Als aktiker ÖV-Nutzer verpasse ich regelmässig Züge und Busse. Soeben in diesem Moment habe ich den 26er nach Chur um eine Microsekunde verpasst. Das ist jetzt eine feine Sache, denn der hat eigentlich immer um die zwei Minuten Verspätung. Doch heute natürlich nicht. Nun ja, anstatt um 6 Uhr bin ich jetzt halt erst um 7 zu Hause. Hin und wieder würde ich am liebsten ausflippen und was gegen den Zug werfen, respektive den Verein verklagen. Doch heute fühle ich mich an Mani Matter’s Lied erinnert und schwelge in Melancholie.

Die ersten paar Monate vom 2017 waren arbeitsintensiv und vor allem öffentlich…

Morgens werde ich von meinem Klingelton geweckt. (Aktuell Help von Papa Roach) Dann laufe ich zu der Busstation bei der Post und steige in den öffentlichen Verkehr ein. Knapp eine Stunde und 20 Minuten später bin ich im Studio und beschalle die Öffentlichkeit mit Neuigkeiten aus aller Welt. Zwischen durch gibt’s mal ein Foto auf Instagram mit den neusten journalistischen Meisterleistungen; natürlich öffentlich. Neben dem Sprechen am Mikrophone, veröffentliche ich die News auch auf der Webseite, tagge sie auf Facebook und twittere sie. Hier gilt, der Schnellere wird gelesen und gehört. Es ist ein Wettrennen, bei dem ein Grossteil der Medien verliert. Alles zu pushen ist zu viel, nix zu pushen zu wenig. Ja, ich gebe es zu: Ich liebe das Spiel um Likes, Reichweiten und Followers. Wir alle spielen, die Öffentlichkeit schaut zu.

Doch weiter im Text. Irgendwann ist Ende der Schicht, ich gehe zurück zu Bus und Bahn und fahre nach Hause. Auf dem Weg schreibe ich vielfach Artikel für die Bündner Musikgemeinde. Falls das nicht der Fall ist, versuche ich Lieder zu schreiben, die der Öffentlichkeit gefallen könnten. Ich bin stets bedacht meine Socialmedia-Kanäle zu beliefern ohne grosse Blackouts, doch ein paar Fragen drängen sich schon auf:

-Wie viel Öffentlichkeit erträgt ein Mensch?
-Wie viel ist nur Schall und Rauch?
-Wie viel ist Chris Bluemoon, wie viel Christian Imhof?
-Wie viele kennen mich auch persönlich und nicht nur den Journalisten?

Ich breche aktuell keine Sinnkrise vom Damm, aber ich mache mir einfach Gedanken, meine Öffentlichkeit einzugrenzen. Immer weniger interessant wird mein Handy an den Freitagen. Immer wichtiger werden die persönlichen Gespräche mit der Familie und Freunden.

Bitte nicht falsch verstehen, ich liebe es bei der dritten Hand zu arbeiten und am richtigen Ort eine Ohrfeige zu verteilen für eine bessere Welt. Ich glaube einfach,  ich werde mir in Zukunft mehr Luft in der realen Welt gönnen und einfach auch mal wieder herunterfahren. Könnte Vielen wohl tun…

Ein echt guter Song der dieses Gefühl, das ich aktuell mit mir herum trage, beschreibt, ist dieser hier:

Carpe diem, aber auf der zwischenmenschlichen und nicht auf der digitalen Ebene.