das wirkt zum Teil verträumt, langsam dahingleitend, zum Teil aber auch verdammt rau und rockig. Knappe 50 Minuten nehmen Gringobeat uns auf einen wilden Ritt mit, ohne Füllmaterial oder halbgare Songs. Hier sitzt jede Note wie eine Patrone in der Pistole. Mit diesem Soundtrack kann der Sommer kommen, denn der Sound ist tanzbar, humorvoll und verdammt cool. Eine Schande eigentlich, dass eine für mich sehr erzwungene und aufgesetzte Band wie „The Boss Hoss“ solch riesige Erfolge weltweit garniert und „unsere“ Gringobeats nur einem Nischenpublikum ein Begriff sind. Denn, so muss der Wilde Westen oder wie sie ihn nennen, der Grossstadthippiebeat klingen. So und kein bisschen anders. Das ist kreativ und doch mit rotem Faden aus einem Guss, einfach eben der geile Scheiss, diese Scheibe. „Tremendo Swing“ kommt aus dem Kuba-Slang und bedeutet Bestechungsgeld. Mich habt ihr als Fan auch ohne Bares gekriegt.

Danke Claudio für diese perfekte Ergänzung meiner CD-Sammlung. Spielt wieder mal live und ich werde der erste Cowboy sein, der den Saloon betritt.

„Gringobeat believes in Bob Ross.“ – „I believe in Gringobeat.“

Mehr Infos zu Gringobeat gibt’s auf ihrer Webseite.

Gringobeat