«Das ist eine glatte Lüge»

Die Bündner Regierung beantragt dem Grossen Rat, die Botschaft zur kantonalen Volksinitiative «Für eine naturverträgliche und ethische Jagd» abzulehnen. Das Anliegen ist ihr zu extrem und teilweise ungültig. Gleichzeitig hat die Regierung das Vernehmlassungsverfahren zur Teilrevision des kantonalen Jagdgesetzes und der dazugehörenden Jagdverordnung eröffnet, worin verschiedene Anliegen der Volksinitiative berücksichtigt werden. GRHeute hat mit einer der Initianten der Initiative, Marion Theus, gesprochen.

Marion Theus, Sie sind Präsident des Vereins Wildtierschutz Schweiz. Ich nehme an, Sie sind nicht zufrieden mit der Botschaft der Regierung.

Nein, gar nicht. Man kann einfach nicht immer alles mit dem Gewehr lösen.

Das ist aber etwas gar pauschal gesagt, oder?

Beim Amt für Jagd läuft es doch immer auf das Gleiche hinaus, ob es um die Jagd oder um Abschussbewilligungen geht. Man will immer alles mit dem letzten Mittel, dem Abknallen, lösen. Generell merken wir aber schon, dass man unsere Stimme hört, aber es passiert daraufhin einfach nichts. Genau darum wollen wir auch mehr mitreden.

Die Regierung wirft Ihnen Fundamentalismus vor. Sie seien prinzipiell gegen die Jagd.

Die Initiative ist überhaupt nicht grundsätzlich gegen die Jagd. Das ist einfach nicht wahr. Das ist eine glatte Lüge. Die, die das behaupten, sind unter Druck und sagen daraufhin einfach, wir seien extreme Tierschützer. Dabei sind unsere Forderungen moderat.

Immerhin wollen Sie faktisch auch die Nachjagd abschaffen. Die Regierung sagt, das sei aufgrund von Bundesgesetzen ein ungültiges Begehren. Was meinen Sie dazu?

Wir haben umfangreiche Gutachten gemacht. Ausser dem Passus der schulischen Instruktionen ist alles legitim. Die Antwort der Regierung ist schwierig zu erklären. Die entsprechenden Bündner Kommissionen bestehen halt aus Jägern oder Befürwortern. Wir fordern, dass auch andere Kreise mitreden dürfen. Man darf nicht vergessen, dass die Nachjagd auch ein Störfaktor für den Tourismus ist.

Die Regierung kommt Ihnen bei einigen Punkten aber auch entgegen. Anerkennen Sie das?

Das sind doch nur ‚Buabatrickli‘. Das sind nur Trostpreise. Im Gegenteil es wurden gar keine neuen Limiten gesetzt. Dass die Fallenjagd zukünftig nicht mehr erlaubt sein würde, war sowieso ein klarer Fall. Das hat mit Jagd nichts zu tun, und selbst die Jäger sagen, das sei Blödsinn. Auch die geforderte Schiesspflicht ist ein ‹Trickli›. Was nützt es, auf 100 m auf eine feste Scheibe zu schiessen? Da trifft ja jeder «Tubel» und hat mit der Jagd nichts zu tun. Wir haben die Schiesspflicht verlangt, weil es zu viele Fehlschüsse gibt. Es kann nicht sein, dass Leute auf die Jagd gehen, die nicht schiesssicher sind.

Sie sind als Präsidentin des Vereins Wildtierschutz Schweiz sehr jagdkritisch, nennen sie «barbarisch». Aber es gibt in Graubünden ja auch noch die Jahrhunderte alte Tradition des Jagens. Ist das nichts wert?

Bis zu einem gewissen Grad schon. Aber es gab ja auch mal die Tradition der Sklaverei und die Tradition der Frauenausbeutung. Macht die Tradition dies besser? Nicht alle Traditionen sind gut.

Die Bündner Regierung hat beschlossen, dem Grossen Rat keinen Gegenvorschlag vorzulegen, sondern die Initiative abzulehnen und – wie erwähnt – einige Punkte in die Teilrevision des Jagdgesetzes zu integrieren. Frustriert Sie das?

Es ist einfach unerklärlich. Sie haben Angst, einen Gegenvorschlag einzureichen und setzen darauf, dass unser Anliegen zu schwierig ist, um es für eine Abstimmung der Bevölkerung zu erklären. Die Jägerschaft versucht ständig, dass man nichts aus ihren Reihen erfährt. So gibt es beispielsweise in vielen Regionen Wilderei. Aber die Jäger verschleiern alles und die Bevölkerung kriegt nichts davon mit.

Welche Anliegen sind Ihnen in der Initiative besonders wichtig?

Kinder unter 12 Jahren sollte man nicht mehr auf die Jagd mitnehmen dürfen. Da lernen sie es. Wir haben schon viele weinende Kinder erlebt, als ein Tier geschossen wurde. Aber sie denken, wenn der Papa oder der Onkel das macht, dann kann das ja auch nicht schlecht sein. So wächst dann die nächste Generation von Jägern heran.

Vor kurzem hat der Bündner Jagd-Verband das Voting für die Bündner Jägerin der nächsten Jahre gestartet. Das macht Ihnen wahrscheinlich keine Freude, oder?

Das ignorieren wir. Das ist reine Propaganda. Ich bin entsetzt und es ist mir ein Rätsel, warum diese Frauen das tun. Es ist klar, warum sie das machen: Weil sie das schon als Kinder gelernt haben. Warum sie sich nicht woanders emanzipieren, ist für mich unverständlich.

Der Grosse Rat wird über Ihre Initiative beraten und im Oktober zum neuen Jagdgesetz und zur Jagdverordnung Stellung nehmen. Es ist möglich, dass Ihre Initiative zur Abstimmung kommt. Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Wenn es darauf ankommt, dann hat das Bündner Volk eigentlich immer zugunsten der Natur entschieden. Es geht ja nur um tierschützerische Eingriffe, die Jagd wird ja nicht abgeschafft. Für mich ist klar, dass der Widerstand gegen die Jagd in der heutigen Form wächst.

Die Initiative kommt vom einem schweizerischen Verband. Warum haben Sie Graubünden für Ihre Initiative vorgesehen?

Es gibt mehr Jäger in Graubünden als sonst wo in der Schweiz. Ein Erfolg hätte eine grosse Signalwirkung. Es ist ja auch ein Witz und schizophren, wenn beispielsweise der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi sagt, es mache einem ganz besondere Freude, wenn man ein Tier schiessen könne, dass man kenne.

Noch eine Frage zum Schluss: Sie sind Tierschützerin, dann nehme ich an, dass Sie auch Vegetarierin sind, oder?

Natürlich bin ich Vegetarierin! Man würde sich auch unglaubwürdig machen, wenn man als Tierschützerin Fleisch isst. Es geht nicht, das aufzuessen, was man schützen will. Das wäre, wie wenn ein Chirurg gleichzeitig auch Totengräber wäre.

 


Graubünden hält die Fäden in der Hand

Die Regierung hat zwar den Grossteil der Initiative für gültig (siehe unten) erklärt, mehrere aber auch als ungültig erklärt. Schon im Februar hatte der Grosse Rat unter Führung der BDP, CVP und Teilen der FDP eine Initiative für ungültig erklärt. Diese wollte keine Einschränkung der Jagd, sondern eine Ausweitung der Hochjagd von 21 auf 25 Tagen in den Oktober hinein, um das Abschuss-Soll zu erfüllen. Zu diesem Zweck wäre auch die verstärkte Jagd in den Wildschutzgebieten zuzulassen gewesen.

Im Gegensatz zur gestrigen Ablehnung empfohlenen Initiative «Für eine naturverträgliche und ethische Jagd» (3250 Unterschriften) hatten diese damals über 10’000 Bünderinnen und Bündner unterschrieben. Trotzdem hatte die Regierung auf einen Gegenvorschlag verzichtet.

Gestern nun wurde das vom Kanton erarbeitete Vernehmlassungsverfahren zur Teilrevision des kantonalen Jagdgesetzes und der kantonalen Jagdverordnung eröffnet (bis 22. Februar 2016). Beide Vorlagen werden in der Oktobersession 2016 durch den Grossen Rat behandelt.

 

(Bild: Screenshot Youtube – der Bündner Jagdinspektor Georg Brosi)