Origen erhält den Wakkerpreis 2018. Die bedeutende Auszeichnung wird der Bündner Kulturinstitution für ihren vorbildhaften Umgang mit der vorhandenen Baukultur im Bergdorf Riom zugesprochen.

Origen Intendant Giovanni Netzer versteht die Auszeichnung als Ermutigung für zukünftige Projekte – und präsentierte anlässlich der Medienkonferenz das Entwicklungsprojekt „Malancuneia“. Im historischen Dorfzentrum von Riom sollen vier leerstehende Gebäude umgenutzt und neu belebt werden. Mit Textilwerkstätten, Bildungsräumen, einem Besucherzentrum und sanft renovierten Wohnräumen will Origen neue Arbeitsplätze schaffen – und der drohenden Abwanderung im Bergtal entgegentreten. Um das Projekt „Malancuneia“ zu realisieren, sind Investitionen in die Infrastruktur in einer Gesamthöhe von CHF 7.6 Mio notwendig. Erste Schritte für eine erfolgreiche Finanzierung sind bereits getan: die Regierung des Kantons Graubünden hat der Stiftung rund eine Mio CHF in Aussicht gestellt, falls es Origen gelingt, die restlichen Gelder zu beschaffen.

Die Begründung für den Wakkerpreis

Riom, ein kleines Bündner Dorf in der kürzlich fusionierten Gemeinde Surses, kennt dieselben Herausforderungen wie andere Ortschaften in den Randregionen der Schweiz: In den letzten Jahren wurden Schul- und Gemeindehaus überflüssig, Wohnhäuser sind unbewohnt und Ställe werden nicht mehr gebraucht, weil es kaum mehr Bauern gibt.

Die Frage der adäquaten Um- oder Weiternutzung des Baubestandes ist zur bestimmenden Herausforderung der Ortsentwicklung geworden. Im Gegensatz zu anderen Ortschaften wurde in Riom der heutige Leerstand als Chance für die Zukunft entdeckt. Der Impulsgeber ist die 2006 ins Leben gerufene Nova Fundaziun Origen, die fernab der städtischen Zentren einen Theaterbetrieb und ein Festival von nationaler Bedeutung und internationalem Ruf aufgebaut hat.

Origen lässt sich mit Ursprung übersetzen. Der Name ist Programm: Origen schöpft mit kreativer Kraft aus dem Reichtum der regionalen Kultur und setzt sie mit der Gegenwart in Beziehung. Dies gilt nicht nur für das Theaterschaffen, sondern gleichermassen für den Umgang mit der vorhandenen Baukultur in Riom. Anstatt für die wachsende Institution einen Theatertempel zu planen, wurde der bauliche Bestand des Dorfes analysiert und auf dessen Gehalt und Nutzbarkeit geprüft. So entstanden erste Projekte in der imposanten Burg, welche zum Sommertheater umgebaut wurde. Weitere Umnutzungen wie diejenige des Stalls Clavadeira und der Villa Carisch folgten nach und nach. Eine klare Strategie skizziert die weiteren Pläne.

Im Kulturerbejahr 2018 würdigt der Schweizer Heimatschutz die Nova Fundaziun Origen mit dem Wakkerpreis. Die Auszeichnung geht damit ausnahmsweise nicht an eine Gemeinde, sondern an eine Kulturinstitution, die im Wissen um den Wert der Vergangenheit einem Dorf neue Impulse gibt und Perspektiven für eine stolze Zukunft eröffnet.

Der Wakkerpreis bedeutet für Origen Ansporn und Ermutigung

Die Nova Fundaziun Origen erhält den Wakkerpreis 2018. Intendant Giovanni Netzer freut sich: „Wir sind sehr dankbar für diese Anerkennung und möchten uns keinesfalls nur auf den Lorbeeren ausruhen. Der Wakkerpreis ist für uns Ansporn und Ermutigung, den bisherigen Weg weiter zu verfolgen und eine modellhafte Entwicklung in Riom voranzutreiben.“

Eine grosse Dorfgeschichte braucht neue Perspektiven

Das Bergdorf Riom hat eine grosse Geschichte. Die Römer haben hier luxuriöse Herbergen gebaut. Ein karolingischer Königshof ist bezeugt. Die Herren von Wangen bauten eine der prächtigsten Burgen Graubündens, die heute noch an den Bündner Freiheitskämpfer Benedetg Fontana erinnert. Der Dorfbrand brachte Not, aber auch den Aufbruch in eine neue Zeit.

Die Zukunft sieht etwas weniger rosig aus. Der Tourismus stagniert, das Dorf ist von Abwanderung betroffen, die Landwirtschaft schafft nur noch wenige Arbeitsplätze, die Jungen müssen wegziehen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Das Entwicklungsprojekt „Malancuneia“

Das Origen-Projekt „Malancuneia“ will dem Bauerndorf Riom neue Perspektiven eröffnen. Im Rahmen von „Malancuneia“ sollen vier leerstehende Gebäude restauriert und neu belebt werden. Das verwaiste Gemeindehaus soll zum Festivalzentrum werden, das historische Frisch-Haus wird Mitarbeiter und Gäste beherbergen. In einer leerstehenden, modernen Scheune werden Werkstätten eingerichtet, Kostüme genäht und einheimische Schafwolle verarbeitet. Das Schulhaus wird zum Bildungszentrum und steht für internationale Kooperationen, Meisterkurse und zeitgenössische Theaterkreationen zur Verfügung.

Der Name „Malancuneia“ ist rätoromanisch und bedeutet Heimweh. Intendant Netzer hat den Namen mit Bedacht gewählt: „Die Malancuneia ist typisch für ein Bergvolk, das über Jahrhunderte auswandern musste. Wer Heimweh hat, kehrt nach Hause zurück. In Graubünden haben Heimkehrer viel bewirkt. Sie haben Wissen und Vermögen in den Aufbau ihrer Heimatdörfer investiert. Riom ist ein gutes Beispiel dafür. Der Bauernsohn Lurintg Carisch, in Paris zu Geld und Ansehen gekommen, kehrte 1864 nach Riom zurück und half, das von einem Brand zerstörte Dorf wieder zu beleben. Er baute eine Mühle, eine Sägerei, ein Schulhaus. Das Dorf konnte aufleben. Das Heimweh hat im Kanton Graubünden viel bewirkt – und tut es heute noch. Wir brauchen neue Sehnsuchtsorte. Riom hat das Potential dazu.“

Investitionen in Höhe von CHF 7.6 Mio

Das Projekt „Malancuneia“ ist ambitioniert. Die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur belaufen sich auf CHF 7.6 Mio. Origen will sich bemühen, möglichst viele Baumassnahmen bis im August 2018, also bis zur Übergabe des Wakkerpreises, zu finanzieren. Förderer, Mäzene und Sponsoren werden auf einer markanten Tafel am Gemeindehaus aufgeführt – also an jenem Ort, an dem schon früher alle wichtigen Ereignisse des Dorfes festgehalten wurden.

Die Regierung des Kantons Graubünden hat der Stiftung rund eine Mio CHF in Aussicht gestellt, falls es Origen gelingt, die restlichen Gelder zu beschaffen. Die Gemeinde Surses beteiligt sich mit grosszügigen Baurechtsvergaben.

Modellfall für die Entwicklung der alpinen Brache

Origen wird das Wakkerjahr nutzen, um über die Entwicklung der Berggebiete nachzudenken. Mit einem spannenden Rahmenprogramm soll der Fokus auf die Zukunft der alpinen Brache gelegt werden. Wie können sich die Berggebiete nachhaltig, selbstständig und einzigartig entwickeln? Welche sind die Potentiale, die es nur in den Alpen gibt? Das Rahmenprogramm wird im Februar publiziert und wird von verschiedenen Schweizer Hochschulen mitgetragen. Das Wakkerjahr endet mit einer grossen Freilichtaufführung. Das neue Bühnenwerk erzählt von der Jahrhundertwende um 1900 und spiegelt jene Zeit wieder, in der das Dorf neu erfunden wurde.

 

Hier gehts zur Dokumentation des Wakker-Preises 2018.

 

(Quelle/Bild: zVg.)

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