Mit seiner Kandidatur vor einem Monat hat Linard Bardill in der turbulenten Wahl-Schlussphase mehr als einen Farbtupfer in die Bündner Regierungsratswahlen 2018 gebracht. Wir haben in den Tagen vor der Wahl mit dem bekannten Liedermacher gesprochen.

 

Linard Bardill, warum tun Sie sich eine Regierungsrats-Kandidatur an?

Angefangen hat das schon vor 33 Jahren. Der damalige Kulturminister Otto Largiadèr hat den Künstler Paulin Nuotclà mit einem Berufsverbot als Lehrer belegt. Ich habe daraufhin einen Song darüber geschrieben und die Presse hat mich dann als «Verbalterrorist» bezeichnet. Da habe ich erstmals am eigenen Leib gespürt, wie die Hierarchien in Graubünden funktionieren. So bin ich überhaupt erst Liedermacher geworden.

 

Und seither war Politik Ihr ständiger Begleiter?

Mein Grossvater war einer der Gründer der Bündner Demokraten, aus der später die SVP und dann die BDP hervorging. Mir wurde das zu viel, als die Demokraten nach rechts abdrifteten. Bei der Schwarzenbach-Initiative habe ich mich politisch erstmals mit meinem Vater gestritten, als der ehemalige Nationalrat James Schwarzenbach die Migranten als «Bodensatz» der südeuropäischen Länder bezeichnete.

 

Das war 1970, ist also schon eine ganze Weile her.

Politische Themen und Diskussionen waren für mich immer ein ständiger Begleiter. Beim EWR-Nein, als Erst-Unterzeichner der Alpeninitiative, bei der Moorinitiative etc. Erstmals mit dem Gedanken, für den Regierungsrat zu kandidieren, hatte ich allerdings erst letztes Jahr, als Kunsthaus-Direktor Stephan Kunz rausgeworfen wurde. Das war Mobbing und Bossing in Reinkultur. Wir organisierten eine Demo gegen die Entlassung und ich überlegte mir erstmals ernsthaft, für 2018 zu kandidieren. Ich hatte aber das Gefühl, keine Chance zu haben, deshalb liess ich es bleiben. Als dann im Frühling die Weko-Geschichte rauskam und der Bündner Filz so deutlich hervortrat, konnte ich einfach nicht anders. Da jetzt jeder sah und sieht, was da wirklich im Kanton passiert, sagte ich mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

Ist das nicht ein etwas frommer Wunsch, das System von innen zu verändern?

Jeder sieht es. Zahlreiche Leute sind seit meiner Kandidatur zu mir gekommen und haben so viele solcher Geschichten erzählt. Aber in Graubünden herrscht eine Omertà, die Leute haben Angst, den Job zu verlieren, wenn sie auspacken. Dabei hat Graubünden etwas zu verteidigen. Schliesslich war der Davoser Freiheitsbrief 1289 die weltweit erste Freiheitsdeklaration überhaupt. Die Demokratie muss immer und immer wieder erneuert werden, damit sie überlebt. Jetzt ist wieder ein Fenster zur Erneuerung offen. Ich denke, es ist sinnvoll, wenn eine Stimme frei und unabhängig ist, wenn in der Regierung etwas gemauschelt wird.

 

Wie funktionieren Sie politisch? Als Musiker und Künstler müssen sie ja zwangsläufig links sein, oder?

Klar, zeigt meine Smartspider-Auswertung eher ein linkes Bild. Aber nicht überall. Ein EU-Beitritt ist für mich beispielsweise kein Thema. Dass man wie in Europa nur wählen kann und nicht sachbezogen abstimmen, finde ich ein grosses Manko in den parlamentarischen Demokratien. Ich bin für die Souveränität des Volkes. In diesem Bereich bin ich ein Liberaler, im Sinne der Helvetik bei der Gründung der Schweiz und ein Bündner Demokrat im ursprünglichen Sinn. Bezüglich Minderheiten bin ich aber ganz klar sozial eingestellt. Die schwarze Liste im Medizinwesen (mit der Folge einer minimalen ärztlichen Behandlung für Personen, die die Krankenkassenprämien nicht bezahlen können, die Red.) ist für mich asozial, da wehre ich mich dagegen. Auch die Bespitzelung der Sozialversicherten ohne gerichtliche Genehmigung. Dafür habe ich am 1. Mai den ganzen Tag Unterschriften gesammelt. Auf meiner Agenda steht, dass es den Schwächsten in der Gesellschaft wieder gut geht. 

 

 

 

Sie werden in den Medien oft als Donald Trump Graubündens bezeichnet, da sie vor allem auch viele Protestwähler ansprechen – und von denen gibt es seit dem Baukartell-Skandal ja einige…

Der Vergleich ist total falsch. Ich bin ein Sänger, kein Clown. Wenn schon, dann bin ich eher wie der frühere tschechische Staatspräsident Václav Havel, der vor der politischen Karriere auch Künstler war. Aber sicher nicht Trump. Ich bewirtschafte nicht die Empörung, sondern die Hoffnung und die Sehnsucht auf Änderungen. Mir geht’s um das Wiederfinden demokratischer Grundsätze. Die Zeit der Stammesgesellschaften ist im 21. Jahrhundert vorbei.

 

Wie soll das in der Praxis gehen?

Die Kunst kann Vorreiter in einer immer beschleunigten Zeit sein. Die Jungen im Kanton müssen wieder die Identität ihrer Dörfer und ihrer Täler spüren, da fängt es an.

 

Was heisst das – auf den Punkt gebracht?

Die Marketinglyrik ist nicht mein liebstes Fach. Und doch kommt man manchmal nicht darum herum, griffig und kurz etwas zu formulieren. Die Slogans der Parteien sind – wie die Parteien – oft fantasielos und austauschbar. Was ist der Unterschied zwischen Fortschritt für Graubünden und bürgerlicher Fortschritt. Das Wort Fortschritt ist schon schon skurril in einem Moment, wo wir alle an einem politischen und moralischen Abgrund stehen. 

Ich habe für mich daher verschiedene Slogans gewählt, die auch wirklich inhaltlich etwas aussagen: «gelebte Demokratie», «die Demokratie ist immer im Kommen», «ein Zeitgenosse ist, wer den Finsternissen der Zeit mitten ins düstere Auge blickt».

Und dann natürlich: «Nicht links, nicht rechts, sondern geradeaus» und «Let’s Rock il Bock»!

 

Und was macht Linard Bardill am Sonntagabend?

Ein Riesenfest! Und sollte es mit der Wahl nicht klappen, dann gibt es in Scharans halt eine kleinere Party. Aber ein Fest darf auf jeden Fall sein. 

 

Wie gross sind Ihre Erwartungen?

Ich habe nichts zu verlieren. Ganz ehrlich: Sich mit Herzblut in dieses Getümmel reinzuwerfen, war zwischendurch schon mässig sexy. Aber ich habe es als Not der Stunde verstanden. Ich stehe für die Wähler ein, die sich nach Veränderung sehnen. 

 

Als Regierungsrat müssten Sie Ihren Job als Liedermacher an den Nagel hängen, oder? Da werden viele Kinder und Eltern traurig sein…

Da müsste ich noch etwas daran herumstudieren. Ich denke, mindestens im ersten Jahr müsste ich mich sicher voll darauf konzentrieren, ein kompetenter Regierungsrat zu werden. Mindestens die Bettkantenkonzerte im Spital würde ich aber schon gerne weitermachen.

 

 

(Bild: linardbardill.ch)

 

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