Sie sind permanent auf der Jagd, fallen nicht auf und sind doch immer zur Stelle. Sie kennen alle Orte bevor wir dort ankommen. Sie sind die erste Begegnung an einem fremden Ort, die stillen Helden unserer Mobilität in den Grossstädten: Die Taxifahrerinnern- und Fahrer rund um den Globus. Sie fahren uns vom Flughafen zum Geschäftstermin, vom Zuhause zur Entbindung. Vom Bahnhof ins Feriendomizil. Vom Altersheim zum Friedhof. Wer das Glück hatte auf allen Kontinenten Taxi zu fahren weiss, dass keine Fahrt der anderen gleicht. Ja, dass bei jeder Fahrt, sei sie noch so kurz, ein eigenes kleines Universum entsteht. Alles ist möglich: Eine Fahrt ohne Worte durch ein leeres früh morgendliches Chur oder eine unterhaltsame Reise durch ein hektisches Neapel.

Während in Chur am frühen Morgen Taxis Mangelware sind und Wartezeiten oft länger als der Fussweg zum Ziel dauern, scheinen in Neapel die Hälfte der 3.5 Millionen Einwohner ein Taxi zu betreiben. Und während in Chur der Taxifahrer mit starrem Blick seinem Whats App Verlauf folgt, springt in Neapel der Fahrer behände aus dem Taxi und öffnet höflich die Tür. In Chur endet die Konversation abrupt mit der Nennung des Fahrziels, während in Neapel die Fahrt zum Erlebnis wird. In Chur setzt sich das Taxi erst in Bewegung, nachdem der Taxifahrer, kaugummikauend wie Robert de Niro in Taxi Driver, seinen Gurt von seiner Brust zieht und lässig wieder zurückspringen lässt – als Zeichen man solle sich doch bitte anschnallen. In Neapel wird das Anschnallen als Misstrauensvotum gegenüber dem Können des Fahrers gewertet. Kaum hat sich das Taxi mit schalkhaftem Hupen in den nie endenden Strom von Fahrzeugen eingeordnet, erfährt der interessierte Fahrgast die Geheimnisse der Stadt: beim Anblick des Vesuvs die Geschichte über den Untergang von Pompeji, am Hafen von Neapel, wieviel Container pro Tag be- und entladen werden, welches der Restaurants die am Autofenster vorbei huschen, es sich lohnt zu besuchen, zu welcher Epoche die grossen Baudenkmäler der Stadt gehören. Die exakte Wettervorhersage für die Ferientage in Neapel inklusive – Jörg Kachelmann hätte seine wahre Freude. Am Fahrziel angekommen wird der Fahrgast darauf aufmerksam gemacht wo der nächste Taxistand ist und wie lange die Weiterfahrt zum nächsten Ziel dauern wird, so dass sichergestellt ist, dass einem erfolgreichen Abend in Neapel nichts mehr im Wege steht. Die Fahrpreise bei den Taxis in Chur oder Neapel nehmen sich nichts, ob Euro oder Schweizer Franken – das Niveau stimmt. Mit dem kleinen Unterschied, dass man in Chur auch gelegentlich für die Leerfahrt des Taxis zum Kunden bezahlen muss. Zum Glück hat der Churer die Alternative der öffentlichen Verkehrsmittel.

Dass bezüglich Mondänität zwischen Neapel und Chur ein kleiner aber feiner Unterschied besteht ist offensichtlich, auch die Einwohnerzahlen lassen sich nicht vergleichen. Doch wo bleibt die Dienstleistung am Kunden? Hier könnte sich im Kanton Graubünden der eine oder andere Taxifahrer sprichwörtlich eine dicke Scheibe der italienischen Gastfreundschaft abschneiden. Chur und Graubünden haben so viel zu bieten, verfügt doch Chur über eine reiche Geschichte und spannendes Kulturprogramm. Die Surselva, das Engadin und die Bündner Herrschaft haben geologisch gesehen eine weltweit einmalige Geschichte. Die Tatsache, dass Samedan 2016 auf Platz vier bezüglich der längsten Sonnenscheindauer der Schweiz liegt, vereinfacht auch eine meteorologische Aussage. Neben der Tatsache, dass Höflichkeit doch die Tugend eines Dienstleisters darstellt, ist eine eloquente und emphatische Dienstleistung die beste Visitenkarte für unseren Kanton. Doch somit ist es keinem Fahrgast zu verübeln, wenn er zum Taxifahren lieber nach Neapel fliegt als zu uns ins Bündnerland.

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.

Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Ditti Bürgin-Brook, Creative Producer bei der La Siala Entertainment GmbH («Schellen-Ursli»).