Die „Digitalisierung“ hat dem Tourismus einige neue Wege eröffnet, vor allem im Bereich der Marketingmöglichkeiten.

Aus Sicht der Gäste brachte sie zum Beispiel eine verbesserte Transparenz der Qualität von Anbietern durch die Bewertungssysteme. Für Anbieter taten sich neue Vertriebswege auf und stärkten gleichzeitig die Macht von Buchungsplattformen, die ihre Marktstellung ordentlich auskosten.

Inzwischen ist ein regelrechter Aktionismus in Sachen „Digitalisierung“ entstanden. Es scheint mir nicht mehr nur ein „Schlagwort“ zu sein, sondern avanciert mehr und mehr zum Unwort des Jahres.

Das reicht bis zu solchen Prophezeiungen, dass die Digitalisierung auch den Tourismus-Informationsstellen arg an den Kragen rücken wird.

Letztere Vorhersage erinnert mich sehr stark an die Panikmache vor vielen Jahren, die den Reisebüros das Aussterben androhte.

Fakt ist, dass sowohl die Zahl der Reisebüros in der Schweiz wie auch in Deutschland zwischen 2002 und 2015 deutlich gesunken ist. Doch schaut man sich die Statistiken der deutschen Nachbarn genauer an, kann man in den letzten drei Jahren wieder einen Anstieg dieser sehen, wenn auch auf sanftem Niveau. Wie das?

Es waren und sind doch weit mehr Faktoren als die „Digitalisierung“, die über die Zukunft der Reisebüros entscheiden wie auch über die der Tourismus-Informationsstellen. Bei den Reisebüros haben vor allem die Malus-Regelungen der Airlines und die Kommissionsschrauben der Veranstalter in hohem Mass zu einer „Auslese“ beigetragen, gefolgt von natürlichen Gewalten in viel gebuchten Destinationen, von fehlenden Modernisierungen und/oder Nachfolgeregelungen sowie von Wirtschaftskrisen und Insolvenzen. Auch der kuriose Pleitegang der Air Berlin wird nicht spurlos am Reisevertrieb vorbeiziehen.

„Big Data mit Herz und Verstand“ sowie eine funktionierende Schnittstelle in die analoge Welt.

Je mehr Suchmaschinen, digitale Verkaufsplattformen und Super-Service-Apps in unseren Alltag dringen, umso anstrengender und schwieriger wird es, im virtuellen Dschungel den wirklich guten, relevanten Anbieter auszumachen.

Der Tourismus muss sich immer bewusst sein, WAS er verkauft. DAS Lebensgefühl, DIE Entspannung digital zu vermitteln, ist eine wahrhaft grosse Herausforderung.

Das eigentliche Thema oder Produkt und die Sehnsucht danach entstehen zum grössten Teil noch immer in der analogen Erfahrung. Reale Experience und Vertrauen heisst die wichtigste Währung und nicht Geschwindigkeit, Content, bearbeitete Spitzenfotos oder Verfügbarkeit.

Die Erfahrungen, das – oft hoch spezialisierte – Know-how, die persönliche Beratung von Mensch zu Mensch werden jetzt erst recht bedeutsam.

Digitale Services zur richtigen Zeit und am richtigen Ort können das analoge Urlaubserlebnis höchstens verbessern.

Letztlich kann ein Unternehmen oder eine Destination voll digitalisiert, dennoch für den Gast uninteressant und nicht attraktiv sein.


Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.
Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Kathrin Spiller, Tourism Manager Landquart Fashion Outlet.
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