Frauen an die Macht! heisst es dieser Tage immer wieder. Eine, die Macht wollte, und nicht bekam, ist die ehemalige CVP-Politikerin Barla Cahannes. «Ich war zu sehr Frau und zuwenig Surselva», sagt sie acht Jahre später über ihre Nichtwahl.

Bevor jetzt alle weiter den Kanon von den fehlenden Frauen in der Regierung Graubündens singen, sollte man sich eines klar werden: Wäre Barla Cahannes vor acht Jahren gewählt worden, hätte man nach den nächsten Wahlen mindestens noch eine Frau im Regierungsrat. Und vielleicht hätte das anderen Frauen den Mut gemacht, sich selbst zur Wahl zu stellen.

Aber Barla Cahannes ist nicht gewählt worden. Knapp zwar, aber unter dem Strich: Nicht gewählt. Ihr Doppelpartner Mario Cavigelli hingegen ist vor acht Jahren gewählt worden und amtet seither als Regierungsrat. Man hätte, hätte man sich schon damals mehr für die Frauenfrage interessiert, also durchaus Möglichkeiten gehabt, die Wahl anders ausgehen zu lassen.

«Ich wäre eine gute Regierungsrätin geworden», sagt die Anwältin über sich. An was ist es gescheitert? «Ich war zu sehr Frau. Ich habe mich schon immer gern schön angezogen. Aber wenn eine Frau mit Overknees an eine Podiumsdiskussion geht, sind die Argumente nebensächlich. Dann sprechen alle nur über den Skandal, dass ich Overknees getragen habe.» Sogar ihre Tasche von Prada wurde als Gegenargument ins Feld geführt: «Ich Teufelin trug Prada! Man stelle sich das vor!»

Man stelle sich vor, man würde über die Krawatte oder den Anzug von Mario Cavigelli diskutieren. Nein, eigentlich will man das nicht. Aber angesichts dessen, dass man sich als Frau auch solchen Grabenkämpfen widmen muss, kann man verstehen, dass nicht alle Frauen gewillt sind, sich dem zu unterwerfen: «Als Frau darf man schön, aber nicht zu schön sein. Gescheit, aber nicht zu gescheit. Forsch, aber nicht zu forsch», sagt Barla Cahannes. «Die Anforderungen an eine Frau sind einfach höher.»

Die 48-Jährige hat mit dem Thema Regierungsrat abgeschlossen. Nicht aber die CVP: Letztes Jahr wurde sie von Ständerat Stefan Engler persönlich angefragt, ob sie nicht wieder kandidieren wolle. «Es war ernst gemeint, deshalb hab ich es mir überlegt. Als ich eine Analyse machte, kam ich wieder zum selben Punkt: Ich würde wieder nicht gewählt werden, weil ich nicht aus der Surselva komme, obwohl ich Bürgerin von Brigels bin.»

Barla Cahannes ist noch immer Mitglied der CVP. Mit ihrer Nichtwahl hadert sie nicht: «Ich habe es nicht nötig, auf die Willkür Dritter angewiesen zu sein. Und ich habe in den letzten acht Jahren ein Leben aufgebaut, in dem ich sehr glücklich bin. Auf die Lebenserfahrung möchte ich dennoch nicht verzichten.»

(Bild: GRHeute)

 

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