Schneewittchen und die Pussy

Schneewittchen und die Pussy

Das Frauenhaus Graubünden macht derzeit mit ihrer Aktion «16 Tage» auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. In Davos fand dazu die Veranstaltung «My pussy real soft» von Sonja Hartmann statt. Ihre Show geht unter die Haut.

Jedes Kind kennt Schneewittchen. Aber kennt man es auch aus feministischer Sicht? Sonja Hartmann aka Sonja.Silber auf Instagram erzählt das Märchen der Gebrüder Grimm in ihrer Show «My pussy real soft» im Kulturhaus Davos so: Eine Frau machte sieben Männern den Haushalt und würde es heute noch tun, wenn sie nicht von einem Prinz gerettet worden wäre. «Und wenn sie nicht gestorben sind, dann putzt sie ihm heute noch das Schloss», sagte Sonja Hartmann. Es ist die Kurzfassung von dem, was Sonja Hartmann auf der Bühne sagt; ein anderer Schlüsselsatz lautet: «Der Apfeltrick, das weiss man schon seit Adam und Eva, funktioniert bei Frauen immer.»

Was auch immer funktioniert bei Frauen: Schönheitsideale. Sonja Hartmann geht spielerisch damit um, was Frauen alles auf sich nehmen, um einem Mann zu gefallen. Es beginnt im Fitnessstudio, bei der Haarpflege am Körper und endet bei den Verhütungsmitteln: Eine ganze Reihe für Frauen mit noch mehr Nebenwirkungen, ein Kondom für die Männer, einzige Nebenwirkung: «Es stört. Es passt nicht in den Ablauf.»

Eigentlich, das muss man zugeben, hat man alles schon einmal gehört. Es aber so präsentiert zu bekommen, trifft manchmal an Orten, wo man nicht getroffen werden will. «Es ist never enough – nough – nough» heisst der fiktive Beautychannel auf Youtube, den Sonja Hartmann präsentiert – und so kommt es auch rüber: Was man auch tut, es ist nie genug. «Das bisschen Haushalt», summt sie einmal das Lied von Barbara Schöneberger, «macht sich von alleine, sagt mein Mann.»

Aus Spass wird ernst

Die Show endet mit einer Frauenstimme aus dem Off, die davon spricht, welche Kleider Frauen trugen, als sie sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt wurden. Der vorteilsbehaftete Minirock kommt einmal vor – der Rest sind Alltagskleider von der Jeans über T-Shirt bis zum Pijama. «Manchmal ist der Täter auch der Mann im Zimmer nebenan», hatte Sonja Hartmann vorher gesagt. Aus Spass war schon lange ernst geworden.

So passt, was Sozialpädagogin Seraina Stalder als Vertreterin des Frauenhauses im Anschluss über die typischen Klientinnen im Frauenhaus sagt. Es beginnt meist mit einem Telefon, in der eine Frau ihr oft schamerfülltes Geheimnis mit einer Unbekannten im Frauenhaus teilt. Oft sind Kinder im Spiel und oft ist der Leidensdruck noch nicht zu gross.

Wird er es doch, so können die Frauen ins Frauenhaus. Der Standort ist geheim, man holt sie an einem neutralen Ort ab. Das Frauenhaus Graubünden ist ein stationäres Kriseninterventionsangebot und ist 24 Stunden täglich an 365 Tagen im Jahr erreichbar. Für jede Frau, die Schutz sucht. «Das eigentliche Problem sind nicht, wie oft unterstellt wird, Falschanschuldigungen. Das eigentliche Problem ist, dass nur etwa zehn Prozent der Betroffenen sich überhaupt bei der Polizei melden und nur acht Prozent Anzeige erstatten», sagt Seraina Stalder. Strafverfahren enden in drei von vier Fällen in einem Freispruch für die Tatperson.

«Gewalt an Frauen ist keine Privatsache, sondern ein gesellschaftliches Problem», sagt Seraina Stalder. «Das Frauenhaus Graubünden leistet einen wichtigen Beitrag: Als konkretes Hilfsangebot in einem komplexen, schwierigen, äusserst anspruchsvollem Kontext.» Und wenn man Seraina Stalder zuhört, wünscht man sich, dass noch ganz viele Frauen die Show von Sonja Hartmann sehen: Damit sie wissen, dass das, was sie vielleicht als normal empfinden, es gar nicht ist. Und vor allem: Dass man nicht alles einfach akzeptieren muss und es Möglichkeiten gibt, sich zu wehren.

Die «16 Tage» finden noch bis zum 10. Dezember statt. Das genaue Programm gibt es hier: 16 Tage.

(Bilder: GRHeute)

author

Rachel Van der Elst

Redaktionsleiterin/Region
Rachel Van der Elst mag Buchstaben: analog, virtuell oder überall, wo Menschen sind. In einem früheren Leben arbeitete sie unter anderm bei der AP, beim Blick, bei 20Minuten, beim Tages-Anzeiger und bei der Südostschweiz. In ihrer Handtasche immer dabei: Jasskarten.