«Testen muss Schliessen ablösen»

Der Bundesrat hat am Mittwoch angekündigt, den zweiten Lockdown zu lockern. Für den Bündner Gewerbeverband geht die Landesregierung mit den getroffenen Massnahmen zu wenig weit. Aufgrund der erfolgreichen Teststrategie fordert er in Graubünden weitergehende Öffnungen.

«Mit der erweiterten Teststrategie liegt in Graubünden eine wirkungsvolle und funktionierende Alternative zu den Lockdowns vor», schreibt der Gewerbeverband in einer Medienmitteilung. Nun sei es auch an der Zeit, die erfolgreiche Teststrategie politisch ins Zentrum zu stellen. Aus diesem Grund fordert der Bündner Gewerbeverband, dass der Bundesrat die behördlichen Schliessungen im Kanton Graubünden früher und schneller aufhebt als geplant: «Mit der baldigen Öffnung bei den Restaurationsbetrieben und Freizeiteinrichtungen in den touristischen Regionen würde sich der bereits entstandene enorme wirtschaftliche Schaden wenigsten ein bisschen abfedern.»

Der Kanton Graubünden soll für sein Engagement in Sachen Teststrategie «belohnt» werden, weil er die nötigen Voraussetzungen für ein besseres Pandemiemanagement habe. Mit bald 600 Unternehmen, die bei den Betriebstestungen mitmachen, habe die Bündner Wirtschaft gezeigt, dass sie Verantwortung übernehme.

Zielgerichtet und wirksam

Noch immer ist nicht bekannt, wo sich ein Grossteil der Personen mit dem Coronavirus ansteckt. Aus diesem Grund seien Eindämmungsmassnahmen gefordert, die ohne viel Wissen und unabhängig der epidemiologischen Lage funktionieren, schreibt der Bündner Gewerbeverband: «Hier setzt das risikobasierte systematische Testen an. Dort, wo das Schadenpotenzial grösser ist wie in Spitälern und Altersheimen, wird proaktiv mehr getestet. Dort, wo die Eintretenswahrscheinlichkeit grösser ist, wie bei einer Zunahme der Fallzahlen in einem Betrieb oder einer Gemeinde, wird ebenfalls proaktiv mehr getestet. Damit eine laufende Übersicht gewährt werden kann, wird flächenmässig wiederkehrend in Schulen und Betrieben getestet, aber nur so viel wie nötig.»

Damit würden Infektionsketten laufend unterbrochen. Tägliches Testen anstatt Quarantäne sei ein weiteres Element dieser Strategie. Gemäss Berechnungen der ETH sei ein solches systematisches Testsystem so wirksam, dass es andere Eindämmungsmassnahmen, wie zum Beispiel die Schliessung von Läden oder Restaurants ersetzen kann.

Bündner Teststrategie hat sich bewährt

«Die Bündner Regierung hat mit der Teststrategie den Mut bewiesen, auf eine intelligente und effiziente Form des Pandemiemanagements zu setzen. Graubünden konnte damit zeigen, dass die Teststrategie funktioniert und dass ein sehr grosser Anreiz besteht, freiwillig mitzumachen. Denn Freiwilligkeit und Eigenverantwortung sind die wichtigsten Faktoren, damit die Menschen und Unternehmen längerfristig die Eindämmungsmassnahmen mittragen», so der Verband.

Aktuell haben sich 588 Bündner Unternehmen mit einer Belegschaft von über 29’000 Mitarbeitenden bei den Betriebstestungen im Kanton angemeldet. Über 15’000 Mitarbeitende sind bereits aktiv Teil des Programms und sind am Testen, viele weitere Mitarbeitende sind sich aktuell am Registrieren. Die Teststrategie ist flexibel, was das Infektionsgeschehen angeht und kann künftig angepasst werden, falls es die Lage erfordert. Bei künftigen Ausbrüchen können weitere gezielte Massentests wie in St. Moritz und Arosa durchgeführt werden. Dass die Betriebstestungen eine nachweisbare Wirkung haben, zeigen die Erfahrungen im Puschlav, St. Moritz und Arosa und die Fallzahlen im Allgemeinen im Kanton.

«’Testen‘ muss ‚Schliessen‘ ablösen»

«Die Teststrategie ist gegenüber den Schliessungen im Vorteil, weil die Wirksamkeit klar nachgewiesen werden kann. Diese Massnahme ist verhältnismässiger und für die Bevölkerung einfacher nachzuvollziehen. Zudem verursacht sie wesentlich tiefere Kosten und fast keine Kollateralschäden», so Direktor Maurus Blumenthal.

Der aktuelle Lockdown koste pro Woche über eine Milliarde Franken. Die sozialen und psychischen Schäden sind enorm, gerade auch bei Unternehmer, Arbeitnehmer und Lernenden. «Aus all diesen Gründen soll im Kanton auf das Testen als tragende Säule im Umgang mit der Pandemie gesetzt werden. Die Bündner Regierung soll, sobald das Testsystem vollständig implementiert ist, den Mut haben, vom Bund die Aufhebung aller Schliessungen im Kanton einzufordern. Der Bundesrat soll dem Kanton Graubünden diese Möglichkeit geben, damit dieser aufzeigen kann, dass die Teststrategie – natürlich in Verbindung mit den Schutzkonzepten – in der Praxis funktioniert. Da nun die Bewohner in den Alters- und Pflegeheimen im Kanton geimpft sind, gibt es keinen Grund mehr, mit den Öffnungen nicht schneller voranzugehen. Ebenfalls ist darauf hinzuweisen, dass trotz der deutlichen Erhöhung der Anzahl Tests und den grossen Ausbrüchen mit den mutierten Viren in St. Moritz und Arosa die Fallzahlen im Kanton Graubünden laufend zurückgehen. Die Situation ist also eine andere als im Oktober, als die Fallzahlen das letzte Mal so tief waren wie jetzt.»

 

Aufruf an Betriebstestungen mitzumachen

Die Unternehmen können mit den Betriebstestungen den Schutz ihrer Mitarbeitenden verbessern und einen proaktiven Beitrag zum Umgang mit dem Coronavirus leisten. Mit den Betriebstestungen können (noch) asymptomatische Personen erkannt und damit Infektionsketten frühzeitig unterbrochen werden. Unternehmen, welche die Alternative des Testens zu den Schliessungen unterstützen möchten, sind aufgerufen, bei den Betriebstestungen mitzumachen.

Mitmachende Mitarbeitende, die engen Kontakt (weniger als 1,5 Meter während mehr als 15 Minuten ohne geeigneten Schutz) zu einer infizierten Person hatten, müssen nicht in Quarantäne. Sie können weiterhin arbeiten, sofern sie im Rahmen der Betriebstestungen täglich negativ getestet werden. Die Testungen sind für Betriebe freiwillig. Ebenfalls sind die Testungen für Mitarbeitende von Betrieben, die mitmachen, freiwillig. Betriebe, die bei diesen gezielten und systematischen Betriebstestungen in Graubünden mitmachen möchten, können sich auf der Webseite des Kantons informieren und sich dort auch anmelden: www.gr.ch/betriebstests.

 

(Symbolbild: Pixabay)