Gerade mal 57 junge Bündnerinnen und Bündner haben sich letztes Jahr entschieden, die Lehre zum Koch, zur Köchin anzutreten. Das sind knapp 3% der unterschriebenen Lehrverträge in Graubünden. Erwartungsgemäss werden etwa 1/3 dieser Lehrlinge die Ausbildung abbrechen und so werden dereinst knapp 40 Köche/Köchinnen in die Berufswelt entlassen werden (Quelle: Amt für Berufsbildung GR). Der Bedarf an Nachwuchskräften im Bündner Tourismus dürfte bei einem Mehrfachen dessen liegen. Ganz ähnlich sieht es bei den Lehrlingszahlen der Restaurationsfachfrauen/-männer aus.

Fachkräftemangel ist nicht neu im Tourismus. Gelernte Fachleute, ganz besonders Köche und Servicefachkräfte, sind seit Jahren knapp; ganz zu schweigen von einheimischen Berufsleuten. Das hat mit einem angeschlagenen Image der Tourismusberufe zu tun, aber auch mit den unregelmässigen Arbeitszeiten, den intensiven Saisons und den vielversprechenden, beruflichen Alternativen in anderen Branchen. Und, klar, es hat auch mit dem Verdienst zu tun. Das Gastgewerbe ist im Schweizerischen Vergleich jene Branche mit dem tiefsten Durchschnittslohn. Und: Lohnmässig ist auch auf den mittleren und oberen Führungsstufen keine grosse Entwicklung möglich. Dies zeigt eine Studie des Seco vom letzten Herbst. Gleichzeitig kommen verschiedene Untersuchungen zum Schluss, dass der Lohn für Mitarbeitende der wichtigste Faktor ist, wenn es um die Jobwahl geht.

Müssen die Löhne im Gastgewerbe also erhöht werden? Löhne im hiesigen Fremdenverkehr sind bereits rund doppelt so hoch wie in den Nachbarländern. Und wenn man bedenkt, dass die Personalkosten in vielen Schweizer Hotelbetrieben zwischen 50-60% des Umsatzes ausmachen und dass Schweizer Preise für Hotelübernachtungen und Restaurantbesuche im Minimum 30% teurer sind als im benachbarten Ausland, dann wird klar: Spielraum für Lohnerhöhungen bleiben kaum.

Wenn also Lohnerhöhungen nicht in Frage kommen, um Berufe im Gastgewerbe wieder attraktiver zu machen, was dann? Die Suche nach Antworten gleicht einem gordischen Knoten. Industrieunternehmen würden in dieser Situation ins billigere Ausland abwandern. Diese Option bleibt touristischen Leistungsträgern nicht. Dennoch, komplett machtlos ist man nicht. Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Ebenen, an denen wir ansetzen können:

1. Bevölkerung: Image der Tourismus-Branche und Tourismusbewusstsein durch Projekte und Initiativen sowie durch unternehmerische Vorbilder verbessern. Nur wenn wir Einheimischen wieder stolz auf unseren Tourismus sind und eine verbindende Vision teilen, empfehlen wir unseren Kindern den beruflichen Schritt in diese Branche.

2. Das Interesse von potentiellen Nachwuchskräften frühzeitig wecken: Mit dem Ziel, Tourismusberufe frühzeitig auf den Karrierewunschzettel von jungen Leuten zu bringen, gibt es bereits einige Initiativen: „Please Disturb Tage“ in der Hotellerie, Schnuppercamps für potentielle Berufseinsteiger, die Website Berufe Hotelgastro, Schnupperangebote von vielen Betrieben, usw. Sicherlich ist dieser Bereich noch ausbaufähig.

3. Betriebliche Ebene: Hotel und Gastro-Unternehmen müssen an der Attraktivität der Jobprofile und der Lehrstellen arbeiten. Job Rotation, Lehrstellentausch, Kooperationen nach dem Mitarbeiter-Sharing-Modell „im Sommer am See, im Winter im Schnee“, Umsatzbeteiligung und Bonussysteme, langfristige Karriereplanung und vieles mehr bietet sich an, um Mitarbeitende für den eigenen Betrieb – und die Branche – zu gewinnen.

Eine aktuelle Umfrage vom Branchenverband hotelleriesuisse zeigt: Direkt nach dem hohen Kostenniveau landet das Fachkräfteproblem auf Platz 2 des Sorgenbarometers der Branche. Das Problem ist also erkannt. Jetzt sind Lösungen und Aktionen gefragt!

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.

Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Brigitte Küng, Leiterin KMU-Zentrum Graubünden.