Lieber Professor Dr. Ernst A. Brugger

Vielleicht kennen Sie die Rubrik «Briefe an die Leser» aus dem Satiremagazin «Titanic». Nur, dass das hier keine Satire ist, sondern Ernst. Mein Ernst zumindest. 

Ich muss meinen Unmut los werden. Am Mittwochmorgen haben Sie im Namen des Tourismusrates, dessen Präsident Sie sind, ins B12 in Chur zur Präsentation ihres Weissbuchs geladen. Flankiert wurden Sie von Weisse-Arena-CEO Reto Gurtner, Belvedere-Hotelier Kurt Baumgartner aus Scoul, dem neuen Präsident von Graubünden Ferien, Jürg Schmid, und noch ein paar anderen Vertretern aus dem Tourismusrat. 

Ihr Weissbuch soll provozieren, haben Sie gesagt. Und es soll «absolut nicht den Anspruch erhebe, alles besser zu wissen oder anderen eine Lektion erteilen zu wollen». Auf etwas mehr als 100 Seiten präsentieren Sie «18 Thesen zur Entwicklung des Bündner Tourismus» mit einem Reiseplan. 

Das präsentiert sich bei These 6, «Der Kunde als Kommunikator – alle haben das Sagen», zum Beispiel so: Gäste tun auf Social Media laufend kund, was sie im Guten wie im Schlechten erlebt haben. (…), alle Bewertungsplattformen leben von Freiwilligen. (…) Und wie klinken wir uns als Gastgeber in diese Vorgänge dynamisch ein? Diagnose: Der Kunde, der glaubwürdigste Botschafter überhaupt, erhält bei uns noch zuwenig Bühnen. Wen betrifft’s: Leistungsträger. -> Therapie: Graubünden muss mit seinen Leistungsträgern Dialog-Plattformen klug nutzen, wo Kundinnen und Kunden über uns sprechen können. 

Es geht noch weiter und es liest sich wie ein Projekt einer Marketingklasse im ersten Semester. All das, lieber Professor Dr. Ernst A. Brugger, und noch mehr, habe ich bereits gewusst. Ihr Weissbuch präsentiert mir rein gar nichts Neues. Ihre Statistiken kann ich mit einigermassen normalem Menschenverstand selbst zusammenreimen, wenn ich mir im Internet die entsprechenden Daten zusammen suche. Das muss ich jetzt nicht, und dafür möchte ich Ihnen herzlich danken. 

Aber Sie waren ja nicht alleine. Kurt Baumgartner findet, das Weissbuch ist ein guter Ansatz, um die Mutigen und die Willigen zu fördern. Seiner Meinung nach sind wir zu träge und zu verwöhnt geworden. Die Kräfte müssen gebündelt werden! 

Reto Gurtner, ihr persönlicher Vorzeige-Unternehmer, durfte sagen: «Digitalisierung ist ein Faktum». Die letzte Meile sei das profitabelste Segment, wenn man es richtig mache. Er meint damit, dass man zum Beispiel, wenn man die Inder auf den Berg holen wolle, auch indisches Essen servieren müsse, weil sie von unserem Fondue Bauchweh bekommen würden. Das zumindest macht einigermassen Sinn. 

100’000 Franken hat Ihr Weissbuch gekostet. Die Auflage beträgt 2000 Stück. Gut 1000 sind noch vorig, sie werden wie die anderen gratis abgegeben. Ich estimiere den immensen Aufwand, den Sie mit der Vorlaufzeit von anderthalb Jahren betrieben haben. Sie sind in die Regionen, haben mit ganz vielen Leuten gesprochen und ihnen zugehört. 

Ich weiss nicht, was diese Leute jetzt denken, wenn sie das Weissbuch lesen. Jürg Schmid sagte, «es braucht Mut, um sich kritisch mit sich selbst auseinander zu setzen». Dazu haben Sie den Empfängerinnen und Empfängern gut 20 Seiten für Notizen leer gelassen. Falls es noch mehr Motivation braucht, haben Sie erwähnt, dass Sie für die nächsten drei Jahre noch 14 Millionen Franken zur Verfügung haben, um innovative Projekte zu fördern. 

Die Mutigen und die Willigen. Lieber Professor Dr. Ernst A. Brugger – ich bin gespannt, welche Projekte sich aus Ihrem provokativen Weissbuch ergeben. In drei Jahren wird abgerechnet. 

 

Herzlichst, 

Ihre Rachel Van der Elst, Redaktionsleiterin GRHeute

 

PS: Wer Lust auf die Lektüre hat: Sie ist auf innovationgr.ch abrufbar. 

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