«Brienzer Rutsch» mobilisiert Graubünden

Der Kanton Graubünden gewährt der Gemeinde Albula/Alvra umfassende Hilfe zur Bewältigung des «Brienzer Rutsches». Die Regierung hat die Situation zur «Besonderen Lage» erklärt und unterstützt die Gemeinde mit personellen und finanziellen Mitteln. Das Dorf rutscht weiterhin mit rund einem Meter pro Jahr talwärts. Die Überwachung des Bergsturzgebiets oberhalb des Dorfes wurde verstärkt, die Evakuierungsplanung erweitert.

Das Mittelbündner Dorf Brienz/Brinzauls rutscht weiter talwärts und wird durch einen Bergsturz bedroht. Zwar haben die Rutschgeschwindigkeiten seit Juni leicht abgenommen, sie sind aber immer noch bedeutend höher als im Vorjahr. Die Überwachung des Bergsturzgebiets hat neue Erkenntnisse erbracht.

Der seit Sommer eingesetzte Georadar zeigt eine Zone, die sich schneller bewegt als bisher bekannt. Sie liegt oberhalb von Brienz/Brinzauls und hat ein geschätztes Volumen von bis zu 500’000 m3. Bei Begehungen entdeckten Spezialisten zudem ein zweites, schnell rutschendes Volumen von bis zu 170’000 m3 oberhalb von Vazerol.

Beide Volumen sind stark zerklüftet. Es wird erwartet, dass sie stückweise abbrechen und die darunterliegenden Dörfer Brienz/Brinzauls und Vazerol nicht erreichen. Die Gefährdung für die beiden Dörfer ist dennoch leicht gestiegen. Für den weniger wahrscheinlichen Fall grösserer Abstürze wird die Evakuierungsplanung deshalb angepasst.

Zur Erforschung des Untergrundes und der Ursachen für die Rutschung wurden bisher sechs Kernbohrungen abgeschlossen und eine ist noch im Gang. Sie zeigen, dass die rutschende Masse zwischen 25 und 150 Meter tief reicht. Die Bohrungen sowie seismische und geoelektrische Untersuchungen erlauben es, die Grösse und Zusammensetzung der rutschenden Masse genauer zu quantifizieren und Hinweise dafür zu erhalten, wie die Rutschung dereinst technisch saniert werden könnte.

Ein wesentlicher Faktor für die Rutschung ist Wasser, welches sich im gesamten System bewegt. Dieses Thema wird intensiv untersucht. Eine weitere Bohrung, welche noch diesen Winter durchgeführt wird, dient denn auch dazu, Wasservorkommen zu untersuchen.

Umfangreiche Unterstützung durch den Kanton

Der Kanton unterstütze die Gemeinde Albula/Alvra bei der Bewältigung dieser besonderen Lage, sagte Regierungsrat Dr. Mario Cavigelli an einer Bevölkerungsinformation am Donnerstagabend. Die Regierung habe einem Hilfegesuch der Gemeinde entsprochen und umfangreiche, personelle und finanzielle Mittel freigegeben. Bei der Bewältigung von Naturgefahren sei Graubünden auf dem neuesten Stand: durch Ereignisse wie der Rüfe aus der Val Parghera und dem Bergsturz und den Murgängen bei Bondo habe man praktische Erfahrungen gemacht und viel gelernt. Von diesen Erfahrungen profitiere nun auch die Gemeinde Albula/Alvra, sagte der Bündner Baudirektor. Zudem würden auch externe Experten eingesetzt.

Sicherheitsdirektor Peter Peyer erläuterte die Unterstützung durch das Amt für Militär und Zivilschutz. Für eine Evakuierung der Siedlungen seien umfassende Planungen und Übungen durchgeführt worden, so dass Mensch und Tier innerhalb weniger Stunden geordnet aus den gefährdeten Gebieten evakuiert werden könnten. Kantonale Experten hätten die lokalen Führungsorgane und Einsatzkräfte ausgebildet.

Sollten Gebäude der Rutschung zum Opfer fallen, sollen Totalschäden künftig durch die Gebäudeversicherung gedeckt werden, sagte Regierungsrat Peyer. Eine entsprechende Gesetzesänderung komme noch im Dezember vor den Grossen Rat.

Alles für Brienz/Brinzauls

Gemeindepräsident Daniel Albertin dankte dem Kanton und allen involvierten Kräften für den bisherigen Einsatz und die Unterstützung. Das Ziel aller Massnahmen sei, dass Brienz/Brinzauls langfristig bewohnbar bleibe.

Die Gemeinde und der Kanton untersuchten auch, ob und wie der «Brienzer Rutsch» mit technischen Massnahmen saniert werden könnte. Der Bund könne solche Massnahmen mit maximal 45 Prozent subventionieren, erklärte Paul Steffen, Vizedirektor des Bundesamts für Umwelt.

Eine Möglichkeit dazu wäre ein Stollen im festen Fels unter dem Brienzer Rutsch. Er könnte es erlauben, den Rutsch zu entwässern und die Rutschbewegung im besten Fall zu stoppen. Diese Möglichkeit erfordere aber weitere, umfangreiche Abklärungen, sagte Gemeindepräsident Daniel Albertin an der Bevölkerungsinformation.

 

Was ist eine «Besondere Lage» nach dem Bevölkerungsschutzgesetz?

In «besonderen Lagen» können Gemeinden oder der Kanton einige ihrer Aufgaben mit normalen Mitteln nicht mehr erfüllen. Betroffene Gemeinden setzen zur Bewältigung einen Führungsstab ein. Wenn es ihnen nicht möglich ist, eine besondere Lage allein oder mit ihren Nachbargemeinden zu bewältigen, können sie den Kanton um Hilfe bitten.

 

Das Netzwerk für Brienz

Zahlreiche Amtsstellen und Organisationen haben sich zusammengetan, um die besondere Lage am Brienzer Rutsch in der Gemeinde Albula/Alvra zu bewältigen:

  • Departement für Volkswirtschaft und Soziales (DVS)
    Amt für Landwirtschaft und Geoinformation
    Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit
    Amt für Raumentwicklung
  • Departement für Justiz, Sicherheit und Gesundheit (DJSG)
    Departement DJSG, Rechtsdienst Kantonspolizei
    Amt für Militär und Zivilschutz
    Gesundheitsamt
  • Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement (EKUD)
    Amt für Natur und Umwelt Departement für Finanzen und Gemeinden (DFG)
    Amt für Immobilienbewertung
  • Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement (BVFD)
    Amt für Energie und Verkehr
    Tiefbauamt
    Amt für Wald und Naturgefahren
  • Kantonale Anstalten
    GVG Gebäudeversicherung Graubünden
  • Gemeinde Albula/Alvra
    Gemeindeverwaltung
    Technische Betriebe
    Feuerwehrstützpunkt Albula First
    Responder Albula
  • Partner und technische Betriebe
    Postauto Graubünden
    RhB Rhätische Bahn AG
    Swissgrid
    AXPO
    Elektrizitätswerke der Stadt Zürich EWZ
    Albula Landwasser Kraftwerke AG ALK
    Swisscom

 

(Bild: Wikipedia)