Portrait_Walter von BallmoosViele von uns, inklusive mir selber, sind Gewohnheitstiere. Wir dürfen in der „1. Welt“ leben, haben in Graubünden sauberes Wasser, saubere Luft, die Versorgung ist im weltweiten Vergleich in allen Bereichen überdurchschnittlich und die gefühlte Sicherheit ist so gross, dass wir uns per Extrem-Sport „künstlichen Bedrohungen“ aussetzen, um Intensives zu erleben. Somit können wir uns der Selbstverwirklichung, welche ganz zuoberst in der menschlichen Bedürfnispyramide angesiedelt ist, widmen.

Dieser Zustand, kombiniert mit Gewohnheiten, bringt grosse Angst vor Veränderungen mit sich. Es geht uns so gut, dass eine Verbesserung schwer vorstellbar ist. Wir unterliegen somit der Angst, dass jeglicher Wandel nur zu Verschlechterungen führen kann oder dass wir uns einer neuen Situation anpassen müssen.

  1. Beispiel: In Davos läuft eine für Nicht-Davoser nicht nachzuvollziehende Diskussion um den Beidrichtungs-Verkehr für Velos auf den Einbahnachsen Promenade und Talstrasse. Was in vielen Städten normal ist, soll in Davos nicht möglich sein. Wenn das neue Verkehrsregime voraussichtlich am Osterdienstag 2018 eingeführt wird, werden sich Gewohnheiten bei den einen freiwillig, bei andern gezwungenermassen ändern.
  2. Beispiel Val Müstair: Junge wandern ab, die Touristen kommen nicht mehr – jetzt wagt der Gemeindepräsident die Flucht nach vorne titelte die NZZ am 14. Juli 2017. Offensichtlich funktioniert das Bisherige nicht mehr und oft sind solche Entwicklungen erkennbar. Das Val Müstair ist kein Einzelfall.

Fliehen tut niemand freiwillig und es schwingt unkontrolliertes, ungeordnetes und zielloses mit. Der Handlungsspielraum der Fliehenden ist stark eingeschränkt. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden und schnelle Risikoabschätzung ist ebenfalls unabdingbar.

Im 1. Beispiel (Davos) wird eine Veränderung aktiv angegangen. Damit können bestehende und im Prozess entstehende Probleme gelöst, das Projekt zu einem guten Ende gebracht werden und die Gesellschaft kann von den entstehenden positiven Effekten profitieren. Beim 2. Beispiel (Münstertal) vollzieht sich ein Strukturwandel, der bis anhin nicht zielführend aktiv gestaltet worden ist, mit allen Konsequenzen über ein ganzes Tal.

Geschätzte Kolleginnen und Kollegen Grossräte, unser Kanton ist sehr vielfältig. Deshalb sind verschiedenste Lösungen und Kreativität gefragt. Da unser Parlament in den Kreisen gewählt wird, verhalten wir uns zu stark wie ‚kantonale Ständeräte’ und betreiben so Strukturerhaltung. Damit laufen wir Gefahr neue Realitäten so lange zu ignorieren, bis wir nur noch Krisenmanagement betreiben können oder eben die im Val Müstair gewählte Flucht nach vorne…

 

Politforum auf GRHeute

Das Politforum auf GRHeute besteht aus 12 PolitikerInnen aus Graubünden. Jeden Donnerstag nimmt eine/r zu einem aktuellen Thema Stellung.

 

 

(Bild: GRHeute)

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