Die rätoromanische Oper „Benjamin“ hat an den Staatstheatern Stuttgart ihre deutsche Erstaufführung erlebt (GRHeute berichtete). Der erste Origen-Export erhält viel Beifall von Zuschauern wie Medien. Gemeinsam mit Origen-Freunden ist Giovanni Netzer am Wochenende nach Stuttgart gefahren.

Wie immer bei Origen gibt es vor der Vorstellung eine Einführung von Intendant Giovanni Netzer, auch an diesem Abend in Stuttgart. Netzer erzählt von der inspirierenden Zusammenarbeit mit dem Bündner Komponisten Gion Antoni Derungs und der „Benjamin“-Uraufführung in der Burg Riom im Jahr 2006. „Normalerweise wissen unsere Zuschauer nicht, was auf sie zukommt“, erklärt Origen- Intendant Netzer. „Heute weiss ich nicht, was uns erwartet. Ich bin sehr gespannt.“

Zeitgenössische Oper mit Sogwirkung

Die Zuschauertribüne im Kammertheater ist bis auf den letzten Platz gefüllt – „wie bei jeder der vorangegangenen ‚Benjamin’-Vorstellungen“, freut sich Elena Tzavara, Leiterin der Jungen Oper: Selten erreiche eine zeitgenössische Oper eine solche „Sogwirkung“. „Dass Herr Netzer nach Stuttgart gekommen ist, bedeutet uns allen sehr viel, besonders den Künstlern der Produktion.“ Sie haben „Benjamin“ in einer sogenannten Black Box inszeniert. Sand bedeckt den Boden. Wenige zusammengefügte Sprossen deuten ein Haus an. Drei Leitern an der Rückwand führen ins Nichts.

Überzeugend in Gesang und Spiel

Waren es in Riom insgesamt acht Sänger, übernimmt in Stuttgart ein Projektchor grosse Passagen des durchgängigen A-Capella-Gesangs. Eine der überraschendsten Leistungen. Die 30 Laiensängerinnen und –Sänger zeigen konstant hohe Leistungen in Gesang, Spiel und Intonation. Die Rolle des Benjamins gestaltet der aus dem Senegal stammende Tänzer Ibrahima Biaye. Der junge Tenor Philipp Nicklaus ist in der Rolle des Josef zu erleben. Agiert der Projektchor als Jakobs grosse Familie, Kommentator und Volk der Ägypter, spielen auch die meisten anderen Solisten mehrere Rollen.

Mit dem Rätoromanischen vertraut

Kaum ist der letzte Ton verklungen, setzt frenetischer Applaus ein. Auch die Origen-Freunde sind begeistert. Im anschliessenden Podiumsgespräch bedankt sich Giovanni Netzer für die „frische, neu gedachte Inszenierung“. „Das war wirklich Romanisch“, sagt der „Benjamin“-Librettist. Die Übersetzung, als Übertitel an der Rückwand projiziert, stammt von der Stuttgarter Dramaturgie- Assistentin Rebekka Meyer. Sie hatte als Praktikantin bei Origen gearbeitet. Rätoromanisch war für das Stuttgarter Ensemble Neuland gewesen. „Eine ästhetisch klingende Sprache“, schwärmt Josef- Darsteller Philipp Nicklaus und legt verschmitzt nach: „Rätoromanisch ist wie Italienisch mit schwäbischem Akzent.“ Das können die rätoromanischen Zuschauer natürlich nicht so stehen lassen, aber es zeige, wie vertraut die Sänger mit ihrer Sprache geworden seien.

Inszeniert von einem Muslim

Neco Çelik, Regisseur der Stuttgarter Inszenierung, ist bekennender Muslim. Mit der Joseflegende aus dem Koran vertraut, habe er sich den Gesängen aus der christlichen Liturgie mit neugierigem Respekt genähert. Entstanden ist ein überaus erfreuliches Resultat für Origen und seinen ersten Opern-Export. Das bestätigen auch Rezensenten wie Susanne Benda, Musikredaktorin der „Stuttgarter Nachrichten“: „Es mag sein, dass diese eigenartige Mischung aus Madrigal, Volksmusik, Liturgie und Oratorium nur in tiefen Tälern zwischen hohen Berggipfeln entstehen konnte. Berühren kann sie aber auch diesseits der Alpen.“

(Quelle/Bild: Origen, zVg.)