Lea Gafner aus Zizers schrieb eigentlich nur eine Maturaarbeit. Dann wurde mit «Die Nonne tanzt» ein Buch daraus – und in einem Monat wird das Buch als Theater in Chur aufgeführt. Miriam Maissen hat mit der 21-jährigen Jungautorin gesprochen.

Lea Gafner, bitte beschreibe mir kurz, worum es in deinem Buch «Die Nonne tanzt» geht. 

Es geht um die Auflösung des Klosters Königsfelden im Kanton Aargau während der Reformation. Hauptperson ist eine junge Nonne, die gerade erst ins Kloster eingetreten ist und sich in dieser neuen Gemeinschaft noch nicht wirklich zurechtfindet. Mit der Zeit lebt sie sich dann doch ein. Ihre Mitschwestern beginnen sich schon bald für die Reformation zu interessieren und wollen, dass ihr Kloster geöffnet wird und ihnen der Austritt freisteht. Die Schwestern kämpfen um Erlaubnis dafür und so herrscht im Kloster bald Unordnung. Ausserdem lernt Schwester Agnes, die Hauptperson, einen Franziskanermönch aus dem benachbarten Männerkonvent kennen und muss sich zwischen Liebesheirat und Klosterleben entscheiden.

Du hast viel mit geschichtlichen Quellen gearbeitet. Wie viel an deiner Geschichte ist wirklich wahr? 

Ich habe tatsächlich ziemlich viele Quellen gefunden, wie zum Beispiel Briefe, die sich die Nonnen und der Rat von Bern gegenseitig geschrieben haben. Die Chronologie von den Anfängen der Bewegung im Kloster bis zu den ersten Austritten entspricht der Wahrheit. Die Personen haben tatsächlich gelebt und ich habe auch ihre Verwandtschaftsverhältnisse und Bekannten berücksichtigt. Alles, was ich irgendwie herausfinden konnte, habe ich so übernommen, den Rest ergänzt.

Was mich speziell wundernimmt: Haben Agnes und der Franziskanermönch Heinrich auch im wahren Leben geheiratet? 

Ja, die haben wirklich geheiratet.

Wie kam es denn zu der Veröffentlichung?

Kurz nach dem Abschluss meiner Maturaarbeit erschien ein Artikel in der Zeitung «Reformiert» über meine Maturaarbeit, eine Journalistin der Zeitung hat ein Interview mit mir geführt und ein Portrait über mich geschrieben. Diesen Artikel hat Roland Schärer, Lektor und Programmleiter beim Cosmos Verlag, gesehen und mich angerufen und gefragt, ob ich schon einen Verlag für mein Buch habe. Sie wollten es haben.

Und wie hast du auf diesen Anruf reagiert?

Es war so, dass der Beisitzer meiner Arbeit auch schon zwei Verlage angefragt hatte. Dort war meine Geschichte bereits hingesendet worden, ich hatte aber noch keine Antwort erhalten. Deshalb konnte ich bei diesem Telefonat noch nicht sicher ja oder nein sagen. Für mich war es sehr faszinierend, dass jemand so viel Interesse an meinem Buch zeigte, ohne es vorher überhaupt gelesen zu haben. Der Verantwortliche vom Cosmosverlag hat wirklich gesagt: «Das möchten wir haben! Ich will das unbedingt lesen!» Und tatsächlich: Auch nachdem er es dann gelesen hatte, wollte er es unbedingt haben.

Gab es Reaktionen von deinem Gymi in Schiers?

Von meiner Schule habe ich den Preis für die beste Maturaarbeit des Jahres erhalten. Viele Lehrer fanden es toll, dass jemand von der eigenen Schule etwas macht, wovon man liest und hört. Natürlich haben einige Lehrer das Buch dann bei mir bestellt und es gelesen.

Planst oder schreibst du schon an einem zweiten Buch?

Nein, ich plane da nichts Konkretes. Ich hatte so viel Spass am Schreiben meines Buches, dass ich unbedingt wieder einmal ein Buch schreiben wollte. Momentan fehlt mir mit dem Studium dafür aber die Zeit, es gibt Dinge in meinem Leben, die gerade einfach wichtiger sind. Ausserdem gibt es keinen konkreten Anlass, wie es die Maturaarbeit für mich war. Ich halte mir diese Möglichkeit offen. Vielleicht packt mich die Lust nach dem Bachelorabschluss wieder, mal schauen.

Wie kommt es, dass du so jung eine derart tiefsinnige Geschichte, die so viel Lebenserfahrung enthält, schreiben konntest?

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich extrem erfahren bin. Ich bin zur Schule gegangen, habe die Matura gemacht und mit meinem Studium begonnen. Ich bin weder viel herumgereist, noch habe ich etwas Interessantes gearbeitet. Ich weiss es nicht.

Könnte es vielleicht daran liegen, dass du so eine genaue Beobachterin bist und dir die Dinge merkst, die du hörst und siehst? Dass auf diese Weise die Lebenserfahrung anderer Menschen ein grosser Teil deiner eigenen Erfahrung ausmacht?

Ja. Ich habe schon in meiner Kindheit sehr viel gelesen. In gewisser Weise ergibt sich daraus eine Parallelwelt, in der ich meine Erfahrungen gesammelt habe, ohne tatsächlich in dieser Welt gelebt zu haben. Was das Beobachten betrifft: Meiner Persönlichkeit nach bin ich schon so, dass ich eher beobachte, dabei bin und zuhöre, als dass ich mich extrem aktiv in der Gesellschaft betätige.

Bei deinen Lesungen musst du ja vor einem Publikum stehen und reden. Wie angenehm ist dir das jeweils?

Es ist mir nicht unangenehm, es ist mir von Anfang an gar nicht allzu schwer gefallen, und nun habe ich mich vollständig daran gewöhnt. Was mir besonders gefällt, sind Lesungen vor kleineren Gruppen. Das funktioniert für mich besser und ich kann mehr Kontakt zu den Leuten aufbauen. Bei Gruppen so bis zu zehn Personen habe ich wirklich das Gefühl, mit diesen Menschen zu kommunizieren, was ich sehr angenehm finde.

Wie wurde aus dem Buch ein Theaterstück?

Die Landeskirche Graubünden hatte vor, zum 500-jährigen Reformationsjubiläum einige Veranstaltungen anzubieten. Und als man sich überlegte, was man dazu machen könnte, hat Cornelia Mainetti von der Fachstelle Kirche im Tourismus der Landeskirche Graubünden auch den Artikel über mich gelesen und hat damals schon gedacht, dass das etwas wäre. Ein Theaterstück aufgrund eines Buches einer regionalen Autorin, das in der Reformationszeit spielt, das hat gepasst. Nach dem sie mich angefragt hat, haben wir uns zusammen mit Felicitas Heyerick und Christian Sprecher zu einem Gespräch getroffen, die von der Idee auch schnell begeistert waren.

Wie schwierig war es, das Buch für die Bühne zu adaptieren?

Ich habe die Adaption nicht selber machen müssen, sondern Felicitas Heyerick hat das gemacht. Sie hat mich zum Teil um Ratschläge und Rückmeldungen gebeten. Die grosse Schwierigkeit bestand für sie darin, viel von meinem Text kürzen zu müssen. Ihr Ziel war es, so viele Dialoge wie möglich aus dem Buch wörtlich zu übernehmen. Dies ist natürlich nur begrenzt möglich. Da musste sie halt manchen Kompromiss finden, was sie sehr gut gemacht hat. Ich bin mit ihrer Arbeit soweit sehr zufrieden und gespannt, wie das Theater dann schlussendlich rauskommt.

Was ist das für ein Gefühl, wenn aus deinem Buch ein Theaterstück gemacht wird?

Es ist irgendwie speziell. Manchmal vergesse ich ganz, dass es bei diesem Theaterstück um mein eigenes Buch geht. Mir ist es wirklich gar nicht so richtig bewusst. Ich meine, wenn ich während dem Schreiben gehört hätte, was mit dieser Geschichte noch alles passieren würde, das hätte ich fast nicht geglaubt! Die Geschichte habe ich einfach als meine Maturaarbeit geschrieben, ich habe da noch nicht einmal gewusst, dass es daraus ein richtiges Buch geben wird. Es gab schon Leute, die meinten, das Buch müsse veröffentlicht werden, das war aber nicht Teil meiner Maturaarbeit.

Spielst du auch eine Rolle in der Aufführung?

Nein.

Warum nicht?

Einerseits würde mir die Zeit dafür fehlen. Andererseits habe ich mit Theater spielen nicht so Erfahrung. Ich denke, wenn man als Autorin gleichzeitig auch Schauspielerin ist, ist man etwas zu stark im Fokus. Da möchte ich beim Theater lieber ein bisschen am Rand sein und zuschauen.

Bist du schon aufgeregt?

Nein, noch nicht. Ich habe Vertrauen, dass das gut kommt und überhaupt keine Angst, dass es nicht klappen könnte. Wenn es dann soweit ist, werde ich wahrscheinlich schon etwas nervös sein.

Dein Buch heisst ja „Die Nonne tanzt“. Wie viel tanzt du denn selber?

Also, ich kann nicht wirklich tanzen, habe das nie gelernt. Auch was das Nachtleben anbelangt, bin ich keine Tänzerin. Ich hätte aber lange schon Lust, mal einen Tanzkurs zu besuchen.

Wie viel Nonne steckt in dir?

Gute Frage. Ich finde das Klosterleben grundsätzlich etwas extrem Faszinierendes. Man lebt in einer Gemeinschaft immer mit den gleichen Leuten zusammen. Ich selbst kenne keine Nonne persönlich und habe noch nie in einem Kloster gelebt. Es ist wohl ein beschauliches Leben, man beschäftigt sich mit Meditation, mit sich selber und mit Arbeit.

Ziehst du ein Klosterleben auch für dich selbst in Betracht?

Eigentlich nicht. Ich finde es einfach interessant, so ein Leben von ausserhalb zu betrachten und es sich vorzustellen.

Sind deine Freunde manchmal neidisch auf deinen Erfolg? 

Nein, in Bezug auf meine Arbeit habe ich keinen Neid gespürt. Es gibt Freundinnen, die sich riesig über meinen Erfolg gefreut und mein Buch mit Freude gelesen haben. Entweder habe ich positive Rückmeldungen und Reaktionen bekommen oder sonst war es gar nicht Thema.

Bist du froh, jetzt in Zürich zu leben?

Ich habe viel Zeit gebraucht um mich an die Stadt und die Uni zu gewöhnen. Unterdessen gefällt es mir aber sehr gut, ich bin auch mit meinem Studium zufrieden. Ich bin gern dort, aber komme auch immer gerne zurück. An den Wochenenden fahre ich immer hierher nach Hause.

In deinem Buch geht es ja unter anderem darum, dass eine Nonne und ein Mönch heiraten, was ja eigentlich nicht erlaubt ist. In der Katholischen Kirche haben wir noch heute den Zölibat. Was hältst du davon?

Grundsätzlich finde ich, dass das jeder für sich selber entscheiden soll. Wer so leben möchte, soll diese Freiheit haben.

Also bist du nicht für eine sofortige Abschaffung des Zölibats?

Nicht unbedingt. Vor allem denke ich, dass ich das als Aussenstehende nicht entscheiden kann. Das müssen schon die Betroffenen selber wissen. Es kann natürlich sein, dass Leute gerne eine Funktion in der Kirche hätten oder ein Klosterleben führen würden, aber nicht im Zölibat leben wollen. Und dass der Zölibat als Voraussetzung für diese Menschen eine Belastung ist. Aber ich habe in dieser Diskussion keine bestimmte Position.

Gehst du regelmässig in die Kirche?

Früher häufig, jetzt war ich aber schon lange nicht mehr in der Kirche.

Was bräuchte denn ein Gottesdienst, damit du gerne regelmässig hingehen würdest?

Es ist so, dass ich allgemein sehr gerne beobachte, was es in den Kirchen für verschiedene Bräuche und Traditionen gibt. Letzten Sommer war ich in Russland für einen Sprachaufenthalt und habe dort sehr oft orthodoxe Kirchen besucht. Es war für mich eine wertvolle Erfahrung und ich habe viele Unterschiede zu unserem Gottesdienst festgestellt: Viel Gesang, die Leute stehen in der Kirche, es gibt viel Bewegung, ein Priester geht mit einem Weihrauchgefäss durch die ganze Kirche, vorne gehen Türflügel auf und zu, es wird hell, es wird wieder dunkel. Die Stimmung, das lange Stehen und Hören der Musik, das waren für mich sehr schöne und sehr interessante Erlebnisse. Auch im Katholischen Gottesdienst war ich in letzter Zeit einige Male dabei. Das ist für mich auch eher ungewohnt und somit auch spannend, mal mitzumachen, mich hineinzuversetzen. Es interessiert mich grundsätzlich einfach, zu beobachten. Das ist vielleicht auch ein Grund für mein Interesse an Geschichte und für die Themenwahl meiner Maturaarbeit. Da habe ich mich zuerst mit allerlei Quellen informiert und beobachtet und versucht, mich hineinzudenken, zu verstehen. Religion interessiert mich allgemein sehr als Phänomen in verschiedenen Gesellschaften der Geschichte.

Denkst du, dass es Zeit wäre für eine Vereinigung der Evangelischen und der Römisch Katholischen Kirche?

Ich habe das Gefühl, dass die Kirche im alltäglichen Leben allgemein an Bedeutung verliert. Das ist ein Wandel, von dem man sich das Resultat noch nicht genau vorstellen kann. Die Kirche könnte irgendwann ganz verschwinden, das halte ich zwar vorläufig eher für unwahrscheinlich. Grundsätzlich denke ich, dass eine scharfe Trennung zwischen den beiden Kirchen überhaupt nicht nötig ist. Man ist sich ja in sehr vielen Dingen einig und die Differenzen, die es gibt, sind für mich unwesentlich. Also könnte es aus meiner Sicht gut etwas mehr ökumenische Zusammenarbeit vertragen. Vor allem sollte es heut zu Tage keinen Antagonismus mehr geben, dass man sich voneinander abgrenzt. Das finde ich wirklich nicht mehr zeitgemäss. Austausch ist sicher gut.

Du hast gesagt, dass die Kirche allgemein an alltäglicher Bedeutung verliert. Findest du das schlecht?

Nein, nicht unbedingt. Auch diesen Wandel betrachte ich eher wie eine Aussenstehende. Solche Entwicklungen passieren eben. Es kann ja nicht immer alles gleich bleiben in unserer Gesellschaft.

Warum könnte Religion heute ein aktuelles Thema sein?

Ich denke, die Menschen haben grundsätzlich ein spirituelles Bedürfnis und es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu stillen. Eine Möglichkeit ist die Religion. Dieses Bedürfnis wird der Mensch bestimmt immer haben.

Das Theater «Die Nonne tanzt» nach dem gleichnamigen Buch von Lea Gafner wird vom 1. bis am 4. September in der Postremise Chur jeweils um 19 Uhr aufgeführt. Am Montag 4. September findet zusätzlich eine Vorstellung um 14 Uhr statt. 

(Foto: Graubünden Ferien)

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