Vier Millionen Kubikmeter Fels donnerte am 23. August vom Piz Cengalo Richtung Bergeller Talboden nach Bondo. Ein furchterregendes Ereignis, bei dem uns die Naturgewalt auf einen Schlag und auf brutale Art und Weise vor Augen geführt wurde. Vier Millionen Kubikmeter Fels – anhand der Katastrophenbilder in den News wurde uns allen klar: das muss unfassbar viel Material sein. Doch wer hat schon eine Vorstellung davon, wie viel das wirklich ist?

Mit vielen Mess- und Statistikdaten, hinter denen sich keine so dramatische Geschichte wie die von Bondo verstecken, geht es uns ganz ähnlich. Wir können sie in kein Verhältnis setzen. So zum Beispiel die Logiernächtezahlen, die in der Beherbergungsstatistik[1] vom Bund monatlich erhoben und publiziert und von den Medien regelmässig in die News eingewoben werden. Vielleicht haben Sie kürzlich die Zeitung aufgeschlagen und gelesen, dass die Schweizer Hotellerie zwischen Januar und Juli in diesem Jahr 21’906’849 Millionen Logiernächte verzeichnet hat. Ist das nun also viel oder wenig?

Tatsächlich kann die Hotellerie recht zufrieden sein, denn sie durften einen Logiernächtezuwachs von 3.2% im Vergleich zur Vorjahresperiode verzeichnen. Damit ist Anlass zu Optimismus gegeben, dass der Talboden nicht nur erreicht, sondern durchschritten ist. 22 Millionen Logiernächte sind etwa so viel, wie wenn die gesamte Bevölkerung der brasilianischen Mega-City São Paulo für eine Nacht in der Schweiz zu Gast gewesen wäre. Oder wie wenn jeder dritte Italiener einmal bei uns übernachtet hätte. Diese knapp 22 Millionen Logiernächte verdanken wir aber natürlich nicht alle den Italienern oder Brasilianern. Ganze 45.3% davon gingen auf das Konto der Schweizer Gäste, also 9’923’803 Übernachtungen. In den ersten sieben Monaten von 2017 hätte demnach jeder der 8.4 Millionen Schweizer Bürger durchschnittlich 1.2 Mal in unseren Hotels übernachten müssen, um auf diese Summe zu kommen. Müsste die Anzahl Logiernächte ausschliesslich in einem einzigen Bett erbracht werden, würde es 27’170 Jahre lang belegt sein. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 83.4 Jahren würden es dazu 326 Schweizerinnen oder Schweizer benötigen – nacheinander, wohlverstanden. Das klingt doch nach einer ganzen Menge, oder?

Übrigens: 4 Millionen Kubikmeter Fels entsprechen rund 4’000 Einfamilienhäusern oder einem Drittel des Aushubs aus dem 57km langen Neat-Gotthardtunnel. So richtig kann man sich diese irrsinnige Zahl noch immer nicht vorstellen, aber ein wenig klarer wird das Ausmass schon. Vergleiche machen abstrakten Zahlen greifbarer und kurbeln unser Vorstellungsvermögen an. Aber aufgepasst: natürlich ist trotz diesen praktischen Vergleichen dennoch Vorsicht bei der Interpretation von Zahlen geboten.  So wenig wie der Vergleich mit den Einfamilienhäusern dem Schrecken und der Verwüstung in Bondo Rechnung trägt, so wenig sagen die Vergleiche bei den Logiernächten etwas über Rentabilität und finanzieller Erfolg in der Hotellerie aus.

[1] https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/tourismus/beherbergung.html

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.
Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Brigitte Küng, Leiterin KMU-Zentrum Graubünden.