Raphael Kleinstein lebt zwischen den Welten. Zwei Seelen wohnen in der Brust des Alchemisten, denn er ist nicht nur Künstler, sondern auch ausgebildeter Graphic Designer. Der Bündner steht am Anfang seiner vielversprechenden Künstler-Karriere und präsentiert diesen Freitag erstmals seine Werke in der Öffentlichkeit. GRHeute traf ihn zum Exklusiv-Interview!

Mit bürgerlichem Namen: Raphael Müller. In der Kunst: Raphael Kleinstein. Wo beginnt Müller und endet Kleinstein?
Der Mädchenname meiner Mutter ist Kleinstein. Sie hat meine kreativen Ambitionen immer unterstützt und mich in meinem gestalterischen Weg bestärkt. Ihr habe ich es auch zu verdanken, dass ich überhaupt zur Kunst gefunden habe. Aber das ist eine andere Geschichte. Kurz, Raphael fand ich gut, Kleinstein aber besser als Müller. In erster Linie ist mein Künstlername aber ein kleines Dankeschön an meine Mutter.

Vom Graphic Designer und Art Director zum Künstler, der aus Pulver und Farbpigmenten den Dingen auf den Grund geht. Was hat dich dazu bewogen, deiner künstlerischen Ader einen neuen Schliff zu verpassen?
Ich liebe Architektur, schöne Dinge und natürlich Grafik Design. Ich wusste immer, das ich eine Ausbildung in diese Richtung machen wollte. Für lange Entwicklungsphasen, wie sie bei Architekturprojekten üblich sind, hatte ich aber zu wenig Geduld. Das ist heute noch so. Ich bin selbstkritisch und ein Perfektionist aber auch rastlos. Grafikdesign war die bessere Wahl. Nach einigen Jahren als Grafiker wurde ich Art Director bei Cosi Tscholl (heute Atlantiq). Nach einigen Jahren ging mir die Kraft aus, ich brauchte eine Denk- und Verschnaufpause und ging lange auf Reisen. Am Ende landete ich in einem Kloster im Hochland von Papua Neuguinea. Eine Verwandte nahm mich dort für drei Monate auf. Ich hatte Ruhe und genügend Distanz mir einen neuen Weg zu suchen. Nach einigen Wochen wurde mir bewusst, dass mir der Job als Werber zwar gefiel, mir aber doch etwas Entscheidendes in meinem Leben fehlte.

In der Folge erschuf ich mir meine eigene visuelle Welt: Es drehte sich alles um Texturen, leuchtende Farben, voluminöse Formen und abstrakte Körper aus Stoff. Ich ging zurück nach Chur, arbeitet erneut bei Cosi Tscholl, wechselte später teilzeit zu Trimarca. Parallel habe ich ein Atelier bezogen und mit meinen Projekten losgelegt. Sobald man weiss, was man will, geht es meist um das wie. Das ist das Schwierigste.

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Deine Kunst hat drei Jahre lange in den Gewölben der Churer Altstadt gereift. Ist der Charakter deiner Werke nun ausgereift
Wann ist Kunst schon ausgereift! Ich habe in den letzten drei Jahren viel gesucht, einiges gefunden, vieles probiert und alles hinterfragt. Ich habe einige Hürden gemeistert und bin meiner visuellen Vorstellung näher gekommen. Ich kann Pigmente nun beispielsweise so binden, dass sie aussehen als wären sie nicht gebunden. Dieser Schritt ist für mich ein Abschluss einer Periode und zugleich ein grundlegender erster Schritt für mein weiteres Schaffen.

Was hat dich inspiriert oder wodurch wurdest du inspiriert?
Gute Frage. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis im Kloster. In Afrika bekam ich von einer Freundin ein Spielzeugauto geschenkt. Es war ein alter Citroen der von einem Strassenkind mit Blech zusammengebaut worden war. Dieses nahm ich mit ins Kloster. Es stand immer auf dem Fenstersims in meinem Zimmer und eines Tages spielten draußen Kinder. Das Auto, die Kinder – plötzlich stellten sich meine kindlichen Träume meinem kompromisslosem Erwachsenen-Denken gegenüber. Was darauf folgte war ein Feuerwerk von Gedanken, Inspirationen und Erkenntnissen. Es führte letztlich zum Aufbrechen meiner Konventionen und Muster. Man kann sich ein halbes Leben Gedanken über eine Sache machen und im Bruchteil einer Sekunde ist das Gegenteil richtig. So habe ich es damals erlebt.

Was ist charakteristisch für deine Arbeit – in deinen Worten
Zugängliche Farben, natürliche, homogene Texturen und eine klare Formsprache. Meine Bilder sollen ruhig und präsent sein. Gleichzeitig sollen sie auch leicht pulsieren. Als wären sie gute Zuhörer. Aus technischer Sicht verschwimmen in meinen Bildern die Fokusebenen und Dimensionen. Mal wirken die Pads wie Luftaufnahmen einer Wüste, im nächsten Moment werden sie zu Detailaufnahmen einer Steintextur.

In jeder Kunst steckt ein Stück Geschichte. Und jede Kunst vermittelt dem Betrachter eine Message. Was willst du uns mit deiner Kunst erzählen?
Was für die Kommunikation stimmt, gilt manchmal auch für die Kunst: The medium is the message. Wenn man zum Beispiel in die Namib-Wüste blickt, was sagt einem das Bild der von der Sonne modellierten Sandhaufen? Es kann berühren, faszinieren aber auch gleichgültig lassen oder sogar langweilen, je nach Betrachter. Für mich sind die Farben und die Szenerie im Allgemeinen die Message. Ich verstehe meinen Job darin, aus zehn Kilogramm Oliven eine Tasse Olivenöl zu pressen. Es darum etwas zu präzisieren und immer mehr zu verdichten. Es geht um die Essenz.

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Kunst löst in der heutigen Zeit einen regelrechten Medienhype aus. Was früher als altmodisch galt, ist heute modern und populär. Woran liegt’s? Was hat sich verändert?
Die Menschen sind heute visuell übersättigt. Das löst einerseits Resignation aus. Also es löscht einem ab vor lauter Bildern und Eindrücken. Andererseits wird man süchtig und will noch mehr. Vor allem auch Neues, Ungesehenes und manchmal Unverständliches. Denn ein Faszinosum der Kunst ist ja auch, dass man nicht alles in zehn Sekunden oder 20 Minuten begriffen und verstanden hat. So wird Kunst zum Terrain und Spielplatz für alle, die etwas Neues entdecken wollen. Sei es im visuellen oder im intellektuellen Sinn.

Was ist Kunst oder besser gefragt, was ist ein Künstler und wie ist er/sie zum Idealbild unserer Zeit geworden?
Wir leben in einer Zeit des Personenkults: Sportler, Politiker, Celebrities, Stars. In diesem Kontext werden auch Künstlerinnen und Künstler von den Medien als Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte instrumentalisiert. Das ist aber nichts Neues. Das Künstlerleben ist ja schon ewig eine Wunschvorstellung des Bürgertums: Der Künstler lebt in einer Welt ohne Zwänge, Konventionen und Terminpläne, frei folgt er seinem eigenen Ideal und verwirklicht sich selber. Wer möchte das nicht! – Mit der Realität hat diese naive Vorstellung natürlich wenig zu tun.

Welche Ziele verfolgst du mit deiner Kunst?
Der Weg ist auch hier das Ziel. Ich verfolge meine Ziele vorwiegend im Prozess und weniger mit dem Endprodukt. Ich betrachte meine Kunst lediglich als Schlusspunkt eines vielschichtigen und manchmal sehr komplexen Prozesses. Hier will ich lernen, besser werden, und weiter kommen.

Hast du weitere Ideen, wie du Terra Pads fortführen möchtest? Oder dürfen wir uns auf eine ganz neue Ausdrucksweise deiner Kunst freuen?
Terra Pads ist die Serie Null. Als nächstes möchte ich meine Technik noch mehr verfeinern, neue Farben zusammenstellen, neue Formate ausprobieren, das wäre dann die Serie Eins. Die nächsten Schritte sind schwierig zu planen. Ab einer bestimmten Grösse sind die Projekte auch finanziell in einer neue Dimension. Ich möchte das Pigment noch mehr inszenieren und später riesige Flugobjekte von 50 Metern Länge in ähnlicher Technik bauen. Mich fasziniert die Sehnsucht vom Fliegen und die Geschichte vom Aufbrechen. Es wird eine imaginäre Reise in die Welt oder eine reale Reise in die Kunst.

Raphael Kleinstein stellt eine Auswahl seiner neusten Werke bei Romano Cosi, Inhaber der Churer Kommunikationsagentur Atlantiq aus. Die Vernissage findet diesen Freitag, 17. März 2017 um 18.30 Uhr an der Kasernenstrasse 36 statt.

Mehr über: «Die Kunst, den Dingen auf den Grund zu gehen»

www.raphaelkleinstein.ch

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(Bilder: Copyright Dolores Rupa)