Es ist ein grosser Herbst für die Bündner Musikszene, denn die Menge der Tonträger, die aktuell erscheinen, ist nicht gerade alltäglich. Während in gewissen Monaten die Musikszene Graubünden praktisch still steht, spielt der beste Kanton der Schweiz diesen Oktober/November ziemlich aktiv vorne mit.

Wir von GRHeute haben alle Künstler, die im 2017 noch was veröffentlichen zum Interview gebeten und mit ihnen über Musik in Graubünden gesprochen.

Heute im Interview: Linard Bardill

Aktuelles Album: Best of 33 / Der Prof Gütterli rettet D’Welt (Nattüterli!)

Veröffentlichungsdatum: 15.09.2017 / 24. November 2017

Hallo Linard, du veröffentlichst dieses Jahr gleich zwei Tonträger. Wie kam es zu dieser Idee?

Mein Compare Pippo meinte: „D’Erinnerig isch e Scarnuz, Linard, du hast es selber gesungen.“

Da habe ich mal gezählt: 33 Jahre bin ich unterwegs mit Liedern und Geschichten. Ein Grund zur Vergegenwärtigung, bevor ich alles vergesse.

Neben Kindermusik, warst du auch im Pop- und Rocksektor aktiv. Welche Veröffentlichungen sind dir in deiner langen Karriere die wichtigsten?

Pop und Rock war eigentlich nie meine Absicht. ich fühle mich mehr in der Tradition des Scalden und Minnesänger, der Merlins und Oswald von Wolkenstein

Wie kam es ursprünglich zur Idee Musik für Kinder zu produzieren?

Meine eigenen Kinder. Patchworkfamilie. Die Kinder wollen alles aber subito, weil morgen sind die Ferien schon vorbei. Da habe ich komprimiert jeden Abend neue Geschichten erfunden und Lieder komponiert. Dann das Buch von Lorenz Pauli: „e klini Kue mit Wanderschue“. Da habe ich Texte gefunden, die bei mir Saiten zum Schwingen brachten. Mit Pauliliedern und eigenen entstand dann „Luege, was der Mond so macht.“

Würdest du es aus heutiger Sicht wieder so machen?

Da halte ich mich an Max Frisch und sein Stück Biographie. Die Zeit kann ich nicht zurückdrehen. Ich kann nur jetzt die Vergangenheit würdigen, mich vor ihr verneigen, mich bei ihr entschuldigen. Ich bekomme keine zweite Gelegenheit. Aber jeder Moment ist die zweite Gelegenheit. Ich kann heute wieder neu anfangen. Das macht Mut.

Verliert man als Kindermusiker nicht an Ansehen in der Kulturszene?

Was heisst Ansehen? Wenn dich die anderen ansehen, dann hast du ein Ansehen. Das kann man nicht verlieren oder gewinnen.

Wird es irgendwann auch wieder ein Pop-/Rockalbum von dir geben oder hast du deine Nische gefunden?

Ich werde gern wieder neue Lieder veröffentlichen, wenn ich sie habe und es Zeit dafür ist.

Wie hart umkämpft ist der Kindermusikmarkt?

Ich bin ein Dinosaurier mit derm grossen Privileg, dass ich eine Zeit erlebt habe, wo man von der Musik wirklich gut leben konnte. Seit die CD als Tonträger keine grosse Rolle mehr spielt, ist es für junge Kindermusiker schwerer. Musiker sind zu Hungerleidern geworden. Das ist eine Katastrophe. Für die Musik und die Künstler. Jeder hört Musik und keiner will dafür zahlen.

Das ist bei der No-Billag-Initiative genau das Problem. Die jungen Initianten haben nicht begriffen, dass wir Musiker ohne öffentlich rechtliches Radio und Fernsehen – vor allem ohne das Radio von unserem Publikum abgeschnitten wären. Ohne SRF gäbe es keinen Doppelhasen und keine Zaubermaus. Und die sogenannten freien Radiostationen senden wenig bis gar keine Schweizer Künstler. Denen geht das einheimische Musikschaffen am Arsch vorbei. Ich sehe das doch an meiner Suisaabrechnung. Von zehn gespielten Songs ist nicht einer bei den Lokalradios gesendet worden.

Wenn wir den Schawinskis und Blochers unsere Information und unsere Musik anvertrauen müssen, dann guet Nacht! Dass die Leute das schnallen, hoffe ich schwer.

Was hältst du von den Schwiizergoofen?

Die Kinder singen begeistert mit. Das ist doch schon viel, oder?

Vor ein paar Jahren warst du aktiv mit Band unterwegs mit dem Scharans-Werk. Wird es zu den zwei neuen Werken auch wieder Bandkonzerte geben?

Am letzten Sonntag spielte ich in Andelfingen mit einer 5-Mann-Band die Geschichte von Hans im Glück. Wir meinen immer eine Band müsse Schalgzeug, Bass, Keyboard, etc dabei haben. Meine Band besteht im Moment aus vier Streichern und einer Tuba.

Wie wichtig ist dir Scharans als Inspirationsquelle?

Ein Baum der grosse Äste hat, braucht auch Wurzeln. Scharans hält mich. Ich mag das Dorf und seine Menschen. Ich liebe es am Donnerstag Abend in die Dorfsauna zu gehen und mir dann im Sterna von Moni eine Kürbissuppe und einen Kübel Panasch servieren zu lassen. Meistens ist die ganze Familie von Moni auch noch in der Beiz und isst gleich mit. Eines meiner Grundbedürfnisse ist Gemeinschaft und Geborgenheit. Das ist aber auch in einem Dorf wie Scharans nicht selbstverständlich. Dafür muss man auch etwas beitragen.

Wie würdest du dich jemandem beschreiben, der noch nie einen Ton von dir gehört hat?

Nur die alledümmsten Kälber beschreiben sich zum Werben selber.

Im Herbst erscheinen neben deinen Werken noch andere Bündner Veröffentlichungen. Auf welche freust du dich?

Solange das Amt für Kultur keine CD’s produziert, ist mir alles Recht.

Wie ist der Austausch in der Musikszene Graubünden?

Ich denke wir ältern Semester haben gut Kontakt untereinander. Die Chantautur Tournee – organisiert übrigens vom Radio Rumantsch, auch so ein öffentlich rechtlicher Sender – war toll, um die Jüngeren kennen zu lernen. Kürzlich sang ich mein Tamangurlied zu einem Rap. Zu den Bombaystreetlern habe ich immer wieder Kontakt, weil sie ja mit Scharans verbunden sind.

Wann geht Bardill in Rente oder ist das für dich kein Thema?

Ich singe solange ich ein Lied habe.

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