Als im Oktober 2000 der Song „Bilder von dir…“ von Laith Al-Deen die Schweizer Radio-Charts erklomm, genossen im Bündnerland zahlreiche Feriengäste die letzten warmen Sonnenstrahlen im goldenen Herbst am Caumasee.

Diese Woche erhielt ich aus Marokko einen Anruf, ob ich mir vorstellen könnte, an einer Hochschule in Marrakesch mit zu helfen, einen Multimedia Studiengang aufzubauen. Zugleich säuselte im Hintergrund aus einem Radio der Song „Bilder von Dir…“. So mischten sich vor meinem geistigen Auge die Bilder der roten Stadt Marrakesch mit einem türkisblauen Caumasee. Die Bilder eines übervollen Markts verschwammen mit einem einsamen Spaziergang durch einen bunten Flimser Herbstwald.

Bilder transportieren nicht nur Informationen, sie beeinflussen auch unsere Emotionen, wecken Wünsche und Sehnsüchte und verknüpfen unsere Sinne auf wunderbare Weise mit Erinnerungen und Träumen. Sehen wir ein Bild eines Markts in Marrakesch, so riechen wir förmlich die scharfen Gewürze. Bei der Betrachtung des Fotos einer frisch verschneiten Bergflanke verspüren wir den Wunsch, in eleganten Bögen durch den Schnee zu gleiten.

Bilder vermögen Menschen in ihren Bann zu ziehen. Daher macht es durchaus Sinn, in Marokko einen Multimedia Studiengang aufzubauen. Denn auch in Marrakesch lebt Multimedia von Bildern.

Fotografen aus aller Welt reisen ins Bündnerland, um Bilder für ihre kommerziellen Zwecke einzufangen. Diese Bilder begegnen uns danach immer wieder: auf unserem Handy, im Fernsehen und in Zeitschriften. Durch den kommerziellen Einsatz der Bilder erfahren die darauf dargestellten Inhalte sowohl monetär, als auch emotional und imagemässig eine Wertsteigerung. Würde es daher nicht Sinn machen, wenn wir die Hoheit über unsere Bilder selber behalten und verwalten? Wobei der finanzielle Aspekt nur einer der zu beachtenden Punkte ist, es geht unter anderem auch um die Art und Weise der Verwendung der Bilder und der damit einhergehenden Sichtweise auf unseren Kanton.

Stünden uns mehr eigene Bilder zur Verfügung, könnten wir sie als nachhaltiges Marketinginstrument verwenden, welches langfristig unseren Tourismusorganisationen zur Gewinnung neuer Gäste zur Verfügung steht. Denn wie heisst es in dem Song von Laith Al-Deen „Bilder von dir überdauern – bis in alle Zeit“.

 

Kommentar

Lieber Ditti

Bilder sind ein Thema, das die Welt beschäftigt. Noch nie war die mediale Kommunikation so bildlastig wie heute. Leider nicht nur schöne, für den Tourismus verwendbare Bilder, sondern hauptsächlich Krieg, Zerstörung, Gewalt oder Tod.

Auch im privaten Bereich hat sich die Bilderverwendung massiv verändert. Noch heute lagern in meinem Schrank im Keller Schuhkartons voller Bilder aus meiner Kindheit, meiner Zeit als Gästebetreuer in südlichen Ländern oder meinen jugendlichen Sportmomenten. Immer, wenn man den Keller umräumt, kommen einem diese Schuhkartons in die Hände, man setzt sich hin und schwelgt in Erinnerungen. Ich liebe diese Momente alleine im Keller… neben dem Weinregal mit diesen Schachteln…

Die neuen Bilderinnerungen lagern jetzt auf Festplatten oder USB-Sticks, die irgendwo auf dem Bürotisch herumliegen und die man – auch beim Auffinden – selten bis nie öffnet. Und so verlieren wir wertvolle Erinnerungen und orientieren uns am Jetzt und an der Zukunft.

Und auch kommunikativ haben Bilder eine neue Aufgabe wahrgenommen. Wo wir früher unsere Erinnerungen erzählt haben, an Stammtischen, im Ausgang oder beim Kaffee, stellen wir die Bilder ins Netz – auf Instagramm, Facebook oder Snapchat – und lassen diese emotionslos und schnelllebig, ohne tiefgründige Erzählung, durch unsere Freunde mit einem „WOW“, „cool“ oder „so schön“ im Raum stehen.

Die Bildwelten, welche im „Schweizer Tourismus“ häufig gebraucht werden, haben oftmals nichts mehr mit Romantik und heiler Bergwelt zu tun. Unsere Gäste wollen mit Emotionen durch Action, einmalige Points of Interest oder sogar mit Videos angeregt werden. Mit blauem Himmel und weissen Bergen ist man austauschbar und somit versunken im Meer von ähnlichen Bildern aus dem Alpenraum. Wie man damit umgeht, weiss ich selber nicht, wahrscheinlich muss man mitspielen im Spiel, weil es keine anderen Regeln gibt.

Aber eine „Bildwelt“ baue ich mir fast wöchentlich immer wieder auf. Als Mitglied im Älplerchörli Obervaz singe ich von heiler Bergwelt, von Sonnenaufgängen oder „vom Herbst des Lebens“. Geschichten, Erinnerungen und Erlebnisse in Worten zusammengefasst und ohne Bilder, vorstellbar für jeden und jede, auf seine eigene Art. Mit Emotionen, lauten und leisen Tönen, mit eigener „Mundart-Sprache“ und hoffentlich einem Lächeln. Und der Höhepunkt dieser „Bildkommunikation“ bildet dann der Naturjutz, welcher alle diese Emotionen zusammenfasst – einfach ohne Worte.

Bruno Fläcklin
Tourismusdirektor Ferienregion Lenzerheide

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.