Morgens um 6.30 Uhr auf dem Crap Sogn Gion: Alles schläft. Alles? Mario Cavigelli, Jon Domenic Parolini, Marcus Caduff, Andreas Felix, Peter Peyer und Walter Schlegel wagen sich in den Nebel und stellen sich am  ersten Regierungsratspodium.

Es gibt viele Wege, Regierungsräte oder Regierungsratskandidaten kennen zu lernen – einer davon ist das traditionelle Early-Bird-Skifahren mit Brunch und anschliessendem Podium, organisiert von den Bergbahnen Graubünden und der Interessengemeinschaft Tourismus. Der frühe Vogel fing den Wurm diesmal auf dem Crap Sogn Gion – dem von Reto Gurtner erschaffenen It-Place für Boarder und Hipster.

Der Tag begann vor 7 Uhr auf über 2000 Metern mit Nebel. Gut 70 Personen waren der Einladung gefolgt, darunter zwei von drei Regierungsräten, die wieder gewählt werden wollen – Christian Rathgeb musste sich leider krankheitshalber entschuldigen – plus alle vier, die gewählt werden wollen. Dazu viele Grossräte und Touristiker. Die meisten von ihnen stürzten sich in der Morgendämmerung in die perfekt präparierten Pisten, bevor man sich zum Brunch im Capalari traf. Für Aufsehen sorgte ein auf Facebook verbreitetes Klassenfoto von SP-Kandidat Peter Peyer: Er war der, der dieses Jahr keinen Helm trug. Warum? Weil er nicht auf der Piste war, sondern zusammen mit anderen Nicht-Schneesportlern direkt zum Kaffee ging.

Nach dem Brunch dislozierte die Gesellschaft in the Bridge, den Coworking Space oberhalb des Restaurants. In der Mitte loderte ein Feuer, darum herum drapierten sich die Kandidaten und Grossräte in den gepolsterten Lounge-Möbeln und dazwischen führten Luzi Bürkli (Chefredaktor «Bündner Tagblatt») und Martina Fehr (Chefredaktorin «Südostschweiz») Gespräche mit den Regierungsräten und den Kandidaten. Zusammengefasst tönte das ungefähr so:

«Es tut mir leid fürs Wetter. Vor 20 Jahren lösten die Touristen noch eine Wochenkarte und kamen jeden Tag hoch. Heute wissen sie das Wetter zehn Tage im Voraus und wenn es nicht schön ist, kommen sie nicht. Ich habe grössere Angst vor einem Shitstorm als davor, nicht alle Regeln einzuhalten. Ein Shitstorm ist viel schlimmer. Wir wollen nicht unbedingt Subventionen, wir wollen gute Rahmenbedingungen.» Reto Gurtner, CEO Weisse Arena Flims-Laax-Falera.

«Das Sägewerk-Debakel fand nicht während meiner Amtszeit statt. Während meiner Amtszeit hatten wir den Mut, das Problem zu lösen, in dem wir beispielsweise die Baurechte für das Areal erworben haben. Wir wussten was wir tun und sind das Risiko eingegangen. Wenn man Gelder für Tourismusprojekte haben will, muss man die Mindestvorgaben, die auch für ein Bankgeschäft nötig sind, einfach bringen. Wir wollen keine landwirtschaftlichen Verhältnisse im Tourismus. Wir waren offen, wir haben das Gesetz so interpretiert wie es möglich ist und es möglich gemacht. Wir gehen bis an die Grenze des Legalen und das wollen wir weiterhin so machen. Die innovativste Person im Tourismus in diesem Kanton ist Reto Gurtner.» Jon Domenic Parolini, BDP, bisher.

«Wenn man es gut schafft, kann man es auch besser schaffen. Jedes touristische Gebiet ist unterschiedlich. Skifahren in Brigels ist nicht das Gleiche wie Skifahren in Sedrun, da braucht es unterschiedliche Massnahmen. Wenn man von unternehmerischer Freiheit redet, muss man diese auch geben und die Prozesse vereinfachen. Wenn jemand einen Turm baut wie der Origen auf dem Julier, dann ist das Kultur, dann sagt niemand was. Wenn man eine Bergbahn ausbauen will, gibt es sofort Einsprachen.» Walter Schlegel, Polizeikommandant, SVP-Kandidat.

«Es ist wichtig, dass die Ressourcen am Besten eingesetzt werden. Ich will das Departement nicht wechseln. Die Regierung besteht nicht aus Einzelkämpfern, wir haben die Vorgabe, dass wir grosse Geschäfte in der Gesamtregierung diskutieren müssen, es ist der Auftrag der vier Nicht-Involvierten, dass sie ein Projekt auch mal plausibilisieren. Man arbeite auf Stufe Fachstelle schon eng zusammen, aber die Zusammenarbeit ist nicht immer gut. Wir haben Strukturen aufgebaut, so gibt es zum Beispiel ein Controlling für grosse Projekte. Bei kleinen und mittleren Projekten funktioniert es nicht so gut. Ich habe einen engen Bezug zum Unternehmertum, das ist in meiner DNA.» Mario Cavigelli, CVP, bisher.

«In Graubünden wird es nie eine Revolution geben, weil das Formular dazu fehlt. Das Pendel schlägt zu sehr nach Schutz aus. Ich bin gegen den Zwang zum Skifahren. Für mich als Fussballbanausen wäre Fussballspielen der Horror. Die Kinder in Brigels fahren gratis, aber es gehen gar nicht alle. Man muss sie mehr ans Skifahren heran führen. Wenn es Schnee hat, kommen die Gäste, dann geht es auch dem Spital gut, das darf ich als CEO des Regionalspital Surselva sagen.» Marcus Caduff, CEO Regionalspital Surselva, CVP-Kandidat.

«Wollen wir die Jungen auf die Skipiste bringen? Wenn man den Umweltschutz ansieht, müsste man mehr auf den Sommer setzen. Mir ist das Skifahren verleidet, nicht wegen der fehlenden Angebote. Wir sind als Kinder immer gegangen, wir haben am Samstagabend Skitraining gemacht und mussten so lange wie möglich in der Hocke bleiben. Wenn wir die Jungen auf den Berg bringen wollen, muss man Kombi-Angebote schaffen. Wie zum Beispiel ein Mintcamp mit Skifahren und Snowboarden, einfach keinen Zwang. Einen flächendeckenden Einheimischentarif kann ich nur unterstützen. Einheimische bekommen auch die negativen Folgen des Tourismus zu spüren, das gibt den Leuten den Verleider. Da könnte die Branche auch sagen: Wir sehen das, wir kommen euch entgegen.» Peter Peyer, Gewerkschaftssekretär, SP-Kandidat.

«Eine Regierung muss streiten können. Die Regierung soll regieren und die Profis sollen arbeiten und die grösstmöglichsten Freiheiten haben.» Andreas Felix, Geschäftsführer Graubündnerischer Baumeisterverband, BDP-Kandidat.

«Wir waren mal First Mover. Ein paar sind es noch, aber wir wollen es wieder werden. Wir finden, auch die Verwaltungen sollen ihr Gärtchendenken aufgeben. Man weiss nichts von anderen Projekten, es findet kein Wissenstransfer statt. Man muss die Null-Feher-Kultur aufweichen. Die Rahmenbedingungen sind für alle die gleichen, egal ob es 5 Millionen, 50’000 Franken oder 5000 Franken kostet. Alles ist ISO-Zertifiziert und wir fragen uns: Ist die Regierung auch bereit, eine ISO-Zerfizierung zu bekommen?» Yvonne Brigger, Generalsekretärin der Interessengemeinschaft Tourismus Graubünden.

«Wir hörten, dass es für Projekte Fördergelder gibt. Es ist schwierig, wir geben viel Geld aus, um schon nur Bewilligungsverfahren fähig zu machen. Wir sind Murmeltier-Asyl, wir sind Trockenwiesenzone.» Markus Meili, CEO Engadin St. Moritz Mountains AG.

Gleichzeitig mit dem letzten Wort lichtete die Sonne kurz nach 11 Uhr den Nebel; die Gesellschaft traf sich ein letztes Mal fürs Networking. Danach ging es wieder den Berg hinunter: Die einen mit den Skis, die anderen mit dem Bähnli.

(Bilder: GRHeute)

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