Big Air 2022: Einfach cool oder einfach dekadent?

Die Obere Au verwandelt sich dieses Wochenende wieder in eine grosse Partyhütte. Im Gegensatz zum letzten Jahr, als kritische Stimmen noch rar waren, wurden vor dem Big-Air-Festival 2022 aber diverse negative Kommentare laut. 

Hoch in den Churer Himmel erhebt sich die Big-Air-Schanze an der Obere Au. Vor einem Jahr feierte der Event – getragen auf der Post-Corona-Partywelle – eine triumphalen Premiere. Einige Wochen später gab der euphorische Churer Gemeinderat grünes Licht, in den nächsten fünf Jahren 2,4 Millionen Franken an die First Event AG zu bezahlen. Mitte Februar sprach sich auch eine klare Mehrheit von 56,74% der Churer Stimmberechtigten für den Millionensegen an die First Event AG, ansonsten Organisatorin des Openairs Frauenfeld, aus.

Zehn Tage später griff Russland die Ukraine an und löste damit eine weltweite Krise aus, die zumindest finanziell längst auch die Schweiz erreicht hat. Niemand scheint heute mit Sicherheit zu wissen, was da im Winter bezüglich Energie auf uns zukommt. Im September wandte sich der Bundesrat schon mal an die Schweizer Bevölkerung mit der Bitte, doch bitte die Lichter zu löschen und zu duschen statt zu baden. Auch die Stadt Chur erahnte die drohenden Gefahren und zog exemplarisch dem Quadereis den Stecker für die kommende Wintersaison. Die Kosten für den Betrieb des Quadereises während der Wintersaison hätten ironischerweise rund eine halbe Million betragen – ziemlich genau so viel wie die zweitägige Big-Air-Sause an der Oberen Au am Wochenende.

Absage unmöglich

Eine Absage des Big Air kam für die Stadt Chur aber nicht in Frage. «Die Verträge mit den Künstlerinnen und Künstlern sind unterschrieben, die Bestellungen sind ausgeführt. Wenn wir jetzt absagen würden, wäre dies ein einseitiger Beschluss der Stadt, und wir wären schadenersatzpflichtig», so Stadtpräsident Urs Marti im September gegenüber der Südostschweiz. Im selben Artikel verwies René Götz, Geschäftsführer der Veranstalterin First Event AG, darauf, dass der Event auf Nachhaltigkeit ausgelegt sei. «Am letztjährigen Big Air Chur lag der Energieverbrauch pro Person und Tag bei 2,58 Kilowattstunden (kWh).» Dieser Wert liege unter dem durchschnittlichen Energieverbrauch eines Einpersonenhaushalts von 3,56 kWh pro Tag, so Götz.

Bei 30’000 Besucherinnen und Besuchern ist die verbrauchte Energie gleichwohl eine ganze Menge. Und auch fern aller Zahlen bleibt bei vielen dieses Jahr ein ungutes Gefühl, wie diverse Leserbriefe und Social-Posts belegen: Künstliche Schneeproduktion im Herbst, diverse Bauten, Lichtshows und Künstler aus aller Welt, die für einen Gig nach Chur eingeflogen werden – das alles passt für viele so gar nicht mit der Sorge um eine Eskalation des Krieges und den Energie-Empfehlungen des Bundes zusammen. Auch andernorts haben Big-Air-Events derzeit einen schweren Stand: Im schwedischen Falun musste der Big-Air-Weltcup in den Disziplinen Snowboard und Ski Freestyle abgesagt werden, weil die Verantwortlichen in der derzeit schwierigen wirtschaftlichen Situation nicht genügend Sponsoren fanden.

Die Wirtschaft wird’s danken

In Chur ist dies dank den Geldern der Stadt anders: Heute erfolgt auf der Obere Au mit viel Getöse der Auftakt in die Big-Air-Weltcupsaison. Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer werden am Wochenende den Freestylern, den Snowboard-Assen und den Musik-Stars zujubeln – und der Churer Wirtschaft sicher auch den erwünschten, kräftigen Schub verleihen.

Und doch strahlt der gigantische Big-Air-Turm an der Obere Au dieses Jahr anders als noch letzten Herbst. Für viele hat er mit der zweiten Ausgabe mehr als nur an Faszination verloren. 

 

(Archivbild: zVg.)