Die wieder etwas besseren Zahlen im Bündner Tourismus haben zahlreiche positive Medienberichte und Kommentare erzeugt. Ist diese Freude bereits angebracht?

«Kaum geht’s nicht mehr steil abwärts, seid ihr schon wieder zufrieden und legt Euch zurück», frotzelte neulich ein Bekannter aus dem Unterland mit Blick auf die positiven Meldungen über Gästezahlen in den Schweizer Bergdestinationen. Keine andere Branche spreche schon von einer Erholung, noch bevor diese überhaupt eingetreten sei. 

In einem Teil seiner Aussage hat mein Bekannter nicht ganz unrecht: beim Verkünden von guten Neuigkeiten sind wir Touristiker tatsächlich Weltmeister. Der positive Blickwinkel hat System: kein Mensch will an einem Ort Ferien und Wochenenden verbringen, der selbst immer nur von seiner eigenen Krise redet. Oder fahren Sie an die Adria oder auf die Malediven, um sich von Hotelier und Oberkellner anzuhören, wie schlimm die Situation dort sei?

Beim zweiten Teil der Aussage habe ich meinem Bekannten widersprochen: ich habe nicht den Eindruck, dass sich Graubünden nun bereits wieder zurücklehnt und nur darauf wartet, dass die Gäste aus der Schweiz, Deutschland oder Italien wieder Schlange stehen. Leistungsträger und auch Touristiker in unserem Kanton haben die Zeit der Baisse genutzt, um sich und ihr Angebot für unsere Gäste kritisch zu durchleuchten und sich neu auf unsere Gäste einzustellen. 

Mit gutem Grund: die Zeit der Baisse war auch die Zeit der praktisch vollständigen Digitalisierung unserer Kommunikation und damit des Marketings für unser Graubünden, unsere Orte, Hotels, Restaurants, Bergbahnen, Skischulen und Clubs. Aber nicht nur technisch hat sich die Digitalisierung ausgewirkt: Bewertungs- und Buchungsplattformen sind aus unserem Tourismus nicht mehr wegzudenken – mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Wer sich nicht kompromisslos auf seine Gäste und deren Bedürfnisse ausrichtet, hat genauso verloren, wie einer, der den (Mehr-)Wert seiner eigenen Dienstleistung nicht greifbar machen kann. Mehrwert oder «Value Added», wie man Neudeutsch sagt, gehört gerade dann zu den wichtigen Verkaufsargumenten, wenn man sich (wie wir Bündner) nicht über den Preis verkaufen kann.

A propos Preis: statt sich auf ruinöse Preiskämpfe einzulassen muss der alpine Sport in den Bergen es schaffen, seine Wertigkeit zu sichern und wieder zu kommunizieren. Skifahren und Snowboarding sind unter dem Strich günstiger als Golf oder Tennis und zwei Stunden Popkonzert kosten nicht selten zwei- bis viermal so viel wie eine Tageskarte in den Bergen. 

Aber zurück zum Mehrwert: zu ihm gehört auch die Stimmung im Ort und das führt mich zurück zur Ausgangs-Frage: Darf man sich angesichts der leicht positiveren Statistiken schon zufrieden zeigen? Ich finde: ja! Wenn’s wieder aufwärts geht, ist das ein Grund, sich zu freuen. Und – wie schon erwähnt – keiner verbringt gern Zeit mit Leuten, die nur über die eigene Misere jammern.

 

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.
Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Reto Branschi, CEO der Destination Davos/Klosters.