Das neue Jahr war kaum zwei Stunden alt, schon kam es in Istanbul zu einem ersten Terroranschlag. Schon das ganze Jahr über war die Türkei immer wieder das Ziel terroristischer Gruppen. Hat sich das Land selbst in das Visier der Fanatiker manövriert?

Über 500 Menschen feierten am 31. Dezember die Ankunft des neuen Jahres in einer Istanbuler Nobel-Diskothek. Die Feier nahm eine tragische Wende, als ein Mann das Feuer auf die Gäste eröffnete. Der Täter feuerte 180 Kugeln ab und tötete dabei 39 Menschen. Dies ist aber nur die aktuellste Episode in der anhaltenden Serie terroristischer Anschläge, welche die Türkei seit Juli 2015 erschüttern. Das ganze Jahr über attackierten kurdische Milizen türkische Sicherheitskräfte, während IS-nahe Gruppierungen sogenannte „weiche Ziele“ also Menschenansammlungen aller Art, angriffen. Auch der letzte Anschlag der Silvesternacht  wurde von einem IS-Anhänger verübt.

Der importierte Terror aus Syrien konzentrierte sich bisher auf Kurden, Alewiten oder die türkische Linke und forderte unter diesen Gruppen hunderte Tote. Erstmals wurde in der Silvesternacht aber ein Ziel angegriffen, welches die säkulare Mittelschicht der Türkei repräsentiert. Dieser Wandel kommt keinesfalls zufällig. Die Türkei ist tief gespalten: auf der einen Seite die islamistisch-konservative Regierung unter Führung von Erdogans AKP, auf der anderen Seite eine republikanisch gesinnte Mittelschicht. Erst vor kurzem hatte die Regierung eine Kampagne lanciert, welche Weihnachts- oder Neujahrsfeiern einschränken sollte. Die Ächtung der Regierung für diese „westlichen“ Feste führte nicht nur zu Widerstand unter der der liberalen Bevölkerung, sondern fand auch breite Unterstützung, bis hin zu Morddrohungen gegen jene, die eine Neujahrsfeier planten.

Die Spaltung der Türkei zeigt sich aber auch in der Aussenpolitik. Zu lange wurde der IS von den türkischen Streitkräften als unheiliger Verbündeter gegen die Kurden angesehen, zu lange wurde der radikale Islam in der Türkei toleriert. Obwohl sich inzwischen die türkischen Operationen in Syrien auch gegen den IS wenden, ist der Dschihad schon lange in der Türkei verankert. Die türkische Bevölkerung, und vor allem die republikanische Mittelschicht, zahlt nun den Preis für den neo-osmanischen Traum Erdogans Syrien zu einem türkischen Hinterland zu machen.

 

(Bild: Wikipedia/Helge Høifødt)

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