«Wir stellen die Gemeinden vor vollendete Tatsachen»

Der Kanton Graubünden ist bei der Platzierung von Flüchtlingen am Anschlag. Neben den sechs bestehenden Zentren sind dieses Jahr sieben neue eröffnet worden. Neben Valchaba wird auch in Andeer eine temporäre Anlage betrieben, für den Betrieb im nächsten Jahr wurden bereits Liegenschaften in Disentis/Mustér und Trimmis gemietet. GRHeute hat mit Marcel Suter, Leiter des kantonalen Amts für Migration, gesprochen.

Herr Suter, sie hatten heute sicher viel zu tun?

Ja, das kann man sagen. Mehr oder weniger war meine Zeit heute von Medienanfragen belegt.

Sie kommunizierten am Mittwoch gleich vier neue Flüchtlingszentren in Graubünden. 

Es bleibt uns nichts anderes übrig. Die Zuteilungsquoten vom Bund sind sehr hoch, wir mussten einerseits Sofortmassnahmen mit privaten Anbietern treffen und andererseits neue Liegenschaften mieten.

Gerade im Münstertal wird die Kommunikation des Kantons stark kritisert. Sie hätten letzte Woche vom Vorhaben der Regierung erfahren, und am Montag seien schon die Flüchtlinge eingezogen. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Wir haben zuerst mit dem privaten Anbieter gesprochen und dann Vertragsverhandlungen geführt. Wir haben festgestellt, dass wir nicht kommunizieren können, weil wir nicht Gefahr laufen wollen, dass uns die Gemeinden die Objekte vor der Nase wegschnappen.

Sie sprechen das Transitzentrum in Laax an, das die Gemeinde vor zwei Jahren mit einer Umzonung blockieren wollte, letztlich aber klein bei geben musste. Das wollte Ihr Amt, jetzt beispielsweise im Fall Val Müstair, nicht riskieren.

Die Lage ist klar. Wir mieten die Anlage an und stellen die Gemeinden im Grunde vor vollendete Tatsachen.

Können Sie nachvollziehen, dass dieses Vorgehen in den Gemeinden für rote Köpfe sorgt?

Das kann ich schon nachvollziehen. Aber wir können es vorgängig aus den erwähnten Gründen nicht kommunizieren. Aber wir merken auch, dass die Solidarität langsam zu spielen beginnt. Dies ist in den letzten Jahren deutlich besser geworden.

Die Flüchtlinge in Val Müstair sind vom angesprochenen Transitzentrum aus Laax abgezogen worden. Wie ist die aktuelle Lage im Münstertal?

Sie hat sich relativ schnell entspannt. Man muss ihre Situation auch verstehen. Sie kamen aus Laax, aus einer touristischen Gegend mit guten Verbindungen nach Chur. Sie wohnten im Hotel Rustico auf einem eher gehobenen Standard. Da ist es verständlich, dass das Massenlager in Val Müstair nicht gerade auf viel Gegenliebe stösst.

Warum schieben Sie junge Männer ab, anstatt Familien, die das Leben in der Abgeschiedenheit vielleicht eher geniessen?

Wir haben relativ viele Familien in Laax und mussten noch mehr Platz für andere schaffen. Die Kinder können von Laax aus unterrichtet werden und werden jeweils mit einem Shuttle-Bus nach Schluein gebracht. Diese Infrastruktur aufzubauen wäre in Val Müstair schwierig. Man muss aber klar sehen: Diese Männer kommen aus Krisenregionen. Sie sind echte Flüchtlinge.

Knapp 900 Flüchtlinge sind dieses Jahr nach Graubünden gekommen. Wie sieht es mit den derzeitigen Kapazitäten aus?

Im Moment reicht es gerade. Wenn uns vom Bund auch weiterhin eine solch hohe Zuweisungsquote zugeschrieben wird, werden wir im Sommer, Herbst 2016 sicher nochmal ein oder zwei neue Zentren öffnen müssen.

Wo wird das sein?

Das wissen wir noch nicht. Wir führen dazu seit langem eine Liste mit möglichen Objekten. Wir gehen davon aus, dass erneut etwa 900 Flüchtlinge nach Graubünden kommen, was bei unserer Quote etwa 35-40’000 Flüchtlingen für die Schweiz entsprechen würde.

 

Flüchtlingsunterkünfte in Graubünden

 

(Bild: Screenshot RTR)