«Balthasars Butler» – Musiktheater in Riom

Wer die Heiligen Drei Könige wirklich waren, das verrät die Bibel nicht. Giovanni Netzer erzählt ihre Geschichte mit seinem Ensemble (und unheilig augenzwinkernd) neu. Premiere war am Mittwoch in Origens Wintertheater in Riom.

Wenige Tage nach Heiligabend erstrahlt Rioms Clavadeira im Licht des Sterns der Weisen aus dem Morgenland. Wenn auch nicht Ochs’ und Esel, doch immerhin Kühe und Pferde standen hier einst in den Ställen des Monsieur Carisch. Er hatte als armer Bauernsohn das Bergdorf verlassen müssen. Heimgekehrt ist er als ein anderer – wohlhabend und weltgewandt. Um eine wundersame Reise zweitausend Jahre zuvor geht es in der aktuellen Origen-Inszenierung.

Balthasar, Caspa und Melchior

König Balthasars Butler begleitet seinen Herrn in ferne Lande. Sie sind ausgezogen, um einem ominösen Stern zu folgen. Den sieht nur der König und auch nur in klaren Nächten. Manuel Schunter agiert als Buttler, Erzähler, Spielmeister und hat alle Hände voll zu tun, seinen vom Leben und Leiden müden König wachzuhalten. Den spielt und singt der feinsinnige Tenor Martin Mairinger. Dem ungleichen Paar schliessen sich bald zwei weitere Sternsucher an. Zunächst Königin Caspa. Sie war in ihrer Jugend berühmt für ihre Schönheit gewesen. Prinzen, Könige und Kaiser hatten um ihre Hand angehalten. Caspas hohen Ansprüchen konnte jedoch keiner gerecht werden. Eine Paraderolle für die Sopranistin Sybille Diethelm. Und schliesslich der Bariton Clemens Kölbl als König Melchior. Ein erfolgreicher Feldherr, der zu Ruhm und einem riesigen Land gekommen war. Seitdem es nichts mehr zu erobern gibt, besiegt ihn der Alkohol. Caspa, Melchior, Balthasar und sein Butler folgen dem Stern, trinken bei König Herodes Minzentee und laben sich an Lebkuchen. Das Königskind aber finden sie nicht. Der Stern treibt sie weiter. In einem Provinznest verhängt er sich am First eines schäbigen Stalls. Dort wärmt inmitten singender Hirten ein mattes Mädchen ihr rothaariges Neugeborenes. Der Weltenherrscher kann das nicht sein, sagen sich die Könige. Doch als sie ratlos in ihre Sattel steigen, beginnt die eigentliche Herausforderung.

Der „schreiende Rotschopf“ als Weltenretter

Denn als die Sterndeuter in Herodes’ Wartesaal erfahren, dass alle Neugeborenen umgebracht werden sollen, beschliessen sie zu handeln. Sie retten den Jungen, den schreienden Rotschopf, aus den Fängen der Schergen und entführen den Knaben. Der Junge, ein ganz und gar garstiges Kind, begleitet sie auf der Reise in die Heimat und rettet schliesslich die Könige. Mit seinem Geschrei verhindert er, das Melchior gesteinigt wird. Die Königin Caspa befreit der hyperaktive Rotschopf aus ihrer narzisstischen Isolation. Balthasar begleitet er sanft in den Tod am Birkensee, anstelle des ertrunkenen Königssohnes. Am Ende rettet der Kleine tatsächlich die Welt – aber nicht durch theologische Reflexion – sondern mit Schreien, Spielen, Hungergefühlen. Oder einfacher: Gott ist Mensch geworden und bedient sich menschlicher Ausdrucksmittel für sein recht diskretes Wirken.

Drei Komponisten, drei Sprachen, drei Könige, drei Seelen

Origen-Intendant Giovanni Netzer schrieb das Libretto für das burleske Musiktheater und wählte dazu Lieder von Francis Poulenc, Franz Schubert und Ralph Vaughan Williams – gesungen in den Originalsprachen, begleitet von der Pianistin Alena Sojer. Bringt der Komödiant Clemens Kölbl mit seinem Melchior das Publikum anfangs vor allem zum Schmunzeln, erreichen seine Lieder zum Ende der königlichen Reise eine berührende Tiefe. Butler und Königin haben ihm den letzten Schub gegeben, ein wahrer Held zu werden. Martin Mairinger gelingt es vor Balthasars Tod, die von Schubert vertonten Goethe-Verse „Über allen Gipfeln ist Ruh’“ singend zu flüstern.

Kostümpracht im Kerzenlicht

Martin Leuthold, Deniz Ayfer und Lucia Netzer Peduzzi haben Kostüme gefertigt, die historische Vorlagen frei interpretieren und ironisch brechen. Balthasar etwa könnte dem berühmten Dreikönigsaltar von Gentile da Fabriano entsprungen sein; sicher stammen die roten Strümpfe König Melchiors aus diesem Gemälde. Die Goldspitzen unter seinem Gehrock reden von St. Galler Tradition. Die schweren Glasröhrchen am Kleid von Königin Caspa schliesslich machen sie zur Eiskönigin – was sie in der Tat auch ist. Jorge Bompadre taucht Origens Wintertheater in Kerzenlicht und dichte Farbwelten, die an einen goldenen Schrein erinnern – als wären die Figuren gerade einem gotischen Altarretabel entsprungen.

Geschichte oder Legende

Wer die Heiligen Drei Könige wirklich waren, davon steht nichts in der Bibel. Nicht einmal ihre Anzahl. Der Evangelist Matthäus erwähnt nur, dass sie dem Jesuskind Gold, Weihrauch und Myrrhe mitbrachten. Von diesen drei Geschenken leitet der frühchristliche Gelehrte namens Origenes ab, dass es drei gewesen sein müssten. Erst im 6. Jahrhundert werden ihre Namen genannt. Ein englischer Benediktinermönch ordnet sie drei verschiedenen Generationen sowie den drei damals bekannten Kontinenten Europa, Asien und Afrika zu. Damit sollten die Könige für Menschen aus aller Welt stehen. Ihre Geschichte könnte also auch eine Migrantenlegende sein.

(Quelle/Bilder: zVg.)

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