Seit vier Jahren erlebe ich in meiner Tätigkeit als Tourismusdirektor der Destination Lenzerheide sportliche Grossanlässe aus nächster Nähe und aus verschiedenen Perspektiven. Als Vorstandsmitglied der Trägerschaften von Ski- und Bike-Weltcup sowie der Tour de Ski interessiere ich mich hauptsächlich für den strategischen Fokus des Anlasses sowie für die breite Finanzierung. Als Gastgeber im VIP-Bereich der genannten Anlässe trete ich als Repräsentant des Veranstalters und der Region auf und als Tourismusdirektor begegne ich Athleten, Betreuern, Gästen und Zuschauern inmitten der vielfältigen, unterschiedlichen Emotionen. In diesen vier Jahren traf ich Weltmeister, Olympiasieger und Gesamtweltcupsieger, traf hoffnungsvolle Nachwuchsathleten, Betreuer, Sponsoren und Manager und sogar begeisterte Eltern. Alle leisten einmaliges in und für ihren Sport, jedoch sind die Art der Kontakte in den Sportarten Skifahren, Langlauf oder Mountainbike total unterschiedlich.

Gestern hatte ich ein weiteres Highlight in meiner Tätigkeit. Der Olympiasieger Nino Schurter hält Hof in der Lenzerheide. Einer seiner Sponsoren lädt über 70 sportbegeisterte Personen für ein Get-together in die Lenzerheide ein, verbunden mit einer Übernachtung, Verpflegung und einem Bike-Erlebnis in der Region. Beim abendlichen Nachtessen sitzen Nino und seine Bike-Kollegen – allesamt internationale Top-Cracks – bei einem Glas Wein und einem feinen Essen zusammen inmitten von geladenen Gästen des Sponsors. Die Offenheit, die persönliche Nähe und das Interesse von Nino für die Gäste am Tisch war beeindruckend. Nie hatte ich das Gefühl, dass Nino sich als «Olympiasieger» aufführt, er sich distanziert äussert oder sogar eine Pflicht zu erfüllen hat. Ein wunderbarer Abend mit einer beeindruckenden Persönlichkeit. Heute Morgen beim Bike-Anlass die gleiche Szenerie. Egal ob ein fachlicher Austausch unter Bikern, ein persönliches Gespräch mit einem bekannten Gesicht oder der Austausch mit Gianluca, welcher einen Wunschtag der Aktion Sternschnuppe mit Nino verbringen durfte, Nino war als einfacher Superstar griffbereit für alle.

Diese Begegnung hat mir gezeigt, dass man mit Offenheit, Einfachheit und Begeisterung für sein Gegenüber viele Emotionen, Träume und auch Motivation auslösen kann. Ich bin überzeugt, dass jeder einzelne Teilnehmer dieses Anlasses noch lange von diesem Moment zehrt. Nino mit seinem Team hat mit einfachsten Mitteln – nämlich Präsenz und Interesse – Lebenskraft mit auf den Weg gegeben, die noch lange anhalten wird!

Wenn wir als Einzelperson in unserem Beruf und Privatleben, egal ob Tourismus, Handel oder Gewerbe, mit der gleichen Begeisterung zu unserer Aufgabe ans Werk gehen würden, wären Preisdiskussionen, Freundlichkeitsoffensiven und Konkurrenzdruck aus dem nahen Ausland viel weniger präsent, denn das persönliche Erlebnis prägt die Verbindung zu seinem Gegenüber, immer wieder. Beeindruckend, wie der Olympiasieger an diesem Anlass selbst mir als erfahrener Touristiker eine Lehrstunde erteilt hat.

NB: Leider habe ich nicht bei allen Sportlern und Sportarten, welche ich in diesen vier Jahren begleiten durfte, diese Leidenschaft für das Gegenüber spüren können. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

Kommentar

Lieber Bruno

Vom Spitzensport können wir vor allem eines lernen: Professionalität. Die heutige Spitze im Spitzensport hat sich ein Niveau antrainiert, das wohl seinesgleichen sucht. Professionell im Training, professionell im Wettkampf, professionell in der Medienarbeit, professionell im Management und professionell bei Sponsorenevents. Es sind alles Fertigkeiten, die antrainiert und eingeübt wurden. Über Stunden und Stunden, über Jahre und Jahre. Nino Schurter, Roger Federer, Nicola Spirig und wie sie alle heissen, wissen und können das.

Professionalität im Tourismus verlangt genau das Gleiche: professionell an der Rezeption, professionell im Buchungssystem, professionelles Lächeln und Handeln bei Reklamationen, professionell im Small-Talk, professionell im Webauftritt u.s.w. u.s.f.

Wenn man Olympiasiegerin oder Weltmeister geworden ist, wenn aller Druck vorbei ist, ist es einfacher, professionell zu sein. Schwierig ist es, Leistung auch «gegen aussen» zu bringen, wenn der Druck immens ist. Vor dem Wettkampf, wenn es nicht läuft, wenn man kritisiert wird. Oder im Tourismus, wenn die Übernachtungszahlen nicht stimmen, wenn die Bike-Infrastruktur nicht genügt, wenn die Pisten vereist sind, wenn, wenn, wenn. Dann ist Professionalität UND Persönlichkeit gefragt. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen oder der Durchschnitt von der Spitze. Auch bei den Profis. Bei den Sportlern wie bei den Touristikern – und wie sonst im Leben. Professionalität gepaart mit Herzlichkeit, das ist die Kunst in Krisenzeiten. Bei «schönem Wetter», können das viele. Nino Schurter, wie du schreibst, kann es anscheinend auch mit Herzlichkeit.

Liebe Grüsse vom LandWASSERtal,

Ernst Bromeis
Wasserbotschafter und Expeditionsschwimmer

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.