Viele Digital Natives – Kinder und Jugendliche, die in der digitalen Welt aufwachsen und damit die «Welt vor dem Internet» nicht kennen – haben ein Suchtproblem. Auch in Graubünden. Und es hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Digitalisierung heisst das Schlagwort, auf das die Wirtschaft – gerade auch in Graubünden – setzt: Seit rund 20 Jahren verändert die Online-Technologie die Welt, von fast allen Experten wird in naher Zukunft der grosse Durchbruch des Web 4.0 erwartet. Das unbegrenzte Online-Leben hat aber auch neue Geister geweckt: Besonders die Digital Natives sind anfällig für Internet- und Computerspielsucht – mit zunehmender Tendenz. Insgesamt sind statistisch mehr männliche User betroffen, tendenziell nimmt die Online-Sucht aber – «dank» Kommunikationsplattformen und Sparten-Youtuber – bei den weiblichen Nutzerinnen zu. 

Verschärfte Problematik

Für Online-Sucht gibt es keine international anerkannte Definition, eine Schweizer Studie kam zum Ergebnis, dass Online-Süchtige im Schnitt 35 Stunden pro Woche ausserberuflich im Netz verbringen. In einer GRHeute-Umfrage unter Bündner Fünft- und Sechstklässler meinten mehrere Kinder, täglich 2-4 Stunden und an Wochenenden noch mehr vor einem Bildschirm zu sitzen. Gemäss der sogenannten James-Studie sassen die Schweizer Jugendlichen 2014 durchschnittlich zwei Stunden täglich vor einem Bildschirm. In diesem Jahr hatte auch die Suchthilfe Graubünden ihren «Suchtreport» zum Thema Online-Sucht veröffentlicht. Darin wurde berichtet, dass 70’000 Personen in der Schweiz onlinesüchtig und 110’000 gefährdet seien. Genaue aktuelle Zahlen gibt es nicht. Gemäss Sebastian Kirsch von der Suchthilfe Graubünden hat sich die Problematik seit 2014 eindeutig verschärft. Die Folgen sind seit längerem bekannt. «Eine Online-Sucht kann sich negativ auf soziale Beziehungen oder bei Jugendlichen auf die schulische oder berufliche Leistungsfähigkeit auswirken. Es gibt verschiedene Anzeichen, die auf einen schädlichen Gebrauch des Internets hinweisen, beispielsweise wenn die betroffene Person sich zunehmend zurückzieht (soziale Isolation), immer häufiger online ist (Dosissteigerung), Gesprächen zum Umgang mit dem Internet aus dem Weg geht, darauf aggressiv reagiert oder Probleme in Schule und Beruf hat. Mit der Zeit kann sich aus problematischem Verhalten eine Abhängigkeit entwickeln», heisst es im Report. Verschiedene Studien bezüglich computerspiel- oder internetbezogenen Störungen gehen von 2-8% betroffenen Jugendlichen aus

«Noch einmal»

«Nur noch eine Runde!» – viele kennen das Gefühl, am Smartphone an einem Spiel zu hängen. Sucht ist das noch nicht. Aber gerade die modernen Spiele sind psychologisch derart geschickt gestrickt, dass sie mit ihren Anreizsystemen und stetigen Belohnungen die körpereigenen biochemischen Veränderungen, die eine Sucht ausmachen, beschleunigen können. «Wenn ich einen Roman lese, kann ich ich für den begeistern, aber ich habe kein persönliches Erfolgserlebnis», so der Berliner Oberarzt Jakob Florack in einem Beitrag der Spielezeitschrift ‚Gamestar‘, «wenn ich allerdings der erste Level-60-Charakter auf dem World-of-Warcraft-Server bin, dann wird Dopamin ausgeschüttet und es macht in meinem Gehirn bing bing bing.» Dem ‚Glückshormon‘ Dopamin schreiben Ärzte eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen zu. «Die Verantwortung liegt letztlich bei den Eltern», sagt Florack, «allerdings denke ich schon, dass Spielehersteller eine gewisse Verantwortung haben, nämlich dann, wenn sie Spiele produzieren, die auf eine junge Zielgruppe zugeschnitten sind und sehr viele abhängig machende Mechanismen enthalten.» So bleibt wohl die Frage, wie lange es wohl noch dauert, bis auf Spielen – wie bei anderen Suchtmitteln – ein entsprechender Warnhinweis für das Thema sensibilisiert. Dass das Thema schon in naher Zukunft deutlich an Relevanz gewinnen wird, steht hingegen ausser Frage.  

 

Das können Eltern tun

Im Internet kursieren Dutzende Medienstudien zur Online-Sucht, da sich aber Technologie und Entwicklung derart rasant verändern, sind gesicherte, aktuelle Aussagen schwierig zu treffen. Trotzdem gibt es wie bei jeder Sucht Anzeichen, die man als Eltern ernst nehmen sollte. «Jugend und Medien», die nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen, schreibt dazu:  «Bei einer Onlinesucht verschiebt sich der Lebensmittelpunkt vom realen hin zum virtuellen Leben. So gibt es Jugendliche, die sich bei Sonnenschein in einem verdunkelten Zimmer zurückziehen und gemeinsame Mahlzeiten verweigern oder in den Ferien lieber im Internet surfen und mit den Freunden chatten als mit der Familie Aktivitäten zu unternehmen. Die längerfristigen Folgen davon können sein:

  • abfallende Leistungen in der Schule
  • sozialer Rückzug
  • Übermüdung als Folge von Schlafmangel
  • Vernachlässigen von Kontakten zu Gleichaltrigen
  • fehlendes Interesse an anderen Freizeitaktivitäten
Das können Eltern tun: 
  • Altersbeschränkung der Computerspiele beachten. 
  • Lassen Sie sich die Spiele von Ihrem Kind zeigen und sprechen Sie mit ihm über seine Online-Aktivitäten und seine bevorzugten Webseiten. 
  • Überlegen Sie, wie sich Abenteuerlust und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Erfolg auch in der realen Welt befriedigen lassen. 
  • Bei übermässigem Internet- oder Spielkonsum: Zeit am Computer pro Tag bzw. Woche beschränken und alternative Ideen zur Freizeitbeschäftigung gemeinsam mit dem Kind entwickeln.

 Sucht Schweiz hat auch einen entsprechenden Leitfaden veröffentlicht. 

(Quelle: Sucht Schweiz)
 
 
(Grafik: GRHeute)