Ein Kommentar zur Olympia-Abstimmung vom 12. Februar aus Sicht des Sports.

 

Wer sich heute in den verschiedenen Bündner Medien informiert, wird konfrontiert mit unzähligen Berichten, Analysen, Kommentaren, Meinungsäusserungen, Ratschlägen, Beschimpfungen und Selbstdarstellungen zum aktuellen Thema „Olympische Winterspiele 2026 in Graubünden“. Viele  sind plötzlich der Ansicht, mitreden zu müssen und ihre Meinung der Öffentlichkeit kundzutun. Ich als Sportredaktor von GRHeute werde nicht auch noch in die gleiche Kerbe schlagen, sondern die ganze Problematik von sportlicher Warte aus betrachten.

Unter Sport werden verschiedene Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen zusammengefasst,         die meist in Zusammenhang mit körperlichen Aktivitäten des Menschen stehen. Man unterscheidet Breiten- und Leistungssport, Amateur- und Profisport, Individual- und Mannschaftssport sowie der in der jüngeren Vergangenheit entstandene Fun- und Extremsport. Sport in seiner ganzen Vielfalt wird in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten ausgeübt und bildet einen wichtigen Teil der Freizeitgestaltung und Unterhaltungskultur. Auch der passive Sportkonsum als Zuschauer etc. hat zunehmend an Bedeutung gewonnen. Der Nutzen körperlicher Betätigung für Herz und Kreislauf ist wissenschaftlich unbestritten. Positive und negative gesellschaftliche Auswirkungen des Sports sind unter anderem Frieden und Zwietracht, Fairness und Gewalt sowie Gesundheitsvorsorge und Verletzungen. Sinn und Selbstverständnis sowie Organisations- und Angebotsformen haben sich laufend verändert, wobei der Sport heute eher erlebnis- und spassorientiert ist.

Im Spitzensport werden nicht nur gesellschaftliche Normen ad absurdum geführt, sondern auch die Leistungsziele ohne Rücksicht auf Verluste angepeilt, wobei sich das – die Vorbilder nachahmend – auch auf den Breitensport auswirkt. Es nehmen nämlich nicht nur Hochleistungssportler unerlaubte leistungsfördernde Substanzen oder nutzen unerlaubte Methoden zur Steigerung bzw. zum Erhalt der Leistung, sondern auch Gesundheitssportler und Fitnessfreaks. Enthüllungen über russisches Staatsdoping mit über 1000 involvierten Sportlerinnen und Sportlern, massive Dopingpraktiken in der kenianischen Leichtathletik und verbreitetes Doping in der Sprintszene sind wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs, zumal die Medizin und die Dopingbekämpfung immer hinterherhinken.

Erschreckend sind auch die zahlreichen schweren Verletzungen, welche die Sportler im Training oder im Wettkampf erleiden und zwar sowohl im Breiten- als auch im Spitzensport. Das Material wird immer besser und aggressiver, während dem Menschen auch bei Optimierung des Trainings und verbesserter medizinischer Betreuung ganz einfach Grenzen gesetzt sind. Ist Sport wirklich Mord?

Geradezu absurd und menschenverachtend sind zudem die Saläre, wie sie im Profifussball bisher in England üblich waren und neuerdings auch in China gang und gäbe sind. Wie soll man einem Normalsterblichen, der lebenslang hart arbeitet, seine Gesundheit ruiniert und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommt, erklären, warum der momentan bestbezahlte Fussballstar täglich 213’359 Euro „verdient“?

Diese Beispiele zeigen deutlich, wie abgehoben der Spitzensport heute ist und wie weit er sich von der Basis, das heisst dem ursprünglichen Sinn und Zweck des Sports entfernt hat. Er ist mehr oder weniger kommerzialisiert und hat mit Breiten- und Gesundheitssport rein gar nichts oder zumindest kaum mehr etwas gemeinsam. Die Sportler werden früher oder später – oft, ohne es überhaupt zu merken – instrumentalisiert, das heisst für andere Zwecke wie Politik oder Wirtschaft missbraucht.

Was hat die Instrumentalisierung des Sports mit Olympia zu tun?

Als das Bündner Stimmvolk im März 2013 über eine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2022 befinden konnte, legte es mehrheitlich ein Nein in die Urne und der Olympiatraum fand damit ein jähes Ende. Als neutraler Beobachter hatte man das Gefühl, dass wohl eine einmalige Chance verpasst worden war, weil die damaligen Olympia-Promotoren nicht über die eigene Nasenspitze hinausgesehen und stur an ihrem Konzept festgehalten hatten. Dass die Neinsager anschliessend des Neids bezichtigt wurden, stellte den Verlierern nicht gerade ein gutes Zeugnis aus.

Bekanntlich nimmt Graubünden einen neuen Anlauf im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2026, wobei das Volk am 12. Februar 2017 über einen Kredit zur Ausarbeitung einer Kandidatur abstimmen darf. Zweifellos wurde darüber schon genug geschrieben und geredet. Nach meinem Erachten wurde aber von allem Anfang an zu wenig sachlich und konstruktiv diskutiert, denn die gegenteiligen Positionen waren schon frühzeitig bezogen und zudem verhärteten sich sie Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern zusehends. 

Undemokratisch, unanständig und geradezu grotesk war das Verhalten der Hardliner, die partout keine andere Meinung gelten lassen und unbescholtene Steuerzahler, die es wagten, sich kritisch zu äussern oder etwas zu hinterfragen, einfach in eine beliebige politische Ecke stellten. Es ist das Recht eines jeden Einzelnen, für sich die Milchbüchleinrechnung zu machen und sich sodann mit gesundem Menschenverstand für Pro oder Contra zu entscheiden.    

Was mir auch aufgefallen ist, dass der Sport in dieser Kandidatur von der Wirtschaft und der Politik völlig instrumentalisiert worden ist. Tourismusförderung sowie Verbesserung von Infrastruktur und Verkehr stehen im Fokus, während der Sport nur so ganz nebenbei als Mittel zum Zweck erwähnt wird. Wenn ehemalige Olympioniken – wie anlässlich des Bündner Eishockeyderbys zwischen dem EHC Chur und dem EHC Arosa in der zweiten Drittelspause kaum sichtbar hinter der Bande bei der Strafbank stehend – enthusiastisch von ihren Erlebnissen erzählen, mag das ja gut und recht sein. JA-Stimmen gewinnt man so aber kaum! Die Bündner Sportszene muss sich deshalb noch mächtig ins Zeug legen und Überzeugungsarbeit leisten, wenn die Mitte Februar bevorstehende Abstimmung positiv ausfallen soll. Ich bin gespannt, ob der Bündner Sport im Endspurt aus dem Schatten von Wirtschaft und Politik heraustreten kann.

Die Westschweizer Kandidatur hat es Graubünden eindrücklich vorgemacht, was Professionalität und Zusammenarbeit zwischen Sport, Politik und Wirtschaft anbelangt. Deshalb müssen bei uns bis zum Abstimmungstermin unbedingt die wichtigsten Pendenzen bereinigt werden, so dass der Stimmbürger die Katze nicht im Sack kaufen muss.

 

(Bild: Archiv St. Moritz Olympische Spiele 1928)

 

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