Es ist ein grosser Herbst für die Bündner Musikszene, denn die Menge der Tonträger, die aktuell erscheinen, ist nicht gerade alltäglich. Während in gewissen Monaten die Musikszene Graubünden praktisch still steht, spielt der beste Kanton der Schweiz diesen Oktober/November ziemlich aktiv vorne mit.

GRHeute hat alle Künstler, die im 2017 noch was veröffentlichen, zum Interview gebeten und mit ihnen über Musik in Graubünden gesprochen.

Heute im Interview: Claudio Caduff
Künstler: Marked with Lipstick
Aktuelles Album: Bigger Better Longer Lasting
Veröffentlichungsdatum: 18.11.2017

Hallo Claudio, wie zufrieden bist du mit dem neuen Werk?

Sehr zufrieden. Wir haben sehr viel Zeit in das Projekt investiert und sind der Meinung, dass es das definitiv wert war.

Wie lange hat die Produktion gedauert?

Wir haben 25 Tage im Studio verbracht. Zusammen mit der Pre-Production und Organisation des Ganzen hat uns das Album jedoch selbstverständlich viel mehr Zeit gekostet.

Wie viele Lieder habt ihr circa aufgenommen in der ganzen Zeit?

Wir hatten ursprünglich 20 Songs für das Album geschrieben und dann zusammen mit unserem Produzenten die neun besten, welche es letztendlich aufs Album geschafft haben, ausgewählt.

Welchen Einfluss brachte euer neuer Gitarrist Marcus mit?

Obwohl Marcus erst nach Beginn der Pre-Production-Phase zu uns gestossen ist, hatte er eine grossen Einfluss auf das Album. Da wir nun zwei Gitarristen in der Band sind, eröffneten sich uns beim Songwriting völlig neue Welten. Auf dem Album befinden sich viele Parts, die wir live mit einer Gitarre so gar nicht umsetzen könnten. Mein persönliches Lieblingsriff auf der Scheibe stammt ausserdem von ihm.

Wie geht es weiter? Ist eine Tour geplant?

Eine Tour ist leider in nächster Zeit aufgrund von Abwesenheiten einzelner Bandmitglieder im kommenden Frühjahr nicht geplant. Nach der Plattentaufe ist unser Konzertkalender noch leer, da wir bis vor kurzem noch gar nicht wussten, ob wir bis nächsten Sommer überhaupt auftreten können. Nun wissen wir, dass dies möglich ist und sind auf der Suche nach neuen Gigs. Die Ungewissheit war leider nicht die beste Voraussetzung, um unser Album unter die Leute zu bringen. Der Release war aus diesem Grund ursprünglich aber auch früher geplant, musste jedoch verschoben werden.

Die letzte Veröffentlichung hatte klangliche Abstriche, die ihr beim neuen Material ausgebügelt habt. Was war sonst noch anders am Prozess?

Die Vorgehensweise bei dieser Produktion unterscheidet sich stark von der unserer bisherigen Releases: Wir haben alleine im Studio fast zehn Mal so viel Zeit verbracht, wie bei der EP. Das obwohl es nur vier Songs mehr waren. Ausserdem war die Pre-Production intensiver und mit Beteiligung unseres Produzenten. Wir haben uns von Anfang an nicht mehr bewusst an unseren ursprünglichen Vorbildern orientiert und wollten unserem von den 90ern angehauchten Sound einen moderneren Touch verleihen, ohne dabei eine komplett andere Richtung einzuschlagen. Wie bereits erwähnt hat auch die Tatsache, dass wir mit Marcus einen zweiten Gitarristen gefunden haben, viel verändert. Er übernahm sogar in einigen Songs gewisse Vocal-Parts.

Wie sehr stresst euch der Fakt, dass euer Name immer mit Head Smashed in einem Atemzug fällt?

Das war in unser Gegenwart eigentlich gar nicht so oft der Fall. Von daher gar nicht. Aber selbst wenn: Wir sind gut mit ihnen befreundet und sehen sie nicht als Konkurrenten. Aus diesem Grund stört uns eine allfällige Assoziation nicht im Geringsten.

Wie steht’s um den Funkpunk in Graubünden? Sind die guten Jahre vorbei oder spürt ihr einen Aufschwung?

Ich persönlich bin der Meinung, dass unser Genre weltweit die besten Jahre hinter sich hat. Während 2016 mit neuen Alben von grossen Vertretern wie blink-182, Sum 41, Green Day oder Good Charlotte ein kleines Revival stattgefunden hat, scheint dieses bereits wieder vorbei zu sein. Das soll jedoch nicht heissen, dass Pop-Punk komplett ausgestorben ist: Es gibt zahlreiche junge talentierte Bands, die sich in der Szene grosser Beliebtheit erfreuen. Nur seine Rückkehr in den Mainstream, so denke ich, wird das Genre in den nächsten paar Jahren nicht schaffen. Dasselbe gilt für das Genre auch in Graubünden. Da der Kanton von der Einwohnerzahl her sehr klein ist, gibt es hier im Gegensatz zu anderen Musikrichtungen leider auch keine wirkliche Pop-Punk-Szene. Wie bereits erwähnt, ist das meine persönliche Meinung – ich würde mich natürlich freuen, wenn ich falsch läge.

Im Herbst erscheinen viele weitere Bündner Werke. Auf welches freust du dich neben eurem Werk?
Besonders gespannt bin ich natürlich auf das neue Werk von (Achtung, nun werden sie doch erneut erwähnt) Head Smashed, zu dem in wenigen Tagen die erste Single veröffentlicht wird. Da scheint es ein interessantes Featuring zu geben, mit der die Jungs bestimmt eine neue Richtung einschlagen werden. Ausserdem freue ich mich auf die erste Veröffentlichung von Kaufmann: Ich hatte zwar noch nicht die Möglichkeit reinzuhören, denke aber, dass uns da etwas ganz Grosses erwartet! An dieser Stelle möchte ich aber auch unsere Freunde von Chase the Pancake erwähnen: Ihr Album wurde zwar bereits veröffentlicht, ist aber ebenfalls ein gelungenes Bündner Werk mit Releasetermin im Herbst.

Wie gross ist der Kontakt zur Bündner Musikszene?

Wenn man bedenkt, wie viele Musiker es im Kanton gibt, wahrscheinlich kleiner, als wir meinen. Es ist uns allerdings sehr wichtig, Kontakte mit anderen Szenevertretern zu pflegen. Wir haben uns bisher mit allen Mitmusikern sehr gut verstanden und es sind auch Freundschaften entstanden, welche weit über die Bandebene hinausgehen. Die Musik fungierte da mehr als Grund, aufeinander zu treffen und nicht für den Aufbau der Freundschaft selber.

Wie wichtig ist Chur als Inspirationsquelle für deine Musik?

Da ich seit meiner Geburt in Chur lebe, hat die Stadt wohl immer einen indirekten Einfluss auf meine Musik gehabt. Auf dem neuen Album geht das sogar noch ein bisschen tiefer: Unsere Single „Sure As Hell“ handelt davon, seine Heimatstadt trotz allfälliger Schattenseiten (anders als im Pop-Punk üblich) zu mögen und sich nirgends wohler zu fühlen. Natürlich hat meine Haltung Chur gegenüber diesen Text stark geprägt.