Ein Mitglied unseres Grossen Rates – die Partei sowie die Person sollen hier anonym bleiben – sagte kürzlich in einer lockeren Small-Talk-Runde vor einer Kulturveranstaltung einen Satz, der mich im Nachgang stark beschäftigt hatte: „ Teile des Grossen Rates sehen den Tourismus ohnehin als Auslaufmodell “. Wir schreiben das Jahr 2017.

Stellen Sie sich dieses Graubünden vor: wir schreiben das Jahr 1900. Die Winterferienorte St. Moritz, Arosa und Davos florieren. Auf den Strassen transportieren Postkutschen das Lebensnotwendige in die Täler. Der Handel auf der Nord-Süd-Route über die Bündnerische „Comercialstrasse“ boomt. Die RhB wird ständig ausgebaut und transportiert Feriengäste in die idyllischen Winterdestinationen. Graubünden geht es gut. Doch vor den Toren des Kantons braut sich Ungemach zusammen. Immer
wieder werden Automobile gesichtet, ein „lärmendes, stinkendes Ungetüm“ und ein Luxusgut, das sich nur wenige leisten können. Das Auto ist dem Bündner nicht nur fremd, sondern über alle Massen suspekt. Daher erlässt Graubünden als einziger Kanton ein Verbot für Automobile auf dem ganzen Hoheitsgebiet.

Die Jahre ziehen ins Land. Henry Ford entwickelt das T-Model. Das Autofahren wird kostengünstiger. Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer, aber auch Gäste, fahren mit Leidenschaft Auto. Das Strassennetz in der Schweiz wird auf den Autoverkehr ausgerichtet. In Graubünden will man davon nichts wissen und hält am Autoverbot fest. Der Bündner Tourismus droht abgehängt zu werden, denn die Gästebedürfnisse verändern sich: es gilt als chic, bequem mit dem eigenen Auto in die Ferien zu reisen. Die Logiernächte fangen an zu erodieren und der Bündner Tourismus wird empfindlich geschwächt. Touristiker aus dem ganzen Kanton wehren sich vehement – zunächst ohne Erfolg. Ganze 13 Mal – ja, Sie haben richtig gelesen: d-r-e-i-z-e-h-n – scheitert die Aufhebung des Autoverbots an der Urne. 1925 schliesslich wird das Autoverbot nach einem Vierteljahrhundert endlich aufgehoben. Die NZZ schreibt: „ Das Bündnerland […] musste sich früher oder später fragen, ob ein Verharren auf der bisher befolgten verkehrspolitischen Linie nicht wichtige eigene Interessen verletzte .“

Wir schreiben das Jahr 2017. Das „lärmende, stinkende Ungetüm“ ist heute nicht mehr das Automobil. Heute sind es die Digitalisierung, gesellschaftliche Entwicklungen, Währungsdruck und zunehmend globale Konkurrenz, die uns im Tourismus beschäftigen. Logiernächte erodieren, Margen schrumpfen und altbewährte Rezepte genügen nicht mehr.

Unser Tourismus ist kein Auslaufmodell. Dem Weltkonzern Eastman Kodak wurde dieses Schicksal zuteil, weil er die Digitalisierung verschlafen hat. Das darf Graubünden und dem Bündner Tourismus nicht passieren. Deshalb müssen wir mit Innovationen und durch clevere Kooperationen den Tourismus neu erfinden. Wir müssen Stärken ausbauen und uns an den Bedürfnissen von morgen konsequent ausrichten. Dazu braucht es Flexibilität jedes einzelnen und den Willen, sich nicht vor den Chancen der heutigen Zeit zu verschliessen. Wir haben 1925 bereits bewiesen, dass wir den Weg aus der Sackgasse auf den Erfolgspfad schaffen – zwar nicht auf Anhieb, aber dafür umso erfolgreicher! Deswegen: Packen wir’s an!

 

Kommentar

Liebe Brigitte,

musste beim Lesen innerlich schmunzeln und habe an Olympia gedacht. Vielleicht stimmen wir ja auch 13 Mal dazu ab… Spass beiseite.

Dein Satz „Unser Tourismus ist kein Auslaufmodell“ kann man zudem mit Fakten unterlegen. Der Tourismus befindet sich weltweit weiter auf dem Wachstumspfad.

Kommentar
Bis 2030 wird sich die internationale Reisetätigkeit beinahe verdoppeln. Nun geht es darum, die von dir präzise genannten Dinge anzupacken. Dein Satz „Dazu braucht es Flexibilität jedes einzelnen und den Willen, sich nicht vor den Chancen der heutigen Zeit zu verschliessen.“ spricht Klartext. Flexibilität First. Wille (und Mut) First. Und es braucht durchaus jeden einzelnen. Richtig.

Aber ungleich zu 1925 haben wir nicht die Chance 13 x abzustimmen. Neben den von dir erwähnten Punkten gilt in meinen Augen genau gleich stark: „Tempo First“. Die Zeit vom zuerst Mal Nein-sagen und sich dann irgendwann dem Druck der Veränderung zu beugen, wäre für viele von uns wohl der sichere Untergang im alpinen Tourismus.

Es ist für „Countryside“ in einer Wachstumsbranche 5vor12, wie die folgende Statistik zeigt.

Kommentar 2

(Quelle: ITB World Travel Trends Report 2015/2016, IPK/ITB Presseinformation 2016.)

Allein der Blick auf die Verteilung der Kundenbuchungen macht klar, dass die von dir erwähnten „cleveren Kooperationen“ notwendig sind. Vor allem mit den Ferienanbieter in Städten, Strand und im Bereich Touring.

Pascal Jenny, Kurdirektor Arosa und Präsident Tourismus-Partei.CH

 

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden. Unverblümt und direkt von der Front.