Der Führer des «Islamischen Staates» Abu Bakr al-Baghdadi hat nach Angaben des amerikanischen Militärs die nordirakische Stadt Mosul verlassen. Der selbsternannte Kalif will seine nächsten Schritte aus seiner Machtzentrale in Syrien planen. Während Baghdadi verschwindet, bleibt das Problem bestehen: Der IS wechselt zum Guerillakrieg.

Die von den USA angeführte Anti-IS-Koalition ist schon seit der Gründung des IS und der Ausbreitung desselben auf weite Teile des Iraks und Syriens auf der Suche nach dem Führer der Terrormiliz. Die Alliierten haben den Terrorfürsten seit dem Beginn der Gegenoffensive im Nordirak im letzten Herbst in Mosul lokalisiert. Wie es scheint, ist Baghdadi kurz vor der vollständigen Einschliessung der Stadt durch irakische Truppen aber mit einigen Gefolgsleuten entkommen. Ein UN-Funktionär ist sich sicher: «Er war hier, das wissen wir. »

Diese Woche gelang es den irakischen Sicherheitskräften einige wichtige Gebäude in Mosul selbst einzunehmen, darunter das Regierungsgebäude, das türkische Konsulat und das Museum. Der wohl bedeutendste Fortschritt der Schlacht um Mosul ist aber die Befreiung des Gefängnisses Badush, wo der IS seine «Sträflinge», darunter auch zahlreiche jesidische Frauen gefangen hielt. Die unter sklavenähnlichen Bedingungen gehaltenen Männer und Frauen konnten von der irakischen Armee evakuiert werden. Bei ihrem Rückzug liessen die Kämpfer des IS ausländische und lokale Truppen zurück, welche die Stadt weiterhin verteidigen sollen. Diese sollen nach dem Ende der Schlacht in der zivilen Bevölkerung untertauchen und den Kampf weiterführen – eine Strategie, die an die nationalsozialistischen «Werwölfe» erinnert.

Diese Taktik, welche sich wieder vermehrt dem Guerillakrieg zuwendet, bedeutet für die Koalition die Notwendigkeit eines noch grösseren Engagements. Sollte der IS von seiner bisherigen Strategie abweichen, ein klar umrissenes Territorium zu verteidigen und stattdessen einen verdeckten Krieg führen, wird die Anwesenheit amerikanischer Truppen im Irak über Jahre hinaus nicht zu vermeiden sein. Der offizielle Rückzug der Amerikaner aus dem Irak unter Obama im Jahr 2011 hinterliess ein militärisches Machtvakuum, welches vom IS seit damals dankbar gefüllt wurde. Nun sind die Marines seit längerem wieder zurück und Präsident Trump hat bereits seine Truppen im Zweistromland aufgestockt – trotz seinem Versprechen, Amerika aus fremden Kriegen herauszuhalten.

Inzwischen wird von Experten auch der Stellenwert der als Entscheidungsschlacht angesehenen Rückeroberung Mosuls angezweifelt. Der IS könne auch gut ohne die Stadt auskommen, meint Charlie Winter vom King’s College in London. «Meiner Meinung nach hat der IS Mosul schon vor Monaten aufgegeben. Die Verteidigung der Stadt war nur eine Propaganda-Überlegung.» Die Gefahr eines zweiten Afghanistans, eines endlosen Guerillakrieges ist im Nordirak Realität geworden. Die Anti-IS-Koalition ist jetzt gefordert, den Fehler Obamas eines überstürzten Rückzuges, nach dem Fall der IS-Machtzentralen nicht zu wiederholen. Andernfalls droht ein erneutes Erstarken der Fanatiker.

 

(Bild: Wikipedia)