In der Rubrik «Musik jenseits der Berge» besprechen wir in unregelmässigen Abständen Bands, die keinen oder nur einen minimalen Bezug zu Graubünden haben. In der zehnten Ausgabe haben wir uns mit dem neuen Werk «Ritschi» des Berner Mundartstars Ritschi auseinander gesetzt.

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern gewesen, mein Bruder nahm mich ein einziges Mal auf ein Konzert ins Marsöl Chur mit. Damals war er noch nicht mit seiner heutigen Frau zusammen. Es war kurz nach dem der Churer Bahnhof umgebaut worden war. Weshalb ich mich noch genau an diesen Tag erinnere ist, weil ich schon zu Beginn durch diesen Umstand wahnsinnig verwirrt war. Ich gebe es ehrlich zu, ich hätte an diesem Abend lieber Polo Hofer zugeschaut, anstatt Plüsch. Irgendwie waren die für meine damalige Phase zwischen Nirvana, Metallica und Mundartrock einfach einen Zacken zu soft. Doch ich ging mit und war erstmals sehr beeindruckt, wie viele Frauen durch die Band angezogen wurden. Ich habe ja schon viele Frauen an Konzerten gesehen, aber niemals fühlte ich mich als pubertärer Junge, der ich ja damals noch war, so im visuellen Paradies wie an einem Plüsch-Konzert. Diese Schar an hübschen Mädchen hatte jedoch zu allen positiven Effekten für das Auge auch einen grossen Nachteil, jedes Wort wurde von den Damen lauthals mitgesungen… Wenn dann mal ein Lied zu Ende war, verwandelte sich das Marsöl in einen Hexenkessel aus Teenager-Geschrei und Drängeleien. Dann kam noch der damalige Musicstar Mario Pacchioli auf die Bühne, und für die Damen gab es kein Halten mehr. Ich sage euch, ich war so neidisch. Die Band spielte ein komplett perfektes Set und begeisterte mehrere tausend Personen, und ich war nur der kleine Junge aus dem Prättigau, der vor kurzem seine erste Band gegründet hatte. Anschliessend an das Konzert kaufte ich mir ziemlich alle Scheiben von Plüsch und hatte Freude an dem Feinschliffpop. Nie wurde ich grosser Fan, wie ich es bei Züri West wurde, aber für ein paar nette Stunden zwischendurch genügte es mir soweit. Als ich dann vor kurzem mitbekam, dass es die Band gar nicht mehr gibt, fühlte ich mich schon ein wenig betroffen, da sie für mich einfach zu der Schweizer Musikszene dazu gehören.

Zum guten Glück hat Sänger Ritschi weiter gemacht. Das erste Album von ihm habe ich mir mal für einen Franken in einem Brockenhaus geholt und es war nicht so meins. Das zweite Album hingegen habe ich rauf und runter gehört. Die frisch gewonnene Freiheit tut dem Mundartstar gut, und nun bin ich ziemlich gespannt, wie die neue Scheibe klingt.

I bi wieder da
Die CD startet modern und Ritschi öffnet seine Schatztruhe. Zu elektronischen und sehr tanzbaren Klängen reisst er sein Comeback an. Sehr frisch und unerwartet. Coole Nummer.

Ebbe & Fluet
Ein verzaubertes Piano streichelt den Hörgängen entlang. Mann, der kann immer noch so wahnsinnig sauber singen. Das Schnippen gefällt mir sehr gut, die elektronischen Elemente auch, da sie fein und säuberlich eingesetzt werden.

Tränemeer
Hier kommt ein erstes grosses Highlight. Heruntergebrochen auf das Wesentlichste stimmt Ritschi eine Trennungsballade an, die auf den Refrain hin vor allem für eins sorgt: Gänsehaut. So macht Mundartpop Spass. Der wird sicher von vielen Radiostationen in die Heavy-Rotation genommen. Was für ein wenig Melancholie zwischendurch.

E guete Tag
Ritschi hat das Elektrische entdeckt und es steht ihm gut. Ein cooler, sehr tanzbarer Discofätzer. Der wird mit seiner positiven Aura manche Party aufmischen.

Wer weiss
Bei diesem Lied hört man sehr deutlich, wie detailverliebt der Berner ans Werk geht. Bei jedem Durchlauf schiessen einem neue musikalische Facetten entgegen. Das Thema finde ich sehr schön, weil es nur so von Nostalgie trieft. Doch hier wird nicht mit weinendem Auge zurückgeschaut, sondern auf die Hoffnung gebaut.

Fähle wirsch mer glich feat. Jaël
Der nimmt mich jetzt sehr Wunder. Die ehemalige Lunik-Sängerin singt endlich einmal Mundart und es passt wahnsinnig gut. Wow, was für ein Duett. Das hat es nun doch schon lange nicht mehr gegeben. Nicht so kitschig wie bei Marc Sway, und doch hat es fast einen leichten Countrytouch, der einen träumen lässt. Wunderbar! Sollte Jaël in Zukunft mehr machen.

Viel meh
Yeah, der groovt ganz schön. Hehe, lustiger Text über arrogante Personen und wie sie sich ändern. Jeder ist mehr, als er durch sein Brett vor dem Kopf versteckt. Ritschi hat eine wahnsinnige Gabe ein negatives Thema ins Positive zu verwandeln. Spoiler alert: Es ist ein Selbstgespräch 😀

Leine los
Disco, Disco! Die Klänge im Hintergrund beim Refrain machen den Song zu einem abgefahrenen Tanz-Abenteuer. Mir gefällt die neue Tanzbarkeit des Barden. Schmusesongs à la Plüsch hatte es bis jetzt noch nicht übermässig viele.

Wider L.A.
Hahaha, so ein gutes Wortspiel. Bligg hatte auch mal einen grossen Hit mit sowas. Hit-Potential hat der auch ein grosses. Denn würde ich als nächstes als Single auskoppeln. Sehr guter Feel-Good-Sound mit Bläser, Groove und Mitsingcharakter.

Es tuet mer leid
Als Sorry an die Frau gedacht, laut Ritschi in den vielen aktuellen Interviews. Bei dem grossen Selbsteingeständnis kann glaube ich keine Frau auch nur einen kurzes Moment lang böse sein. Den nehme ich dann auch mal zur Schlichtung eines Streits mit meiner Frau. Ok, Ritschi?

Sou guet
Ja, sou guet ist die CD bis jetzt. Doch kann der Mundartstar auf dem Endspurt überzeugen? Interessanterweise wird es gegen den Schluss der CD immer besser. Hier kommt die pure Sozialkritik, die der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Eine der besten Nummern, die Ritschi bisher produziert hat.

Eifach mal gah
Ein bisschen Fernweh und das Reissen nach dem Reisen. Sehr cool und sicher für viele der Soundtrack für die nächsten Sommerferien oder den nächsten Städtetrip. Äh, wann habe ich jetzt genau die nächsten Ferien gebucht?

Ds letschte Stündli
Ein bisschen Barromantik und ein wenig Poesie runden das Album gelungen ab. Eine kleine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit der Dinge und des Lebens. Speziell, aber speziell gut.

Schlussfazit:
Ritschi erfindet sich auf seinem selbst betitelten neuen Album nochmals neu, vergisst dabei nicht seine alten Stärken, und reiht Hit an Hit. Ein Album, dass sehr tanzbar und vielseitig ausgefallen ist. Die viele Arbeit hat sich gelohnt, denn es ist sehr abwechslungsreich und detailverliebt. Nun muss sich Ritschi endgültig nicht mehr hinter Plüsch verstecken, denn der Künstler ist, auch wenn es abgedroschen klingt, ein wenig erwachsener, jedoch zeitgleich auch experimentierfreudiger und verspielter geworden. Entstanden ist ein 13-Track-starkes Mundartalbum, dass die Poleposition in der Hitparade absolut verdient hätte.

 

Ritschi spielt am 5. August 2017 als Headliner am Open Air Malans.
Mehr Infos zum Berner Mundartstar unter www.ritschi.ch