Mit dem anlässlich der Fusion gegründeten Dorfverein Alvaneu engagieren sich die Mitglieder für eine eigene Identität ihres Dorfes innerhalb der neuen Gemeinde Albula und setzen so ein klares Zeichen für eine geglückte Fusion und gegen das allgemeine Vereinssterben.

Gemeindefusionen haben in der Vergangenheit immer mehr zugenommen. Während es 1990 in der Schweiz noch 3201 politische Gemeinden gab, so waren es per 1. Januar 2016 derer nur noch 2294. Die Bestrebungen für eine Fusion sind fast überall die gleichen: Viele Kleingemeinden beispielsweise bringen nicht die nötige Einwohnerzahl für eine Schule auf oder den Kommunen fehlen die finanziellen Mittel für die Realisierung grösserer Projekte. Gerade in touristischen Gebieten sind oft aufwendige Modernisierungen nötig, um den steigenden Bedürfnissen der Feriengäste gerecht zu werden und weiterhin als attraktive Destination mithalten zu können – eine Herausforderung, der kleine Gemeinden kaum gewachsen sind. Durch die Zusammenlegung der Gemeinden versprechen sich diese neben einem optimierten administrativen Aufwand und grösseren monetären Rücklagen auch eine bessere Nutzung der Synergien durch eine gesteigerte Ressourcenvielfalt – oftmals ein schlicht notwendiger Schritt um überleben zu können. So geschehen auch am 1. Januar 2015 in Mittelbünden, wo sich die rund 1’370 Einwohner der sieben Fraktionen Alvaneu, Alvaschein, Brienz/Brinzauls, Mon, Stierva, Surava und Tiefencastel zur Gemeinde Albula/Alvra zusammenschlossen. Betriebswirtschaftlich und ökonomisch stellt die Fusion einen grossen Vorteil für die einzelnen Gemeinden dar, und so stimmten dann auch alle Gemeinden klar für die Fusion.

Zusammenhalt fördern

Neben aller Euphorie mag den einzelnen «Fusions-Bürger» aber vielleicht auch die Angst beschleichen, ein Stück Heimat zu verlieren und die Befürchtung, sein Dorf könne in der neuen Gemeinde «untergehen». Alvaneus Gemeindepräsident Roland Weber befand, man dürfe es erst gar nicht so weit kommen lassen und initiierte bereits kurz vor der Fusion die Gründung des Dorfvereins, um Alvaneu auch in der neuen Gemeinde Albula die eigene Identität zu bewahren und kulturelle Werte und Traditionen zu erhalten und zu pflegen. In Zeiten des Vereinssterbens und der Abwanderung aus den Dörfern sei es enorm wichtig, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv für ein lebendiges Dorf einzusetzen, so Annetta Tscharner-Gregori, Gründungs- und Vorstandmitglied. Man dürfe nicht nur nebeneinander her leben, sondern man müsse den Zusammenhalt fördern und sich um ein gelebtes Miteinander bemühen, um so auch vielleicht wieder Menschen zum Zuzug zu bewegen und die kleinen Bergdörfer vor der Verwaisung zu bewahren. Seit seiner Gründung vor gut 2 Jahren organisierte der Dorfverein Alvaneu bereits Flohmärkte, Erntedankfeste und Kinoabende, um nur einige der Projekte zu nennen, die Dank des Engagements des Präsidenten Roland Weber und der Mitglieder realisiert werden konnten. Dass es zudem seit Bestehen des Dorfvereins nun auch wieder eine jährliche 1. August Feier gibt, dürfte die Bewohner Alvaneus sicher am meisten freuen.

Der neueste Coup der findigen Alvaneuer nun ist ein Veltliner Abend am 19. November. Walter Pegorari ist der Initiant der Serata Valtellinese. Der gebürtige Veltliner lässt für den Anlass Familienmitglieder und Freunde aus seinem Heimatdorf ins Albulatal kommen, um die Gäste mit original Veltliner Spezialitäten verwöhnen zu können. Für Unterhaltung sorgt nicht nur der Chor masdo Alvra, sondern auch ein Männerchor, der extra aus Italien anreist. Anmelden kann man sich noch bis 10. November. Weitere Informationen dazu gibt’s hier.

Together Everyone Achieves More

Das Engagement des Dorfvereins Alvaneu ist nichts Selbstverständliches, wo wir doch in der heutigen Zeit viel schneller jammern als mit anpacken, lieber Missstände kritisieren, als selbst etwas dagegen zu unternehmen. Dass Dorfvereine vom Aussterben bedroht sind und in unseren Dörfern nicht mehr viel passiert, ist sicher auch der Zeit in der wir leben geschuldet. Im Job sind wir häufig viel mehr gefordert als dies früher noch der Fall war, und statt abends noch abzumachen, lassen wir uns lieber vom Fernsehprogramm berieseln. Die Jugend sucht schon längst ihre Zerstreuung in der virtuellen Welt – Vereine sind altmodisch und «uncool». Wo es früher innerhalb der Dorfgemeinschaft noch selbstverständlich war, besondere Ereignisse mit den Nachbarn zu feiern und Festtage gemeinsam zu begehen, wo ein reger Austausch gehegt und gepflegt wurde,  haben wir jetzt für solche Dinge keine Zeit mehr. Oder wir nehmen sie uns nicht, weil wir mit Haus und Hof und Job und Familie und Facebook, Twitter & Co schon mehr als genug um die Ohren haben und oftmals schlichtweg froh um einfach ein bisschen Ruhe sind in dieser bunten und lauten Welt. Um unsere Meinung zum Vereinssterben in den Dörfern gefragt, finden wir es sehr schade, was da passiert, man dürfe wirklich nicht zulassen, dass die Dörfer verwaisen. Die Bewohner sollten sich viel mehr engagieren, sollten ruhig mal etwas Zeit investieren und sich aktiver für ihr Dorf einsetzen! Aber das Wort TEAM bedeutet eben nicht «Toll Ein Anderer Macht’s», sondern das genaue Gegenteil, TEAM = Together Everyone Achieves More, das dürfen wir nicht vergessen. Wir sind nur im Team stark, nur gemeinsam können wir etwas bewegen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Traditionen verloren gehen, dass unsere Kultur und unsere Werte einfach leise verschwinden und in Vergessenheit geraten. Und vor allem dürfen wir nicht lamentieren, wie es soweit kommen konnte – wir müssen selbst aktiv werden, damit es gar nicht erst so weit kommt. Wenn wir uns alle wieder mehr auf die eigentlichen Werte besinnen und gemeinsam Dinge in Angriff nehmen, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten, und seien diese noch so klein, dann können wir dem Trend entgegen wirken, wie es uns der Dorfverein Alvaneu vormacht. Leicht abgewandelt kann man hier John F. Kennedy zitieren: «Frage nicht, was die Gemeinschaft für dich tun kann, sondern was du für die Gemeinschaft tun kannst.» Denn unsere Dörfer gehen uns alle an.

 

(Bild: Wikipedia / Debianux)

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Walter Schlegel Lightbox März_Mai 2018