Das neue Saisonprogramm des Theater Chur

Das neue Saisonprogramm des Theater Chur

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15.06.2023

Auch in der vierten und letzten Spielzeit unter der Intendanz von Roman Weishaupt will das Theater Chur den eigenen künstlerischen Anliegen treu bleiben und noch einmal alle Formen und Farben des Theaters zeigen. «Und noch einmal möchten wir ein spannendes, aufrüttelndes, experimentelles und sinnliches Theater feiern und unserem Publikum berührende Bühnenmomente bescheren. Dafür haben wir Künstler:innen eingeladen, die uns in den letzten Jahren begleitet haben, sowie neue Bekannte, deren Arbeit wir schon länger verfolgen und die in der kommenden Spielzeit zum ersten Mal bei uns zu Gast sein werden. Es ist ein Programm entstanden, das inhaltlich wie formal unsere Vision eines zeitgemässen Theaterhauses für alle ausdrückt», so die Verantwortlichen.

Die Spielzeit 2023/24 eröffnet Theater Chur mit dem Musiktheater «Kilroy is not here anymore», einer Koproduktion zwischen dem Bündner Ensemble ö! für Neue Musik und der finnischen Performancegruppe Oblivia. Das Stück basiert auf dem 1988 erschienenen Text «Kilroy – Stimmen in der Subway» des 2007 verstorbenen Bündner Autors Jürg Federspiel. Federspiel, geboren 1931 in Kemptthal ZH, wuchs in Davos auf und verbrachte – nach Stationen in Paris, London und Berlin – viele Jahre in New York, wo ihm der internationale Durchbruch gelang. Hauptmotive seiner mehrfach ausgezeichneten Erzählungen sind auf eine heiter-beklemmende Weise der Tod und das Sterben. So auch in «Kilroy», der als untote Seele durch die New Yorker U-Bahn geistert, die Menschen in ihrer alltäglichen Zufälligkeit des Seins am Rande der Wohlstandsgesellschaft begleitet und ihre Geschichten für ein paar Minuten aus der anonymen Masse hervortreten lässt.

Die Oper in der Regie von Annika Tudeer (Oblivia), die in ihrer dritten Fassung keine Oper im eigentlichen Sinne mehr sein wird, wurde bereits 2005 ur- und 2009 wiederaufgeführt. Nach einer intensiven musikalischen Neubearbeitung, der Reduktion des Bühnenpersonals auf eine Erzählerin und ein Darsteller:innen-Orchester sowie einer Anpassung des Originaltextes soll «Kilroy» in einer dritten und letzten Version seine endgültige Ruhe finden. Die Szenografie und das Lichtdesign des Stücks werden inspiriert durch die originale Bühnenskizze des Churer Künstlers, Alien-Schöpfers und Oscar-Preisträgers HR Giger.

Für das junge Publikum setzt das Theater auch in dieser Spielzeit die langjährige Zusammenarbeit mit altbekannten Weggefährt:innen fort: z. B. mit dem Theater Sgaramusch und seinem neuen Stück «Rosa» über das herausragende Leben der mutigen Rosa Luxemburg, die für Gerechtigkeit und Gleichheit kämpfte.

 

Und noch einmal ist auch das junge theater basel in Chur zu Gast mit «S!NG ME A LOVE SONG». Darin fragen sich die jungen Darsteller:innen und der Regisseur Sebastian Nübling, ob – angesichts der aktuellen, veränderten Lebensrealitäten – die alten Liebeslieder noch taugen oder ob neue Schnulzen geschrieben werden müssten, um das Lebens- und Liebesgefühl der heutigen jungen Generation einzufangen. Zum ersten Mal zu Gast sind der Schauspieler und Regisseur Julian M. Grünthal und die Schauspielerin Charlotte Engelberg. Mit dem humorvollen und herzerwärmenden Familienstück «Der kleine Siebenschläfer, eine Pudelmütze voller Wintergeschichten» läuten sie die kuschelige Jahreszeit ein.

In «Stereo-Typen: From Zero to Hero» wirft das Theater Chur einen Blick hinter die Fassade gängiger Männlichkeitsbilder. Die Besucher:innen treffen auf zwei Aussenseiter, die in der Schule vor allem Probleme machen, sich dann zusammenraufen und neu erfinden.

 

Und das Tanzstück «When You Move Like That» von Ilona Kannewurf und Guy Kneta erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrer afrikanischen Mutter und ihrem europäischen Vater in der Ostschweiz lebt und lernen muss, zwei Kulturen in sich zu vereinen und sich gegen Widerstände durchzusetzen.

Ein Wiedersehen feiert man auch mit dem Regisseur Thorsten Lensing und den hochkarätigen Schauspieler:innen Ursina Lardi, Devid Striesow, Sebastian Blomberg und André Jung. Nach der umjubelten Premiere an den Salzburger Festspielen 2022 feiert «Verrückt nach Trost» Ende Oktober am Theater Chur seine Schweizer Premiere. Das Bühnenbild stammt, wie bereits für das Stück «Unendlicher Spass», vom Ilanzer Architekten Gordian Blumenthal.

Der traditionelle «Lange Samstag» ist gefüllt mit einem Programm für Jung und Alt und vielen musikalischen Leckerbissen im wahrsten Sinne des Wortes: Nikolaus Schmid und die Kammerphilharmonie Graubünden lesen und spielen Camille Saint-Saëns› «Karneval der Tiere», das Junge Theater Graubünden performt Food in der Theaterbar, und La Triada singen auf ihre unvergleichliche Weise rätoromanische Volkslieder. Zur Geisterstunde lädt dann Roman Weishaupt zu einer mitternächtlichen Führung mit Taschenlampe durch das Theater.

Und auch das digitale Theater darf natürlich nicht fehlen! «The Walks» von Helgard Haug, Stefan Kaegi, Cormelius Puschke und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll) ist eine Sammlung von Kurzhörspielen für Chur und Graubünden. Während der ganzen Spielzeit laden audiogeführte Spaziergänge dazu ein, die Umgebung in Chur, Bergün, Ilanz, Thusis, dem Engadin oder Puschlav neu zu entdecken und mit ihr zu interagieren. Dank Begleitung von Stimmen, Geräuschen und Musik werden vertraute Orte zu Schauplätzen und Landschaften zu Bühnen. Die Geschichten und Klangwelten der Kurzhörspiele lassen sich weltweit erleben. So verbindet «The Walks» Menschen rund um den Globus in einer lokalen Erfahrung, und zwar durch eine grundlegende menschliche Handlung: das Gehen.

Das Festival Culturescapes 2023 Sahara bringt im Herbst fast 80 Künstler:innen in einem zweimonatigen Programm zusammen. Halt in Chur macht das nigerianische Tanztheater «Re:INCARNATION» des Künstlers und Choreografen Qudus Onikeku. Das Stück konzentriert sich auf das zentrale Konzept der Reinkarnation (Geburt, Tod, Wiedergeburt) in der Yoruba- Kultur, die eine ganz eigene zyklische Auffassung von Zeit hat, verbindet es mit der heutigen nigerianischen Jugendkultur und folgt dem Rhythmus und Groove von Lagos.

Im Dezember findet eine Eigenproduktion des Formats «Theater im Klassenzimmer» Graubünden statt. Der Schauspieler und Regisseur Daniel Kuschewski, der in den letzten zwei Spielzeiten mit den Produktionen «Die Räuber» und «Schiller!» für Furore sorgte, wird auf der Grundlage von Geschichten und Texten, die von Schülerinnen und Schülern aus dem ganzen Kanton verfasst wurden, ein Theaterstück erarbeiten, das in Zweierbesetzung vom Schauspielensemble Annina Sedlaček, Lorenzo Polin, Jelena Moser und Jonathan Ferrari in verschiedenen Sprachen gespielt wird.

Der Januar wird heiss: Mit «Sonnensturm», einer Koproduktion mit dem Theaterkollektiv Nucleus um den Churer Autor Andri Perl, laden die Verantwortlichen die Zuschauer:innen zu einem performativen Abend ein, der Musik, skulpturales Kostümdesign, Lichtspiel, narrative Praktiken und planetarische Choreografien kombiniert und sich dabei mit dem lebenspendenden, aber auch katastrophalen Potenzial der Sonne beschäftigt. Wissenschaft, Mythologie und künstlerische Praxis verschmelzen.

In «PRESS Play.» des belgischen Kollektivs playField., einer Koproduktion zwischen der Kopergietery und dem FFT Düsseldorf, wird das Publikum auf eine Reise in eine interaktive Performance, die mit der Freiheit einer virtuellen Welt voller versteckter Algorithmen spielt, mitgenommen. Die Zuschauer:innen haben den Steuerknopf in der Hand und entscheiden, wie sich die Welt auf der Bühne verändert, in welche Richtung die Geschichte geht und was mit den Figuren geschieht. Sie werden selbst zu Spielenden, und die Schauspieler:innen werden zum Publikum.

Zum Abschluss der ersten Spielzeithälfte laden der Bündner Sänger und Schauspieler Mario Pacchioli und sein Bühnenpartner Laurent Brunetti zu einer Hommage an Jacques Brel und Barbara, zwei Koryphäen des französischen Chansons, ein. Inspiriert und getragen von den Liedern von Brel und Barbara, ist dieses Musiktheater so etwas wie eine Hymne auf deren Freundschaft. Ein musikalischer Abend erster Güte, zwischen gestern und heute, Erinnerung und Wirklichkeit, berührend, humorvoll und schlicht ergreifend.

Eine Auswahl des Programms von Februar bis Juni 2024

Jürg Kienberger und Claudia Carigiet kehren zusammen mit Viviane Chassot und der neuen Produktion «AtemNoten» ans Theater Chur zurück. In der Produktion «Tell» der Kollaborateure Chur in Kooperation mit der Klibühni und dem Theater Chur inszeniert René Schnoz ein bildgewaltiges Erzähltheater nach dem Buch von Joachim B. Schmidt, Träger des Bündner Literaturpreises 2023. In der neuen Inszenierung von Thom Luz, «7 Lieder aus letzter Zeit (AT)», stranden fünf Menschen in einem leeren Raum und können ihm nicht mehr entkommen – ausser durch Gesang. Das STEPS Festival verzaubert das Publikum mit der Tanzproduktion «Story, story, die.» des norwegischen Kollektivs winter guests um den Choreografen Alan Lucien Øyen. Helgard Haug (Rimini Protokoll), die mit «All right. Good Night.» im Februar bereits das Theater Chur besucht hat, kehrt kommenden Frühling mit einer neuen Fassung von «Der kaukasische Kreidekreis», erarbeitet mit dem Theater HORA Zürich nach Bertolt Brecht mit Musik von Barbara Morgenstern, zurück. Die Neuinszenierung feiert am 12. August 2023 an den Salzburger Festspielen Premiere. 

Und was natürlich auch nicht fehlen darf: der monatliche «Theaterzmorga», neue Produktionen des Jungen Theaters Graubünden sowie das BEST Bündner Schultheaterfestival.

Ausgewählte Vorstellungen gehen bereits ab heute, 15. Juni 2023, in den Vorverkauf. Tickets für die ganze erste Spielzeithälfte 2023/24 sind ab dem 1. September online, der Rest des Spielplans ab Mitte November 2023.

 

(Titelbild Verrückt nach Trost: zVg.)

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