Bündner Perlen: «May Day – Uftaut» (1992)

Hin und wieder gibt es Platten aus Graubünden, die nie eine grosse Medienaufmerksamkeit erhalten haben oder vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind. Dieses neue Gefäss, exklusiv auf GRHeute, wühlt durch alte LP-Kisten, entstaubt CD-Sammlungen und widmet grossen Werken eine kurze, aber ausführliche Plattenkritik mit einem gehörigen Schuss Nostalgie.

Einerseits zur Erinnerung, anderseits zur Aufstockung jeder Tonträgersammlung, aber vor allem um aufzuzeigen, welch vielfältige Bündner Musikszene wir doch haben. Diese Perlen dürfen in keiner kompletten Bündner Musiksammlung fehlen. Willkommen zu den Bündner Perlen.

Wie kommt es, dass eine CD, die praktisch in jedem Bündner Haushalt im CD-Regal steht, niemals in der Schweizer Hitparade vertreten war? Wie kommt es, dass die CD trotz diesem Umstand inzwischen Goldstatus hat? Die CD «Uftaut» der Zizerser Mundartlegenden und Rockdinos hat ein solches Bündner Musikmärchen geschrieben. So steht in ihrem Lebenslauf unter dem Jahr 1992 folgender Text:

Gute Zeiten – Schlechte Zeiten. Der Titel der deutschen Seifenoper könnte auch für May Day Programm sein. 1992 steht die Band kurz vor der Auflösung, da es «irgendwie einfach nicht mehr weiter geht . Es ist eigentlich alles klar, auch dass man sich zum Abschied noch eine eigene CD «schenken» will.»
Also spielt May Day mit minimalstem Budget «uftaut» ein, und verkauft diese vorsichtig gehaltene Auflage von 1’000 Stück an Freunde und Bekannte. Drei Monate später ist die 3. Pressung und somit über 3’000 CDs restlos vergriffen.

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Ja, die guten alten Neunziger, das war noch ein Jahrzehnt, es wurden noch Tonträger wie warme Brötchen verkauft und May Day mutierten innert kürzester Zeit zu DEN Bündner Mundartrockern. Durch das Wegwerfprodukt, aka den Füllersong «Alles wäga Diar», wurden die Zizerser Röbi Rohner, Edwin Zinsli (beide heute noch aktiv bei May Day), Martin Wittwer, Jonny Buschauer und André Renggli quasi über Nacht zu Rockstars. Nix da mit letztes Album, jetzt ging es erst richtig los.

Zum ersten Mal hörte ich «Alles wäga Diar» ,wie so viele andere vor mir auch, im Radio. Genauer gesagt bei Radio Grischa. Für mich war Radio Grischa von diesem Zeitpunkt an immer der Sender, der «Musig vo doh» spielte und so wurde das Radio früh für mich zu einem häufigen Begleiter. May Day wurde bei Grischa oft gespielt und so kam der Tag an dem ich «Uftaut» kaufte. Damals kosteten Tonträger eben noch um die 25 Franken und so verging noch ein wenig Zeit bis ich mich als stolzer Besitzer der ganzen Diskografie der Zizerser bezeichnen durfte. Heute weiss ich noch ganz genau, wo ich welche CD gekauft habe, beispielsweise «Überzit» im Manor, «Uftaut» im Media Markt, «Abduldalilai» in einer Brocki in Sargans und so weiter und so fort. Warum erzähle ich das überhaupt?

May Day ist die Band, die mich von Kindesbeinen an am meisten geprägt hat. Sie waren irgendwie immer da und die Mitglieder sind inzwischen für mich wie Familienmitglieder geworden. May Day stand für mich immer für gute Texte, richtigen Rock und vor allem eine gewisse Ehrlichkeit. Denn vor ihnen sang kaum jemand auf Bündner Deutsch und selbst ich brauchte lange mir einzugestehen, dass mein Englisch jetzt nicht gerade so brillant ist, wie ich es mir immer ausmalte. Die besten Texte können eben nur entstehen, wenn man in der Sprache schreibt in der man träumt.

Es vergingen noch ein paar Jahre, bis ich wirklich mal an ein Konzert von May Day durfte. Das war so um die 2004, also vor mehr als zehn Jahren. Sie spielten zu ihrem Jubiläum, ich glaube es war das 35., im Torkel Zizers. Dieses Ambiente, das ellenlange Set und einfach alles von diesem Abend, empfand ich als wunderbar und unvergesslich. Mein grosser Vorteil bestand darin, dass ich jeden einzelnen Song auswendig konnte und auch inbrünstig mitsang. Dann hatte ich anschliessend ans Konzert auch noch ein Interview, respektive mein allererstes Interview überhaupt, mit Leadsänger Martin Wittwer.

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Er war damals noch Leitwolf der Jungs und ich reservierte mir schon ziemlich bald einen Platz in der ersten Reihe an jedem Konzert der «Vollmond»-Besetzung. Damals bestand May Day aus Rolf Caflisch am Schlagzeug, Ainga Dobbelare an der Gitarre, Röbi Rohner am Bass, Gery Tönz an der Gitarre, Edwin Zinsli an den Keyboards und eben Martin Wittwer am Gesang und der Gitarre. In dieser Zeit war ich sogar an der Meisterfeier vom Hockeyclub Davos, obwohl ich nicht einen Match der Davoser gesehen hatte, aus dem simplen Grund, das May Day dort ein Set spielte. Ja, es war eine Zeit in der ich fast Roadie bei den Jungs wurde. Ich freundete mich mit dem inzwischen leider verstorbenen Merchandiser Dani Cavelti an und fachsimpelte mit ihm über die Geschichte von May Day. Ich hatte damals sogar als einer von den wenigen noch die Schallplatte «Gnuag vo eu» von ihnen zu Hause und tippte als ich Zeit hatte mal alle Texte für die Webseite der Jungs ab. Nicht um irgendwem was zu beweisen, sondern einfach aus Freude an der Musik der Jungs. Ich war zu dieser Zeit regelrecht angefressen und habe für meine musikalische Laufbahn extrem viel gelernt. Vor allem von Röbi und Edwin konnte ich viel lernen, da sie mir immer wieder wichtige Tipps mit auf den Weg gegeben haben. Ich denke, bei denen könnte ich heute noch jederzeit vorbei mit Fragen, die würden sich für mich gerne Zeit nehmen. Solch offene Ohren, wie sie es für mich immer hatten, wollte ich auch für junge Musiker haben. Dies ist mir bis jetzt glaube ich recht gut gelungen.

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Doch zurück zur Musik: May Day hat an und für sich viele Stationen durchlebt.
Es gab die erste Ära mit Edwin Zinsli am Gesang, die erfolgreichste Ära mit dem Sänger André Renggli, die rockige bis popige Ära mit Martin Wittwer am Gesang, das kurze Intermezzo mit Andri Padrun am Mikrophone und nun haben sie mit Tom Graf einen wirklich guten Sänger gefunden. Aktuell sind sie ja wieder an einer neuen Platte dran und ich hoffe, ich darf sie ein klein wenig vorab hören. Für mich ist es immer schwierig, zu sagen, welche Ära mir jetzt persönlich am besten gefallen hat, denn für mich gehört jedes May Day-Album einfach als Teil des Ganzen dazu. Viele Bands lösen sich ja schon wegen dem kleinsten Klamauk auf, doch May Day hat es geschafft, sich immer wieder zusammen zu raufen und sich fast ein bisschen neu zu erfinden. Diese 37 Jahre Musik- Karriere muss ihnen erst mal jemand nachmachen. Chapeau!

Wer weiss, vielleicht schreibe ich ja mal ein Buch über die Zizerser zum 40!

Doch genug Geschichtskunde, wir kommen zu den Liedern des Evergreens:

«Uftaut»
Es tröpfelt am Anfang, leichtfüssig fängt das Keyboard an, dann schlagen die schweren Gitarren ein und Jonny Buschauer knebelt gekonnt hart und virtuos drauf los. Das rockt auch 2016 noch ziemlich stark. Wahnsinnstext, über die Dummheit der Menschen, die jeweils nur für kurze Zeit sich die Hände reichen und nachher wieder auseinander schweifen. Eine Hymne für Aufbruch, Neuanfang, Frieden und gesunden Menschenverstand. Leider aktueller denn je.

«Lueged vo Berg und Tal»
Die Thematik, dass die Menschheit vor lauter Technik ohne Rücksicht die Umwelt vergisst, ist auch heute noch ebenfalls ziemlich aktuell. Auch wenn viele in ein paar Jahren nicht mehr wissen werden, was mit «Walkman» gemeint ist. Das traditionelle Jodellied wurde gekonnt in einen Rocksong umgeformt und mit viel Entusiasmus zu einem richtigen Evergreen für Heimwehbündner und Steinbockliebhaber. «Ja, vo da Berga kömmend miar!»

«Alles wäga diar»
Bei diesem Hit hat Edwin Zinsli gezaubert und Generationen von Bündnern und Bündnerinnen wie ein Blitz ins Herzen getroffen. Dieser Song war auch der erste überhaupt, den ich vor Publikum sang. Das war am Abschlusstag der Sekundarschule in Jenaz. Wirklich krass, wie lange und gut ich die Musik von May Day nun schon mag. Dieser Song wird glaube ich auch viele weitere Jahre lebendig und frisch klingen. Eine regelrechte Liebesbekundung verpackt in einer Hymne, die heute noch jedes Kind in Graubünden mitsingen kann. Bemerkenswert finde ich bei diesem Song immer noch das Basssolo, denn wer packt schon ein Basssolo in eine Ballade? Wenn es eine Auflistung von den besten und wichtigsten Songs aus Graubünden gibt, wird der auch in 20 Jahren in der Top 10 oben mitmischen. Das Wegwerfprodukt wie es Röbi mir gegenüber einmal betitelt hat, bringt der Band auch 24 Jahre nach der Veröffentlichung scharenweise Fans in die Konzertlokale. Ein echter Klassiker.

«Lupus Domini»
1992 war das Jahr in dem die wenigsten Bündner mit dem Klerus zufrieden waren. Vor allem im musikalischen Bereich hauen hier May Day in die gleiche Kerbe wie Tyte Stone und kritisieren die Kirche und ihre Aushängeschilder. Wenn auch die Kritik bei May Day weitaus jugendfreier und subtiler rüber kommt. Ein Song voller Zeitgeist und ziemlich groovig.

«Ohni di»
Dann kommt mein Lieblingssong von May Day. Ich bin jetzt noch wütend, dass sie ihn nicht am Open Air Malans dieses Jahr gespielt haben. «Ohni di» ist die Trennungshymne und durchlebt alle Phasen des Streits, über die Freude über den Verlust, zur Wut bis zur Sehnsucht. Ein zeitloser Rocksong, der auch heute noch richtig gut reinknallt und grossartig ist. Mein persönliches Highlight ist der Zwischenpart voller Verzweiflung nach dem Gitarrensolo. Unkonventionell und deshalb unglaublich gut.

«Keep on rock’n me Hansli»
Dieses Lied ist eine Ode an den richtigen Rock ’n‘ Roll und dass man seinen Arsch nicht verkaufen soll. Hier singen alle ein bisschen, was den Song recht spannend macht. Gute Message, progressiver Rocksound, der nach vorne drückt und mit wippen lässt.

«In minera Ziit»
Der Gänsehautmoment! Jedes mal, wenn ich dieses Lied höre, läuft es mir eiskalt den Rücken runter. So viele Male stand ich in meiner Jugend vor ähnlichen Problemen mit Autoritäten und Eltern. Etliche Male stellte mich die Ballade auf und bekräftigte mich meinen eigenen Weg zu gehen und an meine Ziele zu glauben. Dieser Song ist eine Pflicht für jeden Jugendlichen, der nicht voran kommt mit seinen Visionen und an ein Aufgeben denkt. Danke May Day für den Soundtrack!

«Raucha hintrem Schualhuus»
Oh yeah, der Bad-Boy-Klassiker über das hinterlistige Rauchen in der Pause. Auch hier glückt May Day eine Thematik zu pflücken, die sehr viele heute noch lebhaft in Erinnerung haben. Der Blues-Rocker geht auch heute noch ziemlich ab und ist wie ich letztes Mal gesehen habe, auch noch ab und zu auf ihrer Setliste platziert.

«Abschturz Blues»
«I sött etz gah», oh gott, wie viele Male habe ich diesen Songs in irgendwelchen Spelunken gegrölt. Grandios, wie lustig verpackt der Track ist und wie viel Freude er immer noch bereitet. Grosses Kino voller Humor und sehr tanzbar.

«Schteets in Truura»
Den Track habe ich als Jugendlicher fast ein wenig tot gehört. Das war der schöne Moment, als man in der Disco sein Gegenüber endlich ein wenig näher zu fassen kriegte und schon von einer gemeinsamen Ewigkeit träumte. Interessant ist, dass ich sehr sehr lange Zeit glaubte, May Day sei auf diese exzellente Idee gekommen, dieses Lied als Erste zu covern. Ihre Version ist auch heute noch die deutlich bessere, als die von Rumpelstilz.

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Schlussfazit:
May Day ist mit «Uftaut» das Album gelungen, das sich jeder Musiker in seinem Leben ein einziges Mal wünscht. Zeitlose Texte, ein regelrechtes Winningteam an den Instrumenten und eine Aufbruchstimmung, die heute noch frisch und unverbraucht klingt.
«Uftaut» ist nicht nur für mich eines der wichtigsten Alben meiner jungen Jahre, sondern die Perle, die Mundartmusik aus Graubünden alle Türen im Schweizer Musikmarkt geöffnet hat. May Day machten Rock mit Texten, die man verstehen konnte und trugen viel dazu bei, dass der Bündner Dialekt heute im Unterland eine gewisse Popularität geniesst.
Für mich ist «Uftaut» ein immer wieder gern gehörter und laut mitgesungener Tonträger voller unvergesslicher Erinnerung an meinen Lebensweg und Prozess.

 

Mehr Infos zu May Day auf www.may-day.ch

 

(Bilder: May Day)