Der Alpenraum kann eine wichtige Rolle im Gesundheitssystem der Zukunft übernehmen. Die Rehabilitation nach Krankheiten und Unfällen soll dort stattfinden, wo sich die Patienten wohl fühlen. Dies sagt Prof. Dr. med. Gregor Zünd, Direktor des Universitätsspitals Zürich, im Interview mit «Gesundheit & Tourismus».

Politiker, Versicherungen und Spitäler suchen vor dem Hintergrund explodierender Gesundheitskosten nach Möglichkeiten, die Behandlung von Patienten wirtschaftlicher zu gestalten. Viel Potential liegt in der Nachsorge und Rehabilitation, ist Prof. Gregor Zünd überzeugt. Der Direktor des UniversitätsSpitals Zürich (USZ) wird als Referent an der 3. Konferenz «Gesundheit & Tourismus» auftreten.

Sie leiten eines der grössten Spitäler der Schweiz. Vor welchen Herausforderungen stehen Zentrumsspitäler bei der Planung ihrer künftigen Angebote und ihrer Infrastruktur?

Die Infrastruktur und das Personal in Zentrumsspitälern sind bedeutende Kostenfaktoren in unserem Gesundheitssystem. Es muss uns gelingen, in einem Krankenhaus bei gleicher Bettenzahl und Kostenstruktur mehr Patienten bei gleicher oder gar besserer Qualität zu behandeln. Im internationalen Vergleich sind die Spitalaufenthalte in der Schweiz deutlich länger.

Kann man denn die Patienten einfach früher nach Hause schicken?

Nein. Aber dank moderner Behandlungsmethoden, z.B. minimal invasiven Operationen, ist der Spitalaufenthalt schon heute kürzer als noch vor wenigen Jahren oder ursprünglich stationäre Aufenthalte können vielfach heute auch ambulant durchgeführt werden. Diese Entwicklungen werden sich in der Zukunft vermehrt manifestieren. Nachsorge und Rehabilitation gehören in die Hände von gut ausgebildetem Personal. Sie können stationär, also in einer medizinischen Einrichtung, oder ambulant, zum Beispiel in einem Patienten- oder Gesundheitshotel, durchgeführt werden.

Dazu müssten Unsummen in Infrastrukturen investiert werden. Wer wird diese Investitionen bezahlen?

Das können private oder öffentliche Investitionen sein. Die Kosten für die Rehabilitation ausserhalb eines in der Akutversorgung tätigen Krankenhauses sind markant geringer. Die Versicherungen haben deshalb ein Interesse an solchen Lösungen.

Vieles in der Medizin wird zentralisiert. Auch die Rehabilitation?

Die Nachsorge kann zentral oder dezentral stattfinden. Dazu werden in grösseren Agglomerationen mehr Reha-Kapazitäten geschaffen. Aber es sollte auch dezentral Orte geben, in denen eine Betreuung in hoher medizinischer Qualität durchgeführt werden kann und sich die Patienten wohl fühlen. Eine attraktive Umgebung wirkt sich auch auf die Rehabilitation positiv aus.

Das klingt nach einer Luxuslösung. Dabei sollten die Kosten ja sinken.

Rehabilitation ist in den Bergen nicht per se teurer als in einer Stadt. Wenn in den Bergen Reha-Angebote von hoher Qualität entstehen, werden sie genutzt werden, davon bin ich überzeugt.

Aber wohl doch nur von Selbstzahlern, Allgemeinversicherte können es sich doch nicht leisten, zur Reha in ein Hotel zu gehen.

Wenn ambulante Reha zu attraktiven Tarifen angeboten werden kann, werden dies die Krankenkassen unterstützen.

Welche Rolle spielen da die Kantonsgrenzen? Die Kantone des Mittellandes werden keine Freude daran haben, Behandlungen im Alpenraum mitzufinanzieren…

Natürlich entsteht eine Konkurrenzdiskussion. Aber Konkurrenz ist im Gesundheitswesen erwünscht und gefördert. Die Behandlungs-Qualität ist entscheidend.

Welche Anforderungen müssen Reha-Standorte in den Alpen erfüllen, wenn sie enger in die Heilungskette von Patienten der Zentrumsspitäler eingebunden werden sollen?

Eine isolierte Rehabilitation ohne Spitäler kann es nicht geben. Schliesslich ist eine Reha nicht einfach ein Ferienaufenthalt. Neben Hotels braucht es also kompetente Spitäler mit gut ausgebildete Ärzten, Therapeuten und Pflegepersonal.

In welchen medizinischen Gebieten sehen Sie Potential für die Rehabilitation im Alpenraum?

Mögliche Schwerpunkte sehe ich bei Erkrankungen der Herz-Kreislauforgane, bei neuro-degenerativen Erkrankungen, nach Behandlungen oder Eingriffen zur Tumorbekämpfung sowie bei Beschwerden des Bewegungsapparats. Wünschenswert ist eine gewisse Spezialisierung. Jede Region sollte sich genau überlegen, welche Angebote und welche Fachkompetenzen sie aufbauen möchte.

Werden die Spitäler in den Alpen dann einfach zu Reha-Kliniken? Was heisst das für die Bevölkerung in diesen Regionen und deren Versorgung?

Die Rehabilitation verlangt nach gewissen medizinischen Spezialangeboten. Diese werden die Akutversorgung für die Einheimischen oder Feriengäste aber nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die medizinischen Zentren werden besser ausgelastet sein. Das ist mehr eine Ergänzung als eine Konkurrenz.

Das USZ unterstützt das Projekt Santasana St. Moritz für Herz-Rehabilitation im Höhenklima. Weshalb?

Aus Sicht des USZ ist es unabdingbar, seine Patientinnen und Patienten für die Nachsorge und Rehabilitation in den besten Händen zu wissen. In der Region des Oberengadins sind kompetente Medizinzentren, das ist uns wichtig.

 

Info

Die Konferenz «Gesundheit & Tourismus» richtet sich an Leistungsträger aus Tourismus, Gesundheitswesen und Gewerbe sowie Entscheidungsträger aus Politik und Verbandswesen und hat zum Ziel, Möglichkeiten und Marktchancen für eine gesundheitstouristische Entwicklung im Alpenraum aufzuzeigen.

Prof. Gregor Zünd wird am 21. September als Referent der 3. Konferenz «Gesundheit & Tourismus» in Pontresina auftreten. Bis 31. August gilt noch der Vorzugstarif von 200.- Franken (Studierende mit Legi: 100.-), ab 1. September: 300.-/150.-. Informationen und Anmeldung unter www.udir.ch.

 

(Interview: Christian Gartmann, Gesundheit & Tourismus/Bild: Prof. Dr. med. Gregor Zünd ist Referent an der 3. Konferenz «Gesundeit & Tourismus»/Pressebild USZ)

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