Martullo-Blocher: «Bündner müssen mehr Gewicht erhalten in Bern»

Martullo-Blocher: «Bündner müssen mehr Gewicht erhalten in Bern»

Mit der Nationalrats-Nomination von Magdalena Martullo-Blocher hat die Bündner SVP einen Farbtupfer im ansonsten eher faden Wahlkampf gesetzt. Dass die 46-Jährige in die Politik eintritt, hat auf Seiten der Wirtschaft für Applaus und auf Seiten der SVP-Gegner für Entsetzen gesorgt. GRHeute hat exklusiv mit der Unternehmerin gesprochen.

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Magdalena Martullo-Blocher, Sie haben sich im April entschlossen, sich als Nationalratskandidatin zur Verfügung zu stellen. Wie viel Überwindung hat Sie das gekostet?

Schon als Kind war Politik bei uns immer ein grosses Thema. Ich wusste deshalb schon, was das bedeutet, wie schwarz und weiss die Politik sein kann und dass diese Arbeit eine undankbare Aufgabe ist. Ich habe miterlebt, wie mein Vater ohne sachliche Argumente aus dem Bundesrat abgewählt wurde. Das kann schon abschrecken, wenn man sieht, wie viele Berufspolitiker – die sich nur schon aus finanziellen Gründen an ihre Ämter klammern – um jeden Preis versuchen, nicht anzuecken, um ihre Macht zu erhalten. Aber manchmal muss man halt einfach mit Mut und Kraft für etwas einstehen, wenn es in die falsche Richtung läuft.

Sie sind zwar die erfolgreichste Unternehmerin im Kanton, trotzdem kennt man Sie nicht überall. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

In erster Linie bin ich Unternehmerin und Mutter. Für mich geht es in der Politik immer um Ausbildungs- und Arbeitsplätze, um den Wohlstand der Bürger. Uns gehts zurzeit sehr gut, aber wenn ich sehe, wie jetzt an allen Fronten leichtsinnig an den Staatssäulen gerüttelt wird, die unser Land stark gemacht haben, dann macht mir dies grosse Sorgen. Die Wirtschaft wird zunehmend deutlich stärker belastet und eingeschränkt. Und wenn Vorteile und Arbeitsplätze einmal weg sind, kann man sie, gerade in einem Randkanton, nur schwer zurückgewinnen. Wie schwierig es ist, neue Firmen anzusiedeln, sehen wir am Beispiel bei der stillgelegten Sägerei in Domat/Ems. Darum kämpfe ich für die Interessen von Graubünden und der Schweiz. Wir müssen uns in unserem Kanton bewusst sein, dass wir als Randregion auch abhängig sind von anderen Kantonen und deren finanzieller Verfassung. Der Finanzausgleich ist für Graubünden existenziell wichtig, und er kommt, gerade weil die anderen Kantone auch zunehmend Mühe haben, laufend stärker unter Druck. Ich masse mir an, hier ein Gesamtbild zu erkennen und Mehrheiten für Graubünden gewinnen zu können.

Die Konstellation mit dem vereinten Mitteblock ist allerdings schwierig. Wie schätzen Sie Ihre Wahlchancen ein?

Schwierig zu sagen. Wir wollen unseren Sitz verdoppeln, das ist anspruchsvoll. Ich glaube, dass die SVP Stimmenanteile gewinnen kann, einfach, weil viele Leute genug haben vom mutlosen Zickzackkurs vieler Politiker in Bern. Mit der Listenverbindung FDP/CVP/BDP haben sich die Ängstlichen mit den Schwachen gegen mich verbündet. Sie wollten die SVP nicht dabei haben, weil wir dann den zweiten Sitz gewonnen hätten. Wer FDP wählt, wählt jetzt auch CVP und BDP und umgekehrt. Wer die eine Partei wählt, wählt die andere mit. Ich verstehe ja, dass die Parteien ihren Sitz sichern wollen. Faktisch schützt aber beispielsweise die FDP Graubünden dadurch den Nationalratssitz der BDP. Als Wähler muss man sich schon überlegen, was das bedeutet. Derartige Kompromisse einzugehen führt dazu, dass man sich am Schluss gegenseitig Gefallen schuldet und sich in Abhängigkeiten verstrickt.

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Ihre politischen Gegner werfen Ihnen vor, Sie seien keine von hier, weil Sie Ihren Wohnsitz an der Zürcher Goldküste haben. Begegnen Ihnen die Leute auf der Strasse auch so?

Nein, das verschwindet im persönlichen Gespräch sehr schnell. Ich habe schon zig-mal gehört: ‚Ach, Sie sind ja eine von uns!‘ Ich bin zwar im Kanton Zürich aufgewachsen, aber wir waren immer sehr viel in Graubünden, von klein auf. Steuerlich wäre es für mich sogar bedeutend attraktiver, wenn ich den offiziellen Wohnsitz in der Lenzerheide hätte. Zürich würde jedoch nur auf meine Steuern verzichten, wenn ich meine drei Kinder umschulen würde. Das möchte ich nicht machen, weil so eine Änderung für alle drei einschneidend wäre. Ich führe bereits seit 12 Jahren die EMS-CHEMIE und verbringe mehr Zeit in Graubünden als im Kanton Zürich. Dank meiner Wahltour kenne ich den Kanton Graubünden nun noch bis in alle Ecken und Täler, da scheue ich keinen Vergleich mit anderen Kandidatinnen und Kandidaten. Dass man nicht im Wohnort-Kanton kandidiert, ist übrigens gar nicht so selten: Zürich hatte immer zwei Nationalräte, die nicht im Kanton wohnten. Gleich fünf Walliser kandidieren in anderen Kantonen.

Gerne wird von Medien und Gegnern auch vorgeworfen, es gäbe eine Martullo-Blocher-Klausel, der Ihnen einen allfälligen zweiten Sitz garantieren würde.

Diese Klausel gab es schon vor vier Jahren bei der SVP Graubünden. Das hat mit mir nichts zu tun. Grundsätzlich verstehe ich die Kritik nicht: Es ist doch richtig, dass von einer Partei die Person nach Bern geht, die am meisten Stimmen hat, oder? Die Aufregung kam vom Unterland, wo man mehrere Parteilisten, wie es sie in Graubünden gibt, gar nicht kennt. Allein von der SVP Graubünden haben wir dieses Jahr vier Listen. Wir wollen keinen internen Listenkampf führen. Derjenige, der am meisten Stimmen erhält, soll nach Bern gehen. Ob es trotz Listenverbindung von Mitte/Links für uns für 2 Sitze reicht, werden wir dann sehen.

Erfolgreich: Als CEO führt Magdalena Martullo-Blocher die Ems-Chemie von einem Rekordergebnis zum andern.
Erfolgreich: Als CEO führt Magdalena Martullo-Blocher die Ems-Chemie von einem Rekordergebnis zum andern.

Immerhin die Unterstützung der Bündner Wirtschaft ist Ihnen gewiss…

…alles andere hätte mich auch sehr überrascht. Ich glaube nicht, dass es einen wirtschaftsfreundlicheren Nationalratskandidaten gibt als mich. Die Verbände wünschen sich ja auch, ihre Anliegen in Bern stärker einbringen zu können als bisher. Ich kenne auch die Verbandsarbeit, leite schon seit 12 Jahren den Wirtschaftsausschuss der Pharma/Chemie und habe viele direkte Kontakte zu Parlamentariern und Bundesräten. Gerade für Bündner Anliegen wie Tourismus, Berglandwirtschaft oder Verkehr ist dies nützlich.

Als CEO eines globalen Milliardenunternehmens, dreifache Familienfrau und nun als Nationalratskandidatin haben Sie eine Menge zu tun. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

Da habe ich als Unternehmerin natürlich Erfahrung. Wir haben bei EMS ja immer vielfältige neue Situationen, die wir bewältigen müssen – wenn ich da nur beispielsweise an die Eurokrise denke. Ich bin jetzt seit 12 Jahren verantwortlich für EMS, und es ist immer irgendwie gegangen. Eine meiner Stärken ist, dass ich gut organisieren und effizient arbeiten kann. Übrigens bin ich auch gewohnt, an verschiedenen Orten zu arbeiten.

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Sie standen bisher immer im Schatten Ihres berühmten Vaters Christoph. Was verändert sich, wenn man plötzlich selbst im Mittelpunkt steht?

Zum einen stellt sich praktisch plötzlich ein grosser Bekanntheitsgrad ein. Überall winken einem die Leute zu, man ist sofort im Gespräch, hört Sorgen und Nöte und viele Glückwünsche. Die negativen Stimmen halten sich ja bekanntlich in der Schweiz lieber im Hintergrund.

Und was, wenn Sie nicht gewählt werden? Ist Ihre politische Karriere dann bereits wieder vorbei?

Das entscheide ich jetzt noch nicht. Politisch werde ich mich sicher weiter einbringen, das habe ich ja auch bisher schon so gemacht. So haben wir bei EMS schon früh die Probleme der Energiewende aufgezeigt, die Situation mit den Forschungsabkommen mit der EU publik gemacht und den Standort Schweiz mit dem Ausland verglichen. Unsere Analysen und Forderungen fanden jeweils durchaus Beachtung in Bern. In dieser Form werde ich mich sicher weiter engagieren.

SVP-Kandidaten: Magdalena Martullo-Blocher und Heinz Brand.
SVP-Kandidaten: Magdalena Martullo-Blocher und Heinz Brand.

Wollen Sie denn überhaupt nach Bern?

Mir wär’s recht, wenn andere fähige Politiker dort eine gute Politik machen würden. Aber ich sehe, dass die Bundespolitik aktuell in eine sehr ungesunde Richtung schlittert. Für viele Politiker geht’s nur noch um Selbstprofilierung. Dies hat grosse Folgen für uns alle. Dieser Entwicklung konnte ich einfach nicht mehr länger zusehen.

Magdalena Martullo-Blocher als erfolgreichste Bündner Unternehmerin kennt man. Wie verbringen Sie Ihre Freizeit als Privatperson?

Am wichtigsten ist mir die Familie und die Natur. Ich verbringe Zeit mit meiner Familie in der Heide, mag die Berge, die Ruhe und die Natur. Berge gibt es tausende Jahre vor uns und nach uns. Diese Erkenntnis gibt mir Kraft und Halt und hilft mir über die Oberflächlichkeit, Leichtsinnigkeit und das oft kurzfristige politische Geschwätz vieler Politiker hinweg. Ich bin zwar nicht supersportlich, dafür fehlt mir schlicht die Zeit. Ich gehe aber gerne Wandern und Skifahren. Und ich besuche mit der Familie regelmässig Märkte oder eine Viehschau.

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Zu guter Letzt die Frage: Was hat Graubünden davon, Sie zu wählen?

Ich bin bereit, mit vollem Einsatz für Graubünden einzustehen. Ich verstehe die Zusammenhänge, wann etwas erfolgreich funktionieren kann und wann nicht. Graubünden soll in Bern eine stärkere Stimme haben.

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(Bilder: EQ Images/Gonzalo Garcia)

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Mathias Braendli

Redaktor Region/Sport
Marketeer, Ex-Schreiberling beim BT, Radio Grischa, Touchdown Europe und 20 Minuten. Hört Dylan, Adam Green, Ryder the Eagle und Helloween und fliegt von Football und Hockey über Jassen zu Clash Royale.