Jeder mag Kultur, klar. Eigentlich ist ja alles Kultur. Nach Wikipedia bezeichnet sie «im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt». In der Realität aber gibt es Kultur und Kultur. Theater, Museen, Musikschulen und Literatur gehören offiziell zu den «förderungswürdigen» kulturellen Angeboten. Andere, wie beispielsweise Sport, Kino oder Videospiele, sind vom Geld-Kuchen der klassischen «Kulturförderung» weitgehend ausgeschlossen. Wo die Kultur beginnt und wo sie aufhört, ist schwer zu messen. Es sind subjektive Massstäbe, die über die Verteilung der öffentlichen Mittel bestimmen – und genau das hat gestern auch der Grosse Rat gemacht. Er hat Ja gesagt zur stärkeren Förderung von Sing- und Musikschulen, die künftig mit 700’000 Franken mehr rechnen können. Auch Musiklehrerinnen und und -lehrer kamen gestern zum Handkuss, ein Mindestlohn wurde im Gesetz verankert. Zudem können die regionalen Museen auf neue Mittel hoffen. Abgelehnt wurde dafür das Begehren, drei Millionen Franken pro Jahr ins professionelle und regionale Kulturschaffen zu investieren. Für die Kulturlobby war dies der «Big Point» der Vorlage, die Zugeständnisse des Grossen Rats werden von ihr als Krümel interpretiert. 

Hinter dem Nein des Grossen Rats steckt ein tief sitzendes Misstrauen, das Geld werde in «private Selbstverwirklichungsprojekte» gepumpt. Eine «Carte Blanche» ohne eigentliches Konzept wollten die meisten Bürgerlichen der Bündner Kulturszene nicht erteilen.   

Natürlich ist das Leben als Schauspieler, Schriftsteller oder Musiker nicht einfach. Und klar ist eine solche Existenz riskant, weil spätestens im Pensionsalter bei vielen professionellen Kulturschaffenden Finanzierungslücken aufreissen. Aber besteht dieses Risiko nicht überall, wenn jemand voll auf eine derart spezialisierte Karte setzt? Was macht ein 18-jähriger Halbprofi-Skifahrer, der den Traum hat, irgendwann Weltmeister zu werden. Er mobilisiert sein Umfeld, geht auf Sponsorensuche, lebt von sehr wenig Geld, ist meist lange auf grosse Unterstützung der Eltern angewiesen und vernachlässigt dabei oft auch die Ausbildung – und das alles mit ungewissem Ausgang, ob sich das investierte Geld je amortisieren wird. Ein grosses Risiko – und irgendwie muss er das auf die Reihe kriegen, wenns nicht klappt.

Es gibt genug Kulturelle, die sich mit einem Haupt- oder Nebenjob ihren Lebensunterhalt verdienen und daneben ihrer Leidenschaft frönen. Und es gibt viele, die das Geld für ihre Produktionen mit grossem Fleiss in der Privatwirtschaft suchen gehen. Auch professionelle Kulturschaffende, die sehr gut von ihrem Beruf leben können, gibt es in Graubünden – und dann aber eben auch die, die tagtäglich am Kämpfen sind. Diese werden auch in Zukunft nicht darum herum kommen, Alternativen zumindest als Option zu prüfen. 

Natürlich ist niemand per se gegen Kultur: Es ist zweifellos auch richtig, sinnvolle Projekte zu unterstützen. Was Sinn heisst, liegt aber immer im Auge des Betrachters. Für die einen ist etwas sinnvoll, wenn es eine gewisse Nachfrage erzeugt («warum soll der Staat für etwas zahlen, das niemanden interessiert?»). Für andere hingegen ist Kunst und Kultur Selbstzweck, das sich nie an Profitstreben orientieren darf. Nur wo die Grenze ziehen? Wo unterstützen, wo nicht? Die Kulturszene sollte sich auf jeden Fall klar machen, dass kein Recht darauf besteht, dass die Öffentlichkeit ihre Wünsche – ob Produktion oder Lebensstil – finanziert.

Es ist auch nicht wahr, dass Graubünden nichts für die Kultur macht: Die kantonale Kulturförderung hilft (GRHeute berichtete) jedes Jahr bei weit über 500 Kultur-Projekten im Kanton finanziell mit und steuert allein aus den Swisslos-Geldern über 6 Millionen Franken an meist kantonale Projekte bei. Dazu gibt es Wettbewerbe für professionelles Kulturschaffen, Auslandateliers, Schulprojekte, stolz dotierte Kulturpreise und Millionenbeträge für Museen, Theater oder Denkmalpflege. Mittel sind eigentlich vorhanden – aber ein Masterplan fehlt.

Es ist deshalb richtig, dass sich der Grosse Rat am Mittwoch nicht unter Druck setzen liess und das Anliegen auf weitere Fördergelder versenkte. Die Kulturszene sollte selbstbewusst ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, neue Finanzierungsmodelle suchen und Gas geben statt ihr Glück am grünen Tisch suchen. Wenn parallel ein «sinn»volles Konzept erstellt wird, das auch Mehrheiten finden kann, dann will der Grosse Rat das Thema wieder aufnehmen. Eines ist gestern aber klar geworden: Die Kulturlobby muss über die Bücher und weiterhin viel Überzeugungsarbeit leisten – beginnen sollte sie bei sich selbst. Denn wer nur machen will, was er will, kriegt wohl auch in Zukunft nichts geschenkt. 

 

 

(Symbolbild: Pixabay)