Ein ganz normaler Morgen in Berlin. Auf dem Weg zum Flughafen glitzert das Sonnenlicht auf der Havel. Segelboote gleiten am grünen Ufer entlang, vorbei an herrschaftlichen Villen. In den Strassen von Spandau herrscht frühmorgendliche Hektik. Die Menschen in der S-Bahn starren Stumm auf ihre hell strahlenden Handys. Am Gate 7 des Flughafens Tegel steht in einem grauen, vor Angespanntheit wabernden Meer von Beratern, Rechtsanwälten und Lobbyisten ein in sich ruhender und gut gekleideter Mann. Sein bunter Schal wirkt in dem monotonen Grau der verkrampften, nach einer Lebensaufgabe suchenden Geschäftsmänner, wie eine Offenbarung.

Die Szene könnte auch aus einer Neuverfilmung von Michael Endes Geschichte Momo sein. Die Analogie zum Buch wird noch auffälliger, wenn dieser Mann, der bekannterweise ein erfolgreicher Künstler ist, von seinen Visionen für Graubünden spricht. Denn seine Familie hat nicht nur seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts im Engadin Bedeutendes bewegt, sondern auch dafür gesorgt, das St. Moritz zu dem wurde, was es heute ist. Top of the World. Der Zufall will, dass wir im Airbus 320 der Swiss beide nebeneinander in der Reihe 33 sitzen. Wir kommen ins Plaudern, denn wir kennen uns aus alten Tagen. Wir sprechen über unsere grosse Liebe, die Jazzmusik und Film. Das eine Wort gibt das Andere und schon sind wir mitten im Entwickeln einer Geschichte über die Entstehung des Tourismus im Engadin. Erfinden Figuren und Handlungsstränge. Graben in privaten Erinnerungen und Anekdoten. Wir kommen von der Idee zum Film auf die Vertriebs- und Vermarktungsmöglichkeiten. Zu touristischen Paketen. Weekend-, Familie- und Pauschalferien. Sprechen über Marketingtools und Merchandising zum Film. Haben bereits konkrete Ideen, mit wem dieses Projekt umgesetzt werden könnte.

Es ist eine Wohltat, hoch über den Wolken so herum zu spinnen. Ideen zu gebären. Zumal uns beiden der Kanton Graubünden am Herzen liegt. Wir sind gemeinsam davon überzeugt, dass derzeit im Kanton Graubünden zusehends die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Der positiv motivierte Glaube daran, dass Änderungen möglich sind, auf verschiedenen Positionen täglich wächst. Ferner bei Entscheidungsfindungen auch philosophisches Gedankengut im Kanton Raum findet. Sicher, da und dort sind Fehler und Probleme auszumachen, doch wer – wie der Künstler neben mir zwischen London, Rom und Berlin pendelt – weiss, dass wir in der Schweiz in der besten aller Welten leben und eine Unzulänglichkeit sogar Sympathien wecken kann.

Als ich vor einem Jahrzehnt bei einem Freund mein Unmut über die teilweise verkrusteten Strukturen im Kanton Graubünden äusserte, hat er mir geantwortet: „Es heisst Graubünden und nicht Farbigesbünden“.

Sicher, zuhinterst in so manchen Tälern wärmt die Sonne nicht alle Gemüter, ob Einheimisch oder Zugezogen, das Sichtspektrum scheint zuweilen stark eingeschränkt. Doch wer im Bündnerland sich die Mühe macht und in die Höhe steigt, wird am Ende mit einem Weitblick – und sofern offen dafür, mit Erkenntnis und der wärmenden Sonne belohnt. Dass nun neue Farben auf das Wappen der drei Bünde kommt, ob für die Bewohner oder die Touristen im Kanton, scheinen mir so richtig wie selten zuvor. Da ein leuchtendes Blau und Gelb. Dort, wenig, dafür aber ein kräftiges Rot. Gerade so bunt wie der Schal meines Sitznachbarn. Denn auch der Schal ist nur eine Metapher für den lebendigen Geist und die bunte Seele des Künstlers.

Lassen wir doch unser Wappen als unser aller Metapher weit über die Bergketten hinaus in die Welt leuchten. Machen wir uns auf, jetzt, heute. Mit mutigen Ideen und aussergewöhnlichen Dienstleistungen. Begleitet von zukunftsweisenden, politischen Entscheiden gepaart mit wirtschaftlichen und touristischen Innovationen. Geben wir uns die Erlaubnis auch mal Fehler machen zu dürfen, um danach gestärkt als Gemeinschaft – auf ein Neues, von Herzen und mit Begeisterung – uns für den Kanton einzubringen. Nach offiziellen Angeben leben in Graubünden derzeit 197’529 Menschen. 197’529 Möglichkeiten leuchtende Farben auf das Wappen zu bekommen. Jeder von uns ist Teil des Potentials für den Kanton, was für ein gewaltiges Farbenspektrum! Denn, wenn nicht wir, wer soll dann sonst das neue Farbigebünden sein?