«Ein Wort ist körperhaft, hat einen Rhythmus, einen Klang, eine Stimmung»

Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt Angelika Overath die Schreibschule Sent. Im Interview erzählt sie, warum gerade Sent der perfekte Ort für ihre Schreibschule ist.

Was lernen Teilnehmer*innen bei Ihnen in der Schreibschule?

Einer der Kurse heisst «Strategien der Aufmerksamkeit». Und ich glaube darum geht es. Genau beobachten, genau hinhören. Ja, mit allen Sinnen schreiben. Frische Erfahrungen machen. Und auf die Sprache achten. Ein Wort bezeichnet ja nicht nur etwas. Es ist selbst körperhaft, hat einen Rhythmus, einen Klang, eine Stimmung. Auf dem Tisch oder im Mund ist ein «Rüebli» oder eine «Karotte» oder eine «Mohrrübe» dasselbe. Im Text aber ganz und gar nicht! Und ich bin sehr froh, dass mein Mann, Manfred Koch, mit dabei ist. Wir habe schon einige Schreibkurse zusammen durchgeführt. Er ist Literaturwissenschaftler. Wir lesen in unseren Kursen auch immer Texte von klassischen Autoren und schauen, wie die grossen Schriftstellerinnen und Schriftsteller gearbeitet haben. Schreiben ist Handwerk, nicht nur Begabung. Und nicht nur die Not, etwas erzählen zu müssen. (Obwohl das Schreiben umso leichter wird, je stärker der Grund ist, warum man schreibt. Aber auch dieser Grund muss ja erst erkannt werden.)

Sie sind wohnhaft in Sent. Aber warum haben Sie ausgerechnet Sent für den Standort Ihrer Sprachschule ausgewählt? Sent ist ja ein eher abgelegener Ort.

Richtig. Genau deshalb. Es gibt ein altes Gewerkschaftswort: Grabe, wo du stehst! Wir leben in Sent, und wir möchten hier etwas unternehmen. Schreibschulen in grossen Städten gibt es genug. Unsere kleine Schule ist die erste im Engadin. Sie ist für Einheimische und für Gäste, für Rätoromanen und für Deutschsprechende.

 Für dieses Jahr sind bereits etliche Kurse ausgeschrieben. Wie erleben Sie das Interesse der Leute?

Von den fünf Kursen waren schon im Januar drei ausgebucht; zu zwei Kursen haben wir nun Zusatzkurse angeboten, die sind auch belegt. In zwei Kursen gibt es noch Plätze.

Kommen Interessent*innen auch von ausserhalb des Kantons?

Ja. Wir haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus verschiedenen Kantonen, auch aus Deutschland.

Denken Sie, die Kurse können aufgrund von Corona trotzdem vor Ort durchgeführt werden? Gäbe es eine Alternative?

Unser Klassenzimmer ist sehr gross, es gibt drei hohe Fenster. Wir teilen FFP2-Masken aus. Je nach den Bestimmungen können wir den Kurs auch teilen und in einen Zusatzraum ausweichen.

Ein Kurs, der bereits Ende März stattfindet, heisst «Schreiben nach der Natur». Was inspiriert Sie an der Natur?

Sent ist ein sehr besonderer Ort. Er liegt auf einer Sonnenterrasse über dem Inn. Durch die Ost-West-Ausrichtung des Tals haben wir den ganzen Tag Sonne. Der Ort ist architektonisch durch die Kultur der Randulins geprägt. Wir werden an verschiedene Orte von Sent gehen und in Worten aufzeichnen, was wir hier erleben.

Anfangs März erscheint Ihr neues Buch «Nahe Tage». Es geht um den Umgang mit Trauer und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Entspringt die Handlung des Buches persönlichen Erfahrungen?

Als man Goethe ungefähr diese Frage in Bezug auf seinen «Werther» stellte, hat er geantwortet, das Buch sei geschrieben mit einer «Phantasie für die Wahrheit des Realen».  Ja, «Nahe Tage» ist ein autobiographisch geprägtes Buch. Aber auch jede Reportage ist ein autobiographischer Text. Ein Ich erzählt, was es erlebt hat. «Nahe Tage» ist mein Debütroman, er ist erstmals 2005 erschienen. Es geht im Hintergrund um Flucht und Vertreibung und im Vordergrund um ein Kind, das mit Traumatisierten aufwächst. Mit Traumatisierten, die nicht sprechen, die nicht erzählen. Mit diesem Text bin ich Schriftstellerin geworden. Es war für mich eine seltsame Erfahrung, nach gut 15 Jahren diesen Text noch einmal zu lesen. Er erscheint jetzt zusammen mit einer Reportage, die ins Sudetenland führt. Und ich schreibe ein Nachwort über den Unterschied von fiktionaler und nicht-fiktionaler Literatur. Also ich habe mich noch einmal mit diesem Text auseinandergesetzt.

Ebenfalls ist ein Lyrikband mit rätoromanischen Gedichten in Aussicht. Sprechen Sie Rätoromanisch?

Im Unterschied zu meinem jüngsten Sohn, der in Sent in die rätoromanische Schule gegangen ist, und im Unterschied zu meinem Mann, der sehr sprachbegabt ist, spreche ich schlecht Romanisch. Aber ich bin immer noch dran! Ich verstehe ganz gut und ich übersetze auch aus dem Romanischen. Ich habe «Rut Plouda» übersetzt, ich habe mit Leta Semadeni gearbeitet. Als Schreiblehrerin habe ich immer wieder Kreatives Schreiben mit Nicht-Muttersprachlern unterrichtet. Und ich habe dabei die Erfahrung gemacht, dass die Fähigkeit zu sprechen und ein poetisches Verständnis für die Sprache zwei ganz verschiedene Dinge sind.

Warum haben Sie sich für Rätoromanisch als Sprache für diesen Band entschieden?

Ich liebe das Rätoromanische. Diese alte und sehr bilderreiche Sprache fasziniert mich. Ich liebe sie so sehr, dass ich Mühe habe, «schlecht» zu sprechen. Ich möchte immer alles schön sagen. Und das ist so ziemlich der schlechteste Ansatz, um eine Sprache zu lernen. Ich habe angefangen, Gedichte auf Rätoromanisch zu schreiben, um mit der Sprache vertraut zu werden. Ich schreibe sie auf Vallader und auf deutsch. Die beiden Sprachen spielen dann miteinander. Es sind Geschwistergedichte. Ich kann mich im Deutschen auch «fälschen», ich kann sehr frei aus dem Rätoromanischen übersetzen, oder ich kann mehrere Varianten anbieten, denn ich bin ja die Autorin in beiden Sprachen. Mein erster Gedichtband heisst «Poesias dals prüms pleds/ Gedichte aus den ersten Wörtern», er ist mittlerweile in der dritten Auflage erschienen. Mein zweiter kleiner Gedichtband heisst «Corniglias/Alpendohlen», es ist ein Band der SJW-Hefte, geschrieben für Kinder an der Schwelle zur Pubertät. Mein dritter Band wird «Marchà nair cul azur/Schwarzhandel mit dem Himmel» heissen. In diesen Schwarzhandel werde ich auch meine „Istanbuler Elegien“ hineinschmuggeln, die ich nur auf deutsch geschrieben habe.