Wer kennt es nicht, die sich häufenden Anzeichen auf ein bevorstehendes Ereignis. Lichterketten erhellen das hektische Leben in den Einkaufsstrassen von Berlin und Chur. Berge von buntem Spielzeug lassen Kinderaugen leuchten. Der omnipräsent glitzernde Weihnachtsschmuck vertreibt die düstere Herbstdepression. Online erscheinen der Konsumgesellschaft auch die noch so entferntesten Sehnsüchte nahe.

Doch nicht das Wort Weihnachten überstrahlt derzeit die soziale, wirtschaftliche und politische Welt, sondern das Wort Empathie. Gerade so, als ob dieses Wort hell leuchtend unsere zusehends sinnentleerte Gesellschaft vor einer wachsenden Unmenschlichkeit mahnen möchte. In einer Zeit wo es opportuner ist, mit dem Handy leidende Menschen zu filmen als zu helfen. Mit Onlinebildern von Hunger, Gewalt und Tod mehr Clicks erhaschen, als Kinder, die kreischend vor Freude auf einem Kinderspielplatz über eine Rutschbahn sausen. Die rasant voranschreitende Digitalisierung zwingt uns Menschen, sich auf unsere Authentizität zu fokussieren.

Doch was für eine Bedeutung hat dabei das Wort Empathie? Welche Werte verkörpert es und wieso bemächtigen sich grosse Unternehmen dieses Attributes? Fragt man Psychologen, so ist es die Fähigkeit, sein Gegenüber zu erkennen und zu verstehen. Sich einzufühlen, mit ihm gemeinsam im Einklang sein, sich als Zuhörer selbst zurückzunehmen. Grundlage der Empathie ist die Selbstwahrnehmung – je entspannter und gelassener wir mit unseren eigenen Emotionen umgehen, desto besser können wir auch die Gefühle anderer deuten. Sprich – Unternehmen, die sich Empathie auf die Fahne schreiben, müssten zwangsläufig auch im Unternehmen neue Werte etablieren. Eine neue Fehlerkultur zulassen. Jeden Fehlschlag als Chance erkennen. Jeden marxistischen Ansatz im Arbeitnehmertum ablegen und den Menschen als das sehen, was er ist: ein Individuum im stetigen Wandel, auf stetiger Suche nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse.

Aber auch wir Menschen sollten uns selbst die Erlaubnis geben, nicht immer vollkommen sein zu müssen. Dass das Zulassen unserer Schwächen und Stärken uns erst authentisch sein lässt. Wenn also in Berlin auf Einladung eines Softwareriesen, die weltweit führende Onlineplattform für Personalvermittlung kommuniziert, sie wolle ihre Mitarbeiter und Kunden auf Empathie einstimmen, erfordert dies mehr als nur die Änderung des Marketing Claims. Wenn die führende Unternehmerbank Deutschlands, deren Mitarbeiter zum Empathie-Workshop einlädt, sollte dem Event auch ein Umdenken in der Verwaltungsratsebene vorausgegangen sein. Ansonsten verkommt Empathie zum leeren Slogan. An der eben zu Ende gegangenen, zweitägigen „VR Now Con“ in Potsdam loben die grossen Film- und Fernsehproduktionen das Thema Empathie als neue Strategie aus. Was für die glitzernde und bunte Bilderwelt gut und recht ist, sollte für den Tourismus oberstes Gebot sein. Denn wer sich mit dem Thema Menschlichkeit versus Digitalisierung auseinandersetzt, wird zwangsläufig feststellen, dass die Chance für den Tourismus gerade darin liegt – Empathiefähigkeit als Alleinstellungsmerkmal wahrzunehmen. Wer würde nicht ein höfliches „Cun plaschair“ eines emphatischen Hotelmitarbeiters dem eines sonoren „Bitte“ von Siri vorziehen? Denn auch unsere Gäste freuen sich auf ihr vielleicht grösstes, bevorstehendes Ereignis des Jahres: ihre Ferien im Bündnerland. Ob wir dabei unsere Gäste mit ihren Bedürfnissen und Erwartungen erkennen und verstehen, liegt ganz bei uns. Und ja, Empathie hat auch mit Wollen und Engagement zu tun.

Ganz im Sinne von Upton Sinclair: „Die Welt besteht durch die Zufriedenen; aber schreitet fort durch die Empathiefähigen.“

Die Tourismus-total-Expertenrunde von GRHeute berichtet und kommentiert einmal wöchentlich über aktuelle Tourismusthemen für Graubünden.

Heute für Sie unverblümt und direkt von der Front: Ditti Bürgin-Brook, Creative Producer bei der La Siala Entertainment GmbH («Schellen-Ursli»).

 

(Bild: GRHeute)

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